Kolumne: Artikel 1, GG

Den Mut würdigen

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 03.11.2021 09:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es um Recht.

Am vergangenen Samstag jährte sich zum 60. Mal der Tag des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland. Aus diesem Anlass gab es viele Medienberichte. Auch ich meldete mich zu Wort – unter anderem in Hörfunkbeiträgen. Der Tenor meiner Rückschau: Es war nicht alles gut, was nach dem Anwerbeabkommen passierte. Von heute aus betrachtet hätte die deutsche Politik vieles besser und anders organisieren müssen. Es war aber auch nicht alles so schlecht, wie etliche Nachkommen der Gastarbeiter meinen. Sie kritisieren viel zu viel, blicken mit zu viel Ressentiments zurück und differenzieren nicht hinreichend. Etliche meinen, dass sich die „Gastarbeiter“ hier krank- und kaputtgeschuftet haben.

Zur Person

Canan Topçu (55) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Wie wäre denn das Leben der Großeltern, Eltern und das eigene im Herkunftsland verlaufen? Es waren nämlich die miserablen Bedingungen in der Türkei, die die Menschen dazu brachte, sich auf den Weg nach Almanya zu machen. Und: Es war die türkische Regierung, die sich um der Devisen willen das Anwerbeabkommen bewarb. Niemand ist gezwungen worden, nach Deutschland zu kommen und ist auch nicht mit Zwang hier gehalten worden.

Man und auch frau muss nicht Hellseherin sein, um zu erkennen: Nein, besser wäre es den meisten Menschen nicht gegangen, wenn sie sich nicht auf den Weg gemacht hatten – mit der Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck. Meine Mutter, die als erste nach Deutschland kam und meinen Vater und uns drei Töchter nach und nach zu sich holte, ist leider nicht wirklich glücklich geworden in Deutschland. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Sie hat aber mit ihrem Mut, sich ins Unbekannte zu begeben, mir und meinen Schwestern ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Ich bin ihr dafür sehr dankbar! Traurig bin ich, weil ich es ihr nie sagen konnte. Sie starb, ohne dass wir darüber sprechen konnten. So lange die erste Generation der Gastarbeiter lebt, können wir nachholen, was versäumt wurde: Ihren Mut, ihren Fleiß, ihren Anteil an Prosperität der Wirtschaft würdigen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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