Zeitgeschichte

Schnell Geld verdienen und wieder heimkehren

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 07.11.2021 09:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
55 türkische Arbeiter kommen am 27. November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Sie sind die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben. Foto: Hub/DPA
55 türkische Arbeiter kommen am 27. November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Sie sind die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben. Foto: Hub/DPA
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Ein Vertrag prägt die Gesellschaft in Deutschland bis heute: Vor 60 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen, um türkische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken.

Leer - Im Nachkriegsdeutschland boomt die Wirtschaft. Doch in den 1950er und 1960er Jahren fehlen Arbeitskräfte – in der Stahlindustrie, in den Autofabriken und auf den Werften. Deutschland schließt mit anderen Staaten sogenannte Anwerbeabkommen, um ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Gedacht war, dass sie nur vorübergehend bleiben, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Viele kehrten aber später nicht in ihre Heimatländer zurück, aus denen sie wegen Arbeitslosigkeit und Armut fortgegangen waren. Sie blieben und bauten sich in Deutschland ein neues Leben auf.

Mit der Türkei wurde der bilaterale und nur zwei Seiten lange Vertrag am 30. Oktober 1961 besiegelt. Zuvor war das Abkommen vom Auswärtigen Amt in Bonn und von der türkischen Botschaft ausgehandelt worden. Das ist jetzt 60 Jahre her. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) vereinbart worden. Weitere Beschlüsse mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien sollten folgen.

Die ersten Türken kommen 1963 nach Leer

1964 besucht der türkische Außenminister Bülent Ecevit Köln. Im Ford-Werk spricht er mit Landsleuten. Foto: DPA
1964 besucht der türkische Außenminister Bülent Ecevit Köln. Im Ford-Werk spricht er mit Landsleuten. Foto: DPA
In den Jahren zwischen 1961 und 1973 bewarben sich mehr als zweieinhalb Millionen Menschen allein aus der Türkei um eine Arbeitserlaubnis in Deutschland, informiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). 1963 kamen die ersten Türken nach Leer. Das waren zwei Frauen und zwei Männer. „Ob sie sich kannten, ob sie aus denselben Orten stammten oder sich aus unterschiedlichen Regionen der Türkei auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, ist nicht bekannt. Darüber gibt es keine Informationen“, heißt es im Leeraner Stadtarchiv. 1965 lebten bereits 250 Frauen (118) und Männer (132) aus der Türkei in der Ledastadt. Sie arbeiteten für Olympia, für die Eisengießerei Boekhoff und für die Jansen-Werft.

Mit der ersten Ölkrise 1973 und den daraus resultierenden Problemen für die deutsche Wirtschaft verloren immer mehr Menschen ihren Arbeitsplatz. Arbeitskräfte aus dem Ausland wurden nicht mehr gebraucht. Nun trat ein Anwerbestopp in Kraft, so die Bundeszentale für politische Bildung. Damit sei den in Deutschland beschäftigten Arbeitsmigranten die Möglichkeit versperrt worden, bei Kündigung des Arbeitsverhältnisses in die Heimat zurückzukehren und später wieder eine Arbeit in Deutschland aufzunehmen.

Dieses Foto aus Privatbesitz stammt aus den siebziger Jahren. Es zeigt einen türkischen Vater und dessen Sohn vor dem Familienauto. Foto: privat
Dieses Foto aus Privatbesitz stammt aus den siebziger Jahren. Es zeigt einen türkischen Vater und dessen Sohn vor dem Familienauto. Foto: privat
In Deutschland nannte man die Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern „Gastarbeiter“, heißt es bei der bpb. Es sei ein Wort aus der Alltagssprache und kein amtlicher Begriff. Im Türkischen sei „Gurbet“ (die Fremde, das ferne Land) zum Synonym für Deutschland geworden. Aus dieser Fremde berichteten die Fortgegangenen von Wohlstand und Freiheit, aber auch von Heimweh, Sehnsucht und Einsamkeit, harter Arbeit, von Rassismus und Diskriminierung. Ihre Erzählungen prägen bis heute das Bild, das sich die Menschen in der Türkei von Deutschland machten.

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