Zeitzeugen-Geschichte

Von Anatolien nach Leer ans Fließband

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 07.11.2021 20:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Fadime und Osman Ular kamen 1969 nach Leer, um bei Olympia zu arbeiten. Seit zehn Jahren lebt das Ehepaar wieder in der Türkei. Foto: privat
Fadime und Osman Ular kamen 1969 nach Leer, um bei Olympia zu arbeiten. Seit zehn Jahren lebt das Ehepaar wieder in der Türkei. Foto: privat
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Sie stammt aus einer Millionenstadt, er aus einem kleinen Dorf: Fadime und Osman Ular arbeiteten bei Olympia in Leer. Dort lernten sie sich kennen. Viele ihrer Träume erfüllten sich, aber nicht alle.

Leer - Hätte es damals die Schreibmaschinenfabrik Olympia in Leer nicht gegeben, wären sie sich nie begegnet. Davon ist Osman Ular überzeugt. Er und seine Frau Fadime stammten aus unterschiedlichen Regionen in der Türkei. „Unwahrscheinlich, dass wir uns dort jemals kennengelernt hätten.“ Es kam anders: In Leer finden sie sich und ihr Glück. Sie heiraten, kaufen ein Haus, bekommen Kinder.

Es ist Jahrzehnte her, dass Osman Ular die Türkei verließ. Arbeitslosigkeit und Armut vertrieben ihn aus dem Dorf Pazarcik in Südanatolien, in dem er aufgewachsen ist. Er besuchte keine Schule, erlernte keinen Beruf. Lesen und Schreiben brachte er sich selbst bei. „Ich hatte keine Perspektive, irgendwann wollte ich nur noch weg. Ich wollte ein besseres Leben“, sagt der heute 80-Jährige.

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Aufbruch in ein fremdes Land

Er ist 27 Jahre alt, als er sich 1969 auf den Weg nach Deutschland macht. Mit einer Arbeitserlaubnis in der Tasche und großen Hoffnungen im Herzen steigt er eines Tages in Istanbul in einen Zug nach Almanya. In Leer steigt er aus. Auf dem Bahnhof erklärt ihm ein Dolmetscher, dass er am nächsten Tag bei Olympia anfängt zu arbeiten. Er hat keine Ahnung, was für ein Betrieb das ist. Die erste Nacht und die nächsten Jahre ist ein Werks-Wohnheim am Hermann-Lange-Ring sein Zuhause. „Die Leeraner sagten Hungerbunker dazu. Vier Männer teilten sich ein Zimmer. Wir schliefen in Etagenbetten“, erinnert sich Osman Ular.

Einige Jahre lang hatten Fadime und Osman Ular in der Mühlenstraße einen internationalen Feinkostladen. Kismet hieß der. Foto: privat
Einige Jahre lang hatten Fadime und Osman Ular in der Mühlenstraße einen internationalen Feinkostladen. Kismet hieß der. Foto: privat

Fadime Ular stammt aus Konya. Die Stadt südlich von Ankara hat heute mehr als zwei Millionen Einwohner. „Ich bin zur Schule gegangen, lernte einen Beruf. Ich bin Näherin. Verdient habe ich damit in der Türkei nichts“, sagt sie. Auch sie verlässt 1969 ihre Familie. Ihre Eltern haben nichts dagegen. Im Gegenteil, sie bewundern den Mut ihrer Tochter. „Bei mir war auch ein bisschen Abenteuerlust mit im Spiel“, räumt die heute 70-Jährige ein. Die Möglichkeit, nach Deutschland zu reisen, gibt ihr die Chance, etwas von der Welt zu sehen. Ihre Reise endet – genau wie die ihres späteren Mannes – in Leer. Fadime Ular wird ebenfalls bei Olympia angestellt.

Unterstützung für Eltern und Geschwister

„Die Arbeit am Fließband ist nicht schwer. Ein Vorarbeiter hat uns gesagt, so und so musst du das machen. Dann haben wir das so gemacht. Acht Stunden täglich, von morgens 6 Uhr bis am Nachmittag“, so Osman Ular. Im zweiten Monat bei Olympia bekommt er bereits 700 Mark. Von dem Geld schickt er einen Teil nach Hause, um seine Eltern und seine neun Geschwister zu unterstützen.

1975 heiraten Fadime und Osman Ular. Sie arbeiten viel und kaufen sich ein Haus im Berliner-Ring in Leer. Zudem engagiert sich Osman Ular bei Olympia als IG-Metall-Vertrauensmann für die Belange seiner Kolleginnen und Kollegen. Als es darum geht, dass die Fabrik aus Profitmangel geschlossen werden soll, gehört er zu denen, die bei den Demonstrationen für den Erhalt der Arbeitsplätze in der ersten Reihe marschieren. Es ändert aber nichts. Am 30. Juni 1983 ist bei Olympia Schluss. Damit seine Landsleute eine Anlaufstelle haben, wo sie über ihre Sorgen und Probleme sprechen können und Rat finden, wird die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft gegründet. Ular ist 13 Jahre lang deren Vorsitzender.

Feinkostladen Kismet

Die Arbeitslosigkeit macht auch ihm zu schaffen, doch er findet schnell eine neue Stelle – als Küchenmonteur. „Immer auf Montage, weg von zu Hause? Das ist nicht schön“, sagt er. Mitte der 1980er Jahre beginnen dann beide als Betreuer im Awo-Altenheim an der Blinke an zu arbeiten. 1990 macht sich das Ehepaar schließlich selbstständig. In der Mühlenstraße, bei der Buchhandlung Schuster, eröffnen sie einen internationalen Feinkostladen. Kismet nennen sie ihr Geschäft.

1999 gehen sie in den Ruhestand. Seit zehn Jahren leben die beiden wieder in der Türkei. „Wir wären nicht zurückgekehrt, wenn wir in Deutschland von unserer Rente leben könnten. Das geht aber nicht. Wir haben beide immer gearbeitet. Fürs Alter hat es nicht gereicht“, bedauert Osman Ular. Sie wären gerne geblieben.