Serie „Blick ins alte Emden“

Von Pfeilern, die nie eine Brücke trugen

| | 01.11.2021 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Am Ufer des Ems-Jade-Kanals in Emden befinden sich zwei Pfeiler, die nie eine Brücke getragen haben. Fotos: Hanssen
Am Ufer des Ems-Jade-Kanals in Emden befinden sich zwei Pfeiler, die nie eine Brücke getragen haben. Fotos: Hanssen
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An einer Stelle des Ems-Jade-Kanals in Emden ragen zwei Bauwerke in die Höhe. Ihre Geschichte führt zurück in die Zeit der ostfriesischen Küstenbahn. Und sie sind nicht deren einzige Überbleibsel.

Emden - Entlang des Ems-Jade-Kanals, der sich zwischen Emden und Wilhelmshaven erstreckt, lässt es sich herrlich spazieren, radfahren - und kuriose Dinge entdecken. Auf Höhe der Sportplätze der Eintracht Emden finden sich am Ufer des Kanals nämlich eigenartige Bauwerke. Sie sind aus Beton und nicht gerade klein. In einer neuen Folge unserer Serie „Blick ins alte Emden“ erklären wir, was es damit auf sich hat.

Die Pfeiler bröckeln und sind mit Graffiti versehen. Häufig klettern Jugendliche auf ihnen herum.
Die Pfeiler bröckeln und sind mit Graffiti versehen. Häufig klettern Jugendliche auf ihnen herum.

Wer sich die Bauwerke aus der Luft anschaut, kommt eigentlich ziemlich schnell drauf: Es handelt sich um Pfeiler, die eigentlich eine Brücke tragen müssten. Der Emder Thomas Feldmann weiß Genaueres. Er betreibt die Internetseite „Westbahn.de“, auf der er Historisches rund um die Eisenbahn in Ostfriesland beschreibt. Dort erklärt er, dass nach Fertigstellung der Hannoverschen Westbahn, die Emden ab dem Juni 1856 mit Rheine verband, schnell der Wunsch aufkam, die ganze Küste zu vernetzen. Eine Argumentation dafür: Schon damals wollten viele Menschen zur Erholung nach Norderney reisen. Die Strecke sollte also dicht an der Küste entlang laufen und rund 825.000 Reichstaler kosten.

Der erste Weltkrieg verändert alles

Dass schon damals Baumaßnahmen der Bahn länger dauern konnten, zeigt sich daran, dass erst ab 1883 die Strecke zwischen Harsweg in Emden und Norden den Betrieb aufnahm. Der Zug hielt unter anderem in Suurhusen, Loppersum und Georgsheil, später auch etwa in Marienhafe, Lütetsburg und Wittmund. Es gab aber ein Problem: Die Züge mussten stets rückwärts aus dem Emder Bahnhof heraus, der sich damals dort befand, wo heute der Alte Binnenhafen ist. Um 1900 kam also die Idee auf, eine Umgehungsbahn zu bauen. Diese sollte auf Höhe des heutigen Stadtteils Friesland abzweigen und nordöstlich um die Stadt herumführen, um dann bei Harsweg wieder auf die Küstenbahn zu treffen.

Auf der Karte von 1914 erkennt man, wo die geplante Umgehungsbahn langführen und Brücken gebaut werden sollten. Die Buchstaben stehen für die Querungen des Ems-Jade-Kanals (B), der Wolthuser Straße (C), des Treckfahrtstiefs (D) und des Hinter Tiefs (E). Quelle: Westbahn.de
Auf der Karte von 1914 erkennt man, wo die geplante Umgehungsbahn langführen und Brücken gebaut werden sollten. Die Buchstaben stehen für die Querungen des Ems-Jade-Kanals (B), der Wolthuser Straße (C), des Treckfahrtstiefs (D) und des Hinter Tiefs (E). Quelle: Westbahn.de

Dafür waren allerdings unter anderem fünf Brücken notwendig – nämlich über das Fehntjer Tief, den Ems-Jade-Kanal, das Treckfahrtstief, das Hinter Tief und die Wolthuser Straße. Zunächst kamen die Arbeiten gut voran, die Brücke über das Fehntjer Tief wird fast vollendet, bei den anderen werden noch die Widerlager zumindest in großen Teilen fertiggestellt und zumindest die Fundamente bei der Wolthuser Straße gebaut. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Die Arbeiten werden unterbrochen, am 15. Oktober 1920 löst die Eisenbahndirektion Münster die Bauabteilung Emden offiziell auf. „Mit dem Umbau der Haltestelle Larrelter Straße in den Bahnhof Emden West (1935-37) und der Verlegung des Hauptbahnhofes dorthin (1971) wird die Umgehungsbahn schließlich unnötig“, schildert Thomas Feldmann.

Von den Baumaßnahmen zur Umgehungsbahn ist nur die Brücke über das Fehntjer Tief so weit fertig gestellt worden, dass sie heute im Verkehr genutzt wird. Emdern ist sie bekannt als Sandbrücke, über sie führt die Braunsberger Straße. Die Betonpfeiler an dem Ufer des Ems-Jade-Kanals sind noch gut in der Landschaft zu erkennen. Laut Feldmann kann aufgrund ihrer Höhe darauf geschlossen werden, dass hier eine Drehbrücke geplant gewesen sein dürfte. Auch beim Hinter und Treckfahrtstief stehen noch die Brückenpfeiler, die langsam von der Natur überwuchert und von der Zeit abgerieben werden.

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