Zeitzeugen-Geschichte
Deutsche und türkische Kinder schreiben Leeraner Geschichte
Im 1974 eröffneten Kinderschutzhaus in Leer werden nicht nur deutsche Kinder betreut, sondern auch viele mit ausländischen Wurzeln. Vor allem Türken engagieren sich anfangs sehr für die Einrichtung.
Leer - „Das da ist Vedat“, sagt Antje Hoß und deutet mit dem Finger auf einen kleinen türkischen Jungen, der mit wachem Blick in Richtung des Fotografen schaut. Sie betrachtet das alte, verblasste Foto in schwarzweiß und lächelt. Weitere Namen fallen ihr ein: „Murad, Vural, Aykut, Haki.“ Die Frau rechts im Bild, die mit den langen blonden Haaren, sei sie. Die andere Frau, die mit den langen dunklen Haaren sei Aliye Gülseren. „Wir waren wie Schwestern. Sie half mir, ich half ihr. Wir verstanden uns prima, auch wenn anfangs die jeweils eine nicht die Sprache der jeweils anderen sprach und verstand“, erzählt Antje Hoß. Damals heißt sie noch Ruhmkorf mit Nachnamen. Das Foto der fröhlichen Kinderschar hängt viele Jahre im Kinderschutzhaus in Leer. Hoß leitet die Einrichtung fast 40 Jahre lang. Seit sieben Jahren ist sie Rentnerin.
Ihre langjährige, inzwischen jedoch verstorbene Kollegin Aliye Gülseren stammt gebürtig aus Konya, einer Großstadt mit heute mehr als zwei Millionen Einwohnern südlich von Ankara in Zentralanatolien. Der Arbeit wegen kommt sie nach Deutschland. Sie verlässt die Türkei, um bei Olympia in Leer zu arbeiten, um Geld zu verdienen – mehr als es ihr in ihrem Heimatland möglich gewesen wäre. In Leer lernt sie ihren späteren Mann Nevzat Gülseren kennen. Er ist von Istanbul nach Almanya gereist, auch er arbeitet zunächst beim Schreibmaschinenhersteller in Leer.
Auf Spenden angewiesen
Als ihre Söhne Vedat und Vural geboren sind, engagiert sich Aliye Gülseren ehrenamtlich für den Kinderschutzbund. Später bekommt sie für ihre Tätigkeit als Betreuerin ein Gehalt. „Wir hatten anfangs überhaupt kein Geld, die Einrichtung wurde aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert“, sagt Antje Hoß. Sie selbst ist seinerzeit so überzeugt von der Notwendigkeit des Kinderschutzbundes, dass sie dafür ihre Stelle als Kinderpflegerin im Paul-Gerhard-Haus, einem evangelisch-lutherischen Kindergarten am Hoheellernweg, aufgibt.
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Der Kinderschutzbund Leer wird im Februar 1973 auf Initiative des damaligen ehrenamtlichen Leeraner Bürgermeisters und SPD-Landtagsabgeordneten Horst Milde gegründet. „Wir mussten für die bedürftigen Kinder in unserer Stadt, die sich in einer Notlage befanden, dringend etwas tun. Dabei ging es um die deutschen Kinder, um die aus sozial schwachen Familien, um die, deren Eltern aus den unterschiedlichsten Gründen überfordert waren, sich zu kümmern“, erläutert Milde die Beweggründe für seine Idee. Mit Klaus Hinzpeter habe der Kinderschutzbund von Anfang an einen überaus engagierten 1. Vorsitzenden gehabt. Viele andere Leeraner hätten sich ebenfalls tatkräftig für den Schutz der Kinder eingesetzt, sagt der 88-Jährige Landtagspräsident a. D., der seit vielen Jahren in Oldenburg lebt.
Entlastung für berufstätige Eltern
Als der Kinderschutzbund ein Kinderschutzhaus braucht, stellt die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde das alte Küsterhaus am Reformierten Kirchgang zur Verfügung. Türkische Familien packen mit an, um das damals 120 Jahre alte Gebäude zu renovieren. Sie wissen, wie wichtig die Einrichtung auch für sie ist, nicht, weil sie finanziell bedürftig sind, sondern weil sie eine Aufsicht für ihre Kinder brauchen. „Meistens arbeiteten beide Eltern. Bei Olympia ging es morgens um 7 Uhr los. Einen kommunalen Kindergarten gab es damals nicht. Es gab nur evangelische und katholische Kitas. Dorthin wollten die Türken, die überwiegend Muslime waren, ihre Kinder jedoch nicht schicken. Sie hatten Vorbehalte“, so Hoß.
Bei der Eröffnung des Kinderschutzhauses am 1. Februar 1974 spricht der Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Klaus Hinzpeter, von einem Modellfall für Niederachsen. Er lobt die Zusammenarbeit von deutschen und türkischen Familien. „Anfangs kümmerten wir uns um Mädchen und Jungen im Alter zwischen zwei und 14 Jahren. Sie wurden morgens von den Eltern bei uns abgegeben, manche noch im Schlafanzug. Die, die nicht zur Schule mussten, konnten weiter schlafen. Für die anderen gab es Frühstück. Danach ging’s in die Schule.“ Mittags kommen alle Kinder wieder ins Kinderschutzhaus zurück. Sie essen zu Mittag, die Schulkinder erledigen ihre Hausaufgaben. „Die waren für viele sehr, sehr schwer, besonders für die Kinder mit ausländischen Wurzeln. Viele konnten kein Deutsch, sie haben es erst bei uns gelernt“, erinnert sich Antje Hoß. Dabei hilft in den ersten Jahren der türkische Lehrer Selim Kaya aus Leer. Auch Elisabeth Müller, eine ehemalige Sonderschulpädagogin, gibt Deutschunterricht.
Nicht immer ist alles gut
Nicht immer jedoch sind alle türkischen Mütter und Väter mit allem einverstanden. So berichtet Kaya im Juni 1975 in einer Stadtelternratssitzung, dass es Eltern gebe, die den Sprachunterricht ihrer Kinder boykottierten – aus Sorge, sie könnten in dem fremden Land zu stark verwurzeln. Vor allem Mädchen würden streng erzogen, sie dürften nicht an Theaterbesuchen und Schulausflügen teilnehmen. Das sei ein Problem und verhinderte die Integration, so der Lehrer Kaya.
Dennoch ist das Kinderschutzhaus im August 1977 bereits für 17 türkische Kinder und Jugendliche täglich eine feste Anlaufstelle. „Bei uns hat die Nationalität oder die Religion eines Menschen nie eine Rolle gespielt“, sagt Antje Hoß. Wichtig sei nur, den anderen zu verstehen. Deshalb lernt sie in den 1970er Jahren Türkisch. Ein paar Wörter kann die heute 70-Jährige immer noch: „Ekmek varmi? und „Ailen yakinda geliyor“ beispielsweise. Übersetzt heißt das ,Gibt es Brot?’ und ,Deine Familie kommt bald’.
Besseres Leben in der Fremde
Leer - Im Nachkriegsdeutschland boomt die Wirtschaft. Doch in den 1950er und 1960er Jahren fehlen Arbeitskräfte – in der Stahlindustrie, in den Autofabriken und auf den Werften. Deutschland schließt mit anderen Staaten Anwerbeabkommen, um ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Gedacht war, dass sie nur vorübergehend bleiben, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Viele kehrten aber nicht in ihre Heimatländer zurück, aus denen sie wegen Arbeitslosigkeit und Armut fortgegangen waren. Sie blieben, gründeten Familien oder holten diese nach und bauten sich hierzulande ein neues Leben auf. Mit der Türkei wurde der bilaterale Vertrag am 30. Oktober 1961 besiegelt. Das ist jetzt 60 Jahre her. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) vereinbart worden. Weitere Beschlüsse mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien sollten folgen. Zwischen 1961 und 1973 bewarben sich mehr als zweieinhalb Millionen Menschen allein aus der Türkei um eine Arbeitserlaubnis in Deutschland, informiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). 1963 kamen die ersten Türken nach Leer. Das waren zwei Frauen und zwei Männer, teilt das Stadtarchiv mit. 1965 lebten 250 Frauen (118) und Männer (132) aus der Türkei in der Ledastadt. Sie arbeiteten bei Olympia, in der Eisengießerei Boekhoff und auf der Jansen-Werft. In Deutschland nannte man die Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern „Gastarbeiter“, heißt es bei der bpb. Es sei ein Wort aus der Alltagssprache und kein amtlicher Begriff. Im Türkischen sei „Gurbet“ (die Fremde, das ferne Land) zum Synonym für Deutschland geworden. Aus dieser Fremde berichteten die Fortgegangenen ihren Familien und Freunden in der Heimat von Wohlstand, aber auch von Heimweh, harter Arbeit und von Diskriminierung. Viel zu erzählen haben auch diejenigen, die sich vor vielen Jahren um die Kinder ausländischer Familien in Leer gekümmert und dazu beigetragen haben, dass sie in einem fremden Land Fuß fassen. Viele türkische Familien waren beispielsweise Mitglied des Kinderschutzbundes in Leer. Die Türkin Aliye Gülseren war eine Betreuerin.