Sylt
Kommt die Seilbahn nach Sylt? Idee löst Verwunderung und Irritationen aus
Politik, Verwaltung und Touristiker fühlen sich teilweise überrumpelt vom Plan der Rethmann-Gruppe. Die versucht die Wogen zu glätten.
Die Pläne der Unternehmensgruppe Rethmann, eine Seilbahn von Niebüll und Klanxbüll nach Sylt bauen zu wollen (unsere Redaktion berichtete exklusiv), haben auf der Insel Verwunderung, Schmunzeln und Irritationen hervorgerufen.
Zum Teil gibt es Verärgerung darüber, dass die Rethmann-Gruppe mit einem derartigen Vorschlag an die Öffentlichkeit gegangen ist, ohne mit Politik und Verwaltung vorher darüber gesprochen zu haben. Das Unternehmen hat deshalb am Mittwoch noch einmal in einer Stellungnahme betont, dass es „lediglich ein Angebot des Unternehmens“ sei, ein solches Projekt zu planen und gegebenenfalls zu realisieren. „Die Entscheidung aber liegt bei den Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung. Noch gibt es keine konkreten Pläne und wenn, werden diese zur Abstimmung vorgelegt“, so die Rethmann-Gruppe.
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Die Reaktionen im Überblick
Auch Landrat Florian Lorenzen wurde durch die Berichterstattung in der Sylter Rundschau über die Idee informiert. Dennoch stehe er „selbstredend“ für Gespräche mit Vertretern der Insel und den Initiatoren zur Verfügung. Grundsätzlich sieht er aber andere Prioritäten als den Bau einer Seilbahn. Wörtlich sagt Lorenzen: „Ich kann verstehen, dass die Idee einer Seilbahn, die vom Festland nach Sylt und mitunter sogar über die Insel verläuft, faszinierend wirken mag, aber hier liegen Wunsch und Realität doch noch weit auseinander. Mit Bus und Bahn bestehen auf und nach Sylt alternative Transportmittel, die wesentlich leistungsfähiger sind als eine Seilbahn. Was die Menschen brauchen, die vor Ort leben oder arbeiten, sind weniger Zugverspätungen, weniger technische Ausfälle und eigene Zugverbindungen für Pendler - einfach einen verlässlichen und ausgebauten Nahverkehr. Eine Seilbahn kann auf der Insel höchstens eine Ergänzung in der Zukunft sein. Eine Erschließung der Insel durch den Nationalpark Wattenmeer können wir uns nur schwer vorstellen. Eine Seilbahn wäre dort angesichts der notwendigen Konstruktionshöhe und den damit verbundenen Beeinträchtigungen vermutlich nicht genehmigungsfähig.“
Ganz ähnlich äußert sich Sylt-Marketing-Chef Moritz Luft: „Im Zuge der zu optimierenden Erreichbarkeit unserer Insel sind proaktive Initiativen und Ideen zur Verbesserung förderlich und sicherlich zu prüfen. Allerdings sehe ich es als notwendig an, die Priorität stets auf derartige Vorhaben zu legen, die nicht nur eine sichere Verbindung des nahen Festlands mit der Insel vorsehen, sondern die gleichzeitig für unsere Übernachtungsgäste eine relevante, weil zuverlässige An- und Abreisealternative zum eigenem Pkw ermöglichen. Daher sollten alle Ebenen, unter anderem das Land und der Bund, weiterhin den Fokus auf eine schnelle Optimierung der Bahnanbindung ab Hamburg legen, also unter anderem auf den geplanten zweigleisigen Ausbau, sowie eine Elektrifizierung der Strecke. Und parallel hat sich die Insel selbst dringend mit förderlichen Ideen zur Verbesserung der Mobilität vor Ort zu beschäftigen.“
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Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, äußert sich auf Nachfrage von shz.de wortkarg: „Ich habe aus der Zeitung davon erfahren und mich köstlich amüsiert. Aber es ist ja auch der 11.11., Beginn des Karneval“, schreibt Häckel in einer Mail. Mehr sei dazu nicht zu sagen.
Dirk Erdmann, Sprecher des Dehoga Sylt, hält die Idee für wenig realistisch. „Es löst die Probleme nicht und außerdem: Für 100 Millionen Euro kann ich ja einen Tunnel bauen“, lacht der Hotelier aus Kampen. Auch aus seiner Sicht ist die Idee nicht wirklich ernst zu nehmen.
Die Pressesprecherin des blauen Autozugs, Meike Quentin, teilt zu den Plänen mit: „Wir von RDC sind immer begeistert von Initiativen, die Gewohntes um mutige, spektakuläre Ideen ergänzen wollen. Ob Sylt eine solche Attraktion zusätzlich braucht, wissen die Insulaner*innen am besten.“
Kreispräsident Manfred Uekermann zeigt sich überrascht von der Idee. „Ich wäre froh, wenn wir erst einmal die bestehenden Probleme lösen, die wir auf der Strecke haben und es hinkriegen würden, dass die Züge pünktlich fahren und wir Züge nur für Pendler anbieten könnten, die ja am meisten von den Verspätungen betroffen sind. Eine weitere wichtige Aufgabe ist ein klimaneutraler Antrieb der Loks wie zum Beispiel mit Wasserstoff. Das sind die Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Statt großer Ideen brauchen wir praktische Lösungsansätze für unsere Probleme.“
Tim Kunstmann, Geschäftsführer der FRS Syltfähre, sieht die Pläne gelassen: „Wir sehen die Seilbahn nicht als Konkurrenz zur Syltfähre. Unsere Tagesgäste (also Fußgänger, welche ohne Fahrzeug die Fähre nutzen) sind zu einem Großteil Urlauber auf Römö oder in der Region Tondern. Wir denken daher, dass die Seilbahn keinen großen Einfluss auf die Syltfähre hätte und glauben auch an unsere Zuverlässigkeit beim Betrieb der Linie bei stürmischen Windverhältnissen.“
Die Deutsche Bahn bittet auf Nachfrage um „Verständnis dafür, dass wir uns zu diesen Plänen nicht äußern“. Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst lässt stattdessen wissen: „Mit der Bahn reisen Sie auch jetzt klimafreundlich nach Sylt, ob im Nahverkehr, dem Fernverkehr oder mit dem Sylt Shuttle.“
Jörg Dominke, Sprecher des Gewerbegebiets Ost in Niebüll, der seit Jahren gegen den Stau vor der Autoverladung kämpft, findet die Idee als touristische Attraktion durchaus interessant, sie würde aber zu keiner Entspannung des Verkehrsaufkommens in Niebüll führen. „Wenn die Seilbahn tatsächlich nur auf einer Länge von acht Kilometern geplant ist, wäre das exakt die Länge des Hindenburgdamms. Insofern würde das an unserer Staulage in Niebüll nichts ändern und auch den Pendlern nichts nutzen.“ Darüber hinaus stellt Dominke die Frage, wo denn die Leute ihr Auto parken sollen, wenn sie auf die Seilbahn umsteigen möchten. Dafür müssten Zuwegungen und Parkflächen geschaffen werden. Mit dem Zug Reisende würden sicherlich nicht auf die Seilbahn umsteigen, sondern direkt bis nach Westerland durchfahren.