Zeitzeugen-Geschichte

Türken in Deutschland: Mit großem Mut in die Fremde

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 07.11.2021 14:59 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pervin Gültekin (links) mit Kolleginnen im Olympia-Werk in Leer. Sie arbeitete 18 Jahre lang für den Schreibmaschinenhersteller, zunächst in der Stanzerei, später in der Montage. Foto: privat
Pervin Gültekin (links) mit Kolleginnen im Olympia-Werk in Leer. Sie arbeitete 18 Jahre lang für den Schreibmaschinenhersteller, zunächst in der Stanzerei, später in der Montage. Foto: privat
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Vor 60 Jahren kamen die ersten Frauen und Männer aus der Türkei nach Deutschland. Arbeit fanden sie auch in Leer. Pervin Gültekin erzählt, welche Träume sie hatte und was daraus geworden ist.

Leer - Pervin Gültekin ist 19 Jahre alt, als sie sich 1966 alleine auf die Reise in ein fremdes Land begibt. Die gelernte Schneiderin packt einige wenige Kleidungsstücke und etwas Proviant in einen kleinen Koffer. Fotos von ihrem damals erst eineinhalbjährigen Sohn und ihrem Mann, die sie mitnehmen könnte, gibt es nicht. Die junge Frau steigt in ihrer Heimatstadt Samsun am Schwarzen Meer in einen Zug, der sie nach Deutschland bringt. Die Fahrt dauert drei Tage. „Alle in unserem Viertel sprachen davon, wegzugehen. Deutschland sei das Paradies, sagten sie. Das wollte ich sehen und Geld verdienen. Für ein Haus, für ein Auto. Ich hatte Träume“, erzählt die heute 75-Jährige. Sie gehört zu den ersten Türkinnen, die in den 1960er Jahren nach Leer kommen, um beim Schreibmaschinenhersteller Olympia zu arbeiten. Am Fließband im Akkord. Anfangs für 2 Mark und 46 Pfennig in der Stunde. Der monatliche Bruttoverdienst für Frauen betrug seinerzeit durchschnittlich 303 Mark.

Was und warum

Darum geht es: Millionen ausländischer Arbeitskräfte trugen im Nachkriegsdeutschland zum Wirtschaftswunder bei. Vor 60 Jahren kamen die ersten Türken, auch nach Leer. Pervin Gültekin sowie Fadime und Osman Ular erzählen ihre Geschichte.

Vor allem interessant für: alle Leeraner und diejenigen, die sich für die deutsche Geschichte interessieren.

Deshalb berichten wir: Vor 60 Jahren beschließen Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen, um türkische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken.

Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de

Die Arbeit im Ausland wird durch das 1961 von Deutschland und der Türkei beschlossene Anwerbeabkommen möglich. Der Staatenvertrag sieht vor, dass die Arbeitsmigrantinnen und -migranten nur vorübergehend bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren. Man spricht über sie als Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Pervin Gültekin stört sich nicht an dem Wort. Als Gast hat sie sich jedoch nie gesehen. „Ich bin geblieben. Hier ist mein Lebensmittelpunkt.“

Nachrichten aus der alten Heimat

Pervin Gültekin ist seit vielen Jahren Rentnerin. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Leer und erzählt aus ihrem Leben. An den Wänden hängen Fotos ihres 2010 plötzlich verstorbenen Sohnes Mehmet. Er hatte mehrere Bekleidungsgeschäfte in ganz Ostfriesland. Andere Bilder zeigen den zweiten Sohn, der in Aurich zu Hause ist, und dessen Kinder. „Das da bin ich. Da war ich noch jung“, sagt sie und deutet auf ihr Portrait. Eine Aufnahme von ihrem Mann gibt es nicht. Der sei seit 30 Jahren tot.

Der Fernseher ist eingeschaltet. Die Sprecherin eines türkischen Nachrichtensenders berichtet über die neuesten Äußerungen von Ministerpräsident Recep Erdogans zur Krise zwischen der Türkei und dem Westen im Fall des inhaftierten Bürgerrechtlers Osman Kavala. „Ich war schon lange nicht mehr in meiner alten Heimat, wegen Corona. Aber natürlich interessiert mich, was dort los ist“, sagt Gültekin.

Gute Zähne waren wichtig

Wann genau sie nach Deutschland gekommen ist, weiß sie nicht mehr. Einiges ist ihr jedoch so gegenwärtig, als hätte sie es gestern erlebt. „Auf dem Arbeitsamt in Samsun musste ich die Arbeitserlaubnis für Deutschland beantragen. Eine Woche später hatte ich das Dokument. Danach musste ich zu einem Arzt, um mich medizinisch untersuchen zu lassen. Der hat sich vor allem meine Zähne angeschaut. Ein ordentliches Gebiss ist offensichtlich wichtig, um in Deutschland arbeiten zu dürfen“, erzählt die Seniorin. Sie schmunzelt.

Pervin Gültekin (rechts) kam als 19-Jährige nach Deutschland. Das Foto zeigt sie mit einer Arbeitskollegin. Foto: privat
Pervin Gültekin (rechts) kam als 19-Jährige nach Deutschland. Das Foto zeigt sie mit einer Arbeitskollegin. Foto: privat

Als sie sich von ihrer Familie verabschiedet und in den Zug nach Deutschland steigt, weiß sie nicht, wohin es geht. Viele Türken seien nach Nordrhein-Westfalen gefahren, um in der Stahlindustrie zu arbeiten. Pervin Gültekin erfährt erst auf dem Bahnhof in Bremen, dass sie in Leer aus dem Zug steigen muss, dass sie dort von einem Dolmetscher abgeholt und zu einem Olympia-Wohnheim für Frauen in der Reimersstraße gebracht wird. Sechs Frauen teilten sich ein Zimmer. „Wir waren jung und noch nie so weit von zu Hause weg gewesen. Wir hatten Angst und Heimweh. Alles war fremd, die Stadt, die Menschen, die Sprache.“ Moin ist das erste Worte, das sie lernt. Sprachkurse gibt es jedoch nicht.

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Auf Distanz zu den Fremden

Die deutschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Olympia sind nett zu der türkischen Kollegin. Sie helfen ihr, wo immer sie können. Aber sie sind distanziert. „Die Norddeutschen sind nicht so herzlich, wie ich es aus meinem Heimatland kenne“, findet die Türkin. Damit muss sie sich anfreunden. Sie fühlt sich einsam. Besser geht es ihr erst, als ihr Mann und ihr Kind ebenfalls nach Leer ziehen. Die kleine Familie nimmt sich eine Wohnung.

17 Jahre lang war Pervin Gültekin selbstständig. Sie hatte in der Leeraner Fußgängerzone ein Geschäft für junge Mode. Foto: privat
17 Jahre lang war Pervin Gültekin selbstständig. Sie hatte in der Leeraner Fußgängerzone ein Geschäft für junge Mode. Foto: privat

Pervin Gültekin arbeitet 18 Jahre lang für Olympia. Nach der Schließung der unrentabel gewordenen Fabrik findet sie eine Anstellung in der Näherei Steilmann. Aber auch das Unternehmen macht dicht. „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die aufgeben. Zurück in die Türkei wollte ich nicht. Also habe ich in dem Modegeschäft meines Sohnes gearbeitet. Stride hieß der Laden. Der befand sich neben dem Haus, in dem die Ostfriesen-Zeitung in der Fußgängerzone einen Media-Store hat“, berichtet sie. Nach dem Tod ihres Ältesten führt sie das Geschäft 17 Jahre lang weiter. Die Gastarbeiterin ist Unternehmerin geworden. Dass es in Deutschland wie im Paradies ist, würde sie nicht sagen. Viele ihrer Träume haben sich nicht erfüllt. Für ein eigenes Haus und Auto hat es nie gereicht. „Aber für wen gehen schon alle Wünsche in Erfüllung? Ich bin zufrieden. Das ist die Hauptsache“, sagt Pervin Gültekin.