Osnabrück

Mord im Klosterwald: Vater schildert Fund der Leiche seiner Tochter

Laura Nowak
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Von Laura Nowak
| 10.11.2021 16:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Barend Thijsen fand im September 2015 die Leiche seiner Tochter im Klosterwald bei Loccum. Archivfoto: Michael Gründel
Barend Thijsen fand im September 2015 die Leiche seiner Tochter im Klosterwald bei Loccum. Archivfoto: Michael Gründel
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Judith Thijsen wurde im September 2015 im Klosterwald Loccum tot gefunden. Vor dem Landgericht Osnabrück sagten nun ihre Eltern als Zeugen aus und berichteten von den emotionalen Tagen zwischen Verschwinden und Auffinden der Leiche ihrer Tochter.

Im September 2015 fand Barend Thijsen die Leiche seiner Tochter Judith im Klosterwald Loccum. Sie wurde vor über sechs Jahren getötet. Angeklagt ist der gebürtige Emsländer Jörg N., der zu dieser Zeit Freigänger in dem Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg war - bereits zum dritten Mal. Einmal wurde er wegen Totschlags verurteilt, doch als der Prozess wieder aufgerollt wurde, wurde er freigesprochen. Im dritten Prozess schilderten Judith Thijsens Eltern nun ihre Erinnerungen.

Als er hörte, dass Judith vermisst werde, habe er sich zunächst keine Sorgen gemacht, berichtete Vater Barend Thijsen: „Ich habe gedacht, sie nimmt sich eine Auszeit.“ Judiths Mutter sah das anders, sie habe das Gefühl gehabt, dass etwas nicht richtig sei, als Judith sich nicht bei ihr meldete und auch in der Berufsschule fehlte. Die Eltern sind getrennt, Judiths Kontakt zur Mutter sei nach Angaben des Vaters enger gewesen. Beide wechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit, wenn sie über Judith sprechen.

Mutter: „Einfach wegbleiben war nicht ihr Charakter“

Nach der Vermisstenmeldung bei der Polizei sei die Mutter zu Judiths Wohnung gefahren, um sie zu suchen. „In ihrer Wohnung war der Wäscheständer umgefallen, der Frühstücksteller mit Schokokrümeln stand auf dem Tisch, das sehe ich jetzt noch“, schilderte sie die Eindrücke. Die Balkontür sei offen gewesen, der Kühlschrank voll und der Kater „halb durchgedreht“. Ihr sei klar gewesen, dass hier etwas nicht stimmte. „Einfach wegbleiben und sich nicht melden, das ist nicht Judiths Charakter“, sagte sie. Sie habe gedacht, Judith sei irgendwo eingesperrt worden. „Das ist unnormal, dass ein Mensch verschwindet“, betonte sie vor dem Landgericht.

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Die Eltern beschreiben ihre Tochter als offen, freundlich, zuvorkommend und interessiert an Gesprächen. Sie sei locker im Umgang mit anderen Menschen gewesen und habe sich mit ihren Freunden gut verstanden. In ihrer Wohnung in Bad Rehburg, in die sie im Sommer 2015 gezogen sei, habe sie sich wohlgefühlt.

Vater ging selbst auf die Suche im Klosterwald Loccum

Über ihren Umzug hierhin hätten sie sich wieder angenähert, berichtete der Vater: „Ich habe mit ihr zusammen eine Küche gekauft und die haben wir dann aufgebaut“, sagte er und ergänzte „also meistens ich alleine.“ Nachdem seine Tochter vermisst wurde, sei er noch einmal alleine in der Wohnung gewesen, um sich um den Kater zu kümmern und an der Küche zu werkeln. Im Zuge dessen habe er auch in der ganzen Wohnung Staub gesaugt, einige Kleidungsstücke aufgeräumt und den Abwasch gemacht. Thijsen selbst sagte im Gespräch mit dieser Redaktion Mitte 2020, er sei deshalb und weil er die Leiche seiner Tochter fand, unter Verdacht geraten.

Weil die Polizei Judith Thijsens Auto am Marktplatz beim Kloster Loccum fand, sei er am Samstag und Sonntag auf die Suche im Klosterwald gegangen, berichtete der Vater. Bei der Försterei habe er sich eine Karte vom Wald besorgt: „Ich dachte, vielleicht ist sie ins Wasser gefallen.“ Auch seine Frau und Judiths Schwester hätten später mit gesucht. Ihr Mutter beteiligte sich nicht daran. „Ich habe zu meinem Exmann gesagt, ich würde es emotional nicht verkraften, wenn ich Judith finden würde“, sagte sie.

So erlebte der Vater den Fund seiner getöteten Tochter

Im Wald sei dem Vater am Sonntag dann eine plattgetretene Stelle aufgefallen, „als ob jemand gerangelt oder Fußball gespielt hätte“, schilderte er. Von diesem Platz habe eine Schleifspur zu Stöcken geführt, die aufgereiht dort lagen. „Mir kamen grüne Fliegen entgegen“, beschrieb Thijsen vor dem Landgericht. Er habe dann ein Stock hochgehoben, dabei sei ihm schon der Geruch entgegengeschlagen. Darunter verborgen lag Judith. „Da war ich natürlich erschrocken, ich habe Verwesung noch nie so gesehen, diese schwarzen Augen“, schilderte er. Er habe ein Foto gemacht: „Ich dachte, ich vergesse sonst nach ein paar Jahren, was ich da erlebt habe.“ Dann rief er seine Frau, die mit ihm im Wald suchte und die Polizei.

Warum er überhaupt im Wald gesucht habe, wollte der Richter wissen. „Klosterwald und Luccaburg, das war Judith“, sagte Thijsen. Bei einem früheren Verhandlungstermin wurden Selfies von Judith im Wald gezeigt. Auch die Mutter beschrieb sie als naturverbunden. Vielleicht habe Judith im Wald einen Platz gefunden, an dem sie alles um sich herum vergessen könne. Sie hielt einen Moment inne. „Nur leider den falschen Platz“, sagte sie leise.

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