Osnabrück
Hendrik Holt packt aus: Über Gottes Gnaden und Berliner Abgründe
Millionenbetrüger Hendrik Holt hat die Vorwürfe gegen ihn weitgehend eingeräumt. Bei seiner Einlassung gab er tiefe Einblicke in eine maßlose Energiebranche und Abgründe des Lobbyismus. So traf er und dinierte mit Bundestagsabgeordneten wie Bundesministern.
Hendrik Holt stapelte so hoch, dass sein Lügengebäude irgendwann zusammenbrechen musste. Immer fantastischer, aber auch immer unglaubwürdiger waren die Windkraftprojekte, die der Jungunternehmer internationalen Energiekonzernen andrehte.
„Das war nicht glaubwürdig, das war mir klar“, sagte Holt am Donnerstag im Prozess vor dem Landgericht Osnabrück über eines dieser Projekte. Aber: „Wir konnten hinlegen, was wir wollten. Und war die Fälschung noch so schlecht.“ Es habe niemand etwas gesagt. Und so habe er dann eben weiter betrogen. Immer weiter. Bis die Staatsanwaltschaft ihn und seine mutmaßlichen Mittäter im April 2020 stoppte.
Am Donnerstag hat Holt sich nun zum ersten Mal im Prozess gegen ihn und andere zu den Vorwürfen geäußert. In Jackett mit Krawatte und Einstecktuch saß er dort und referierte den ganzen Vormittag lang.
Mit fester Stimme, frei aus dem Gedächtnis heraus erzählte er, wie aus einem emsländischen Abiturienten mit mäßigem Erfolg im Jurastudium ein Multimillionenbetrüger wurde, der alle narrte, vielleicht sogar sich selbst, und der in höchste Kreise der Politik vorstieß.
Kaum zu glauben war das, was Holt erzählte. Doch im Groben und Ganzen deckte sich das, was er gestenreich darlegte, mit den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft und Recherchen unserer Redaktion.
Holt kam dabei ins Plaudern, reihte in bildhafter Sprache Anekdote an Anekdote und zeichnete ein Bild von einer gierigen Windkraftbranche, die mehr oder minder fast betrogen werden wollte. Denn nicht von vornherein sei er in betrügerischer Absicht unterwegs gewesen, so Holt. Aber Bürgerinitiativen und eine erratische Energiepolitik in Deutschland hätten ihm immer wieder das Unternehmerleben schwer gemacht.
(Weiterlesen: Die Traumwelt des „Doktor“ Holt: Prozess gegen Emsländer beginnt)
Irgendwann habe er gemerkt, dass es leichter sei, Geschäfte mit großen Energiekonzernen zu machen, als in den Mühen der Ebene unterwegs zu sein. Die Energieriesen aus nah und fern wollten trotz stockenden Windkraftausbaus in Deutschland Fuß fassen. „Der Grundton da war: ,Das Geld spielt keine Rolle‘“. Holt sei regelrecht bedrängt worden, mit den Großen der Großen der Branche Geschäfte zu machen, nachdem er einen kleinen Windpark in Hessen realisiert hatte.
Die Konzerne - im Verfahren geht es um CEZ (Tschechien), SSE (Schottland) und Enel (Italien) - mit gefälschten Windparkprojekten über den Tisch zu ziehen, bezeichnete er rückblickend als „törichten Gedanken“. Aber er habe sich gedacht: „Wenn die Projekte eh nie gebaut werden, was macht das dann… da habe ich gesagt: ,Da wollen wir mit der Gnade Gottes mitwirken.“ Er habe „Papiertiger“ entworfen und verkauft.
Der Herrgott spielte bei dem, was folgte, weniger eine Rolle. Viel mehr ein Totalversagen auf Seiten seiner Geschäftspartner, die die Deals von teuren Anwaltskanzleien prüfen ließen. Dass die Betrügereien mit gefälschten Unterlagen nicht auffielen, habe er ja selbst für unmöglich gehalten, so Holt. „Mensch, was haben die da denn überhaupt geprüft?“ Und doch ging es gut.
Zunächst bei CEZ, mit denen er einen gut 50seitigen Vertrag schloss, den er nach eigenem Bekunden nicht einmal gelesen hatte vor der Vertragsunterzeichnung - zu kompliziert. Mit der Unterschrift war der erste große Millionenbetrug besiegelt, oder wie Holt sagte: „Ich habe mich auf die Seite begeben, die man wohl nicht mehr dunkelgrau nennen kann. Da dachte ich mir, jetzt kommt es darauf nicht mehr an.“
Mehr als zehn Millionen Euro Schaden
Es folgten SSE und Enel, denen er weitgehend dieselben frei erfunden Windparkprojekte verkaufte. Auch hier: keiner merkte auf. Wobei er einen Anruf erinnerte, in dem er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass in einem Vertrag die im Text genannte Person nicht diejenige war, die unterschrieben hatte.
Der Anrufer habe angemerkt, dass sich da wohl jemand vertan habe. „Ach ja, stimmt“, habe Holt entgegnet. Streng genommen war das nicht einmal gelogen. Der Fehler beim Fälschen sei wohl „im Eifer des Gefechts passiert“, so Holt vor Gericht. Nicht verwunderlich bei der schieren Masse an Fälschungen, die das Herzstück des Betruges darstellten. Um etwa zehn Millionen waren die Opfer bis hier hin betrogen.
Das Geschäft lief weiter. Das letzte große Projekt, „Project Munich“ oder auch „Endspiel“ von Holt genannt, scheiterte offenbar nur, weil die Staatsanwaltschaft den Jungunternehmer im Adlon festnehmen ließ, wo er teils wochenlang loggierte, wenn er in Deutschland geschäftlich zu tun hatte. Sechsstellige Beträge stellte das Hotel dafür in Rechnung.
In Berlin pflegte Holt beste Kontakte, traf Minister, Staatssekretäre und Bundestagsabgeordnete. Fast immer solche von der CDU, zu deren Kreisen er dank seines Cheflobbyisten - ein früherer Spitzenfunktionär der Jungen Union - beste Drähte hatte. Holt gab an, in den Parlamentskreis „Ruhe und Genuss“ aufgenommen worden zu sein.
Sonstige Mitglieder der Runde seiner Aussage nach: Die Bundestagesabgeordneten Jan Metzler, Johannes Steiniger, Markus Uhl sowie FDP-Chef Christian Lindner und kooptiert der heute noch geschäftsführende Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.
Ein Abend für 26.000 Euro
Eine elitäre Runde, die sich wohl des Öfteren traf, mindestens einmal auch in der Suite von Holt im Adlon. In welcher Zusammensetzung blieb vor Gericht allerdings unklar. Es ging laut Holt bis spät in die Nacht. Es wurde gegessen und getrunken und am Ende habe er eine Rechnung von 26.000 Euro begleichen müssen. „Wenn es darum geht, wer die Rechnung bezahlt, ist man in diesen Kreisen gern gesehen“, fasste Holt seine Erfahrung mit der Politik zusammen. Er wirkte durchaus konsterniert. (Weiterlesen: Wie es Hochstapler Holt bis ins Wirtschaftsministerium schaffte)
Pikant: Laut Holt gab es auch mindestens ein Treffen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) - ein guter Freund des Holt‘schen Cheflobbyisten. Der Emsländer wollte in der aufkommenden Corona-Krise Geschäfte machen und Desinfektionsmittel aus China importieren - 1,43 Euro pro Flasche im Einkauf, 4,30 Euro im Weiterverkauf an eine bekannte Internetapotheke, die wiederum wohl überlegten, an die Bundesregierung zu einem noch höheren Preis weiterzuverkaufen.
Da hätte er dann auch legal Geld verdienen können, befand Holt. Die Staatsanwaltschaft verhinderte den Abschluss des Geschäfts durch die Festnahme in seiner Suite im Adlon.
In einer ersten Anfrage unserer Redaktion vor einigen Monaten hatte das Bundesgesundheitsministerium behauptet, es lägen keine Informationen im Ministerium zu Kontakten mit der Holt-Gruppe vor. Eine offenkundig unwahre Aussage, da im Prozess bereits Mails an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verlesen wurden. Eine weitere Anfrage ist bislang unbeantwortet geblieben.
Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt. Am Dienstag sollen Holts Mutter, sein Bruder und seine Schwester ihre Sicht der Dinge schildern. Finanzdirektor Heinz L., der „väterliche Freund“ von Hendrik Holt, schweigt weiter.
Weiterhören: Der Fall Holt im Podcast „Windmacher“