Zeitzeugen-Geschichte
Zwei Gastarbeiterkinder erzählen von ihrer Kindheit in Leer
Viele Arbeitskräfte, die in den 1960er Jahren und später aus der Türkei nach Leer kamen, sind geblieben. Ihre Kinder wuchsen zweisprachig auf, das Ankommen in der Fremde war nicht immer leicht.
Leer - An seinen ersten Tag im Kinderschutzhaus in Leer erinnert sich Mutalip Ular nicht. Der liegt viele Jahre zurück. Er weiß allerdings noch, wie stolz er war, endlich Ruhmkorf sagen zu können. Das ist der Nachname seiner damaligen deutschen Betreuerin und der Leiterin der Einrichtung am Reformierten Kirchgang, in der Mädchen und Jungen, deutsche und ausländische, betreut werden. Viele Kinder nennen Frau Ruhmkorf nur beim Vornamen, sagen Antje zu ihr. Der kleine Junge aus einem Provinzdorf in Südostanatolien will es besser machen.
Er übt, ihren Namen fehlerfrei auszusprechen. Eines Tages klappt das dann auch: „Ich saß im Sandkasten, als ich plötzlich laut ihren Namen rief, mehrmals hintereinander“, erzählt der heute 52-Jährige. Er wollte unbedingt Deutsch lernen. Viele Menschen könnten sich nicht vorstellen, wie es ist, fremd in einem Land zu sein. Wie es sei, die Sprache der anderen nicht zu verstehen. Wie es sei, wenn sie lachen und man nicht wisse, über wen oder was. Wie es sei, ohne Freunde zu sein.
Alles war erst einmal fremd
Mutalip Ular ist sieben Jahre alt, als er und seine ältere Schwester Hüsne (damals 10) nach Leer kommen. Ihre Eltern, Fadime und Osman Ular, und der jüngere Bruder Menduh (6) leben bereits hier. „Hüsne und ich waren bis dahin bei unseren Großeltern in Karaburun Köyu zu Hause. Das ist ein kleines Dorf bei der Stadt Adiyaman. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser. Niemand hatte ein Auto“, erinnert er sich.
Deutsche und türkische Kinder schreiben Leeraner Geschichte
„Eine einzige Erfolgsgeschichte“
Von Anatolien nach Leer ans Fließband
So erlebte ein Leeraner die verheerenden Erdbeben in der Türkei
Die Ankunft in Leer ist für den damals Siebenjährigen ein Kulturschock. Alles ist fremd. Er sieht sich noch heute bei seinen Eltern in der Küche stehen und das Licht an- und ausschalten. Er erinnert sich, wie er als kleiner Junge an der Straße steht und den Autos staunend hinterherschaut. „Zum Glück können sich Kinder schnell anpassen“, sagt Mutalip Ular. Die fremde Sprache lernt er schnell, auch weil er in seiner Klasse in der Ludgeri-Grundschule das einzige türkische Kind ist. Dort gibt es niemanden, mit dem er in seiner Muttersprache reden könnte.
Schnell Deutsch gelernt
Nach der Schule geht er ins Kinderschutzhaus. Seine Eltern kommen erst spät nachmittags von der Arbeit bei Olympia nach Hause. Er isst mit den anderen Kindern zu Mittag, macht seine Hausaufgaben und nimmt am Förderunterricht teil, um Deutsch zu lernen. „Darin war ich ganz fix“, sagt Ular. Er findet Freunde, in der Schule, beim Kinderschutzbund und beim SC 04, bei dem er lange Fußball spielt. Er sei richtig gut gewesen, ein großes Talent, wie man so sagt. Wenn er sich heute sonntags irgendwo in Ostfriesland ein Spiel anschaut, sprechen ihn andere Zuschauer mit seinem Spitznamen an. „Eh, bist du nicht Muti?“, fragen sie ihn.
„Meine Eltern haben darauf geachtet, dass wir Kinder unsere Muttersprache nicht verlernen, dass uns bewusst bleibt, wo unsere Wurzeln liegen. Sie wollten aber auch, dass wir in Deutschland ankommen“, so Mutalip Ular. Um anderen dabei zu helfen, engagiert er sich ehrenamtlich für die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft, übernimmt von 1994 bis 2018 den Vorsitz. Auch im Ausländerbeirat der Stadt Leer setzt er sich für die Belange von Ausländern ein. „Begegnungen zwischen den Menschen und Respekt sind wichtig, um den jeweils anderen kennenzulernen und zu verstehen“, ist Ular überzeugt.
Freundschaften geschlossen
Das würde Can Gülseren aus Hasselt so unterschreiben. Seine Eltern Aliye und Nevzat sind in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen und um sich eine sichere Existenz aufzubauen. Erst arbeiten sie bei Olympia, dann eröffnen sie in der Mühlenstraße in Leer einen Obst- und Gemüseladen mit orientalischen Spezialitäten. „Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Mein Vater ist 1984 gestorben. Ich weiß nur, dass sein Geschäft das erste dieser Art in Ostfriesland war“, erzählt Can Gülseren, der von vielen seiner Bekannten Vedat genannt wird. Auch Antje Hoß, die ehemalige Leiterin des Kinderschutzhauses in Leer, kennt ihn vor allem unter diesem Namen.
Anders als andere Kinder, um die man sich im Kinderschutzhaus in Leer kümmert, müssen Can und sein Bruder Vural Gülseren nicht auf ihre Mutter verzichten. Sie ist eine der ersten Betreuerinnen in der Einrichtung am Reformierten Kirchgang, die im Februar 1974 eröffnet wurde. Sie ist Ansprechpartnerin vor allem für die türkischen Eltern und deren Kindern. „Ich bin immer gerne dorthin gegangen, ich hatte viele Freunde im Kinderschutzhaus. Dort habe ich zum ersten Mal Knäckebrot mit Schmierkäse gegessen. Herrlich. Das mag ich heute noch gerne“, sagt Gülseren.
Freundschaften schließt er auch in der Schule und beim SC04. Die Fragen der deutschen Kinder, woher seine Familie stammt und wie das Leben in der Türkei ist, stören ihn nicht. „Ich habe das nie als ausländerfeindlich, als böse empfunden. Ich habe umgekehrt ja auch viele Fragen gestellt“, sagt der heute 52-Jährige.
Kinder hatten es schwer
Leer - Im Nachkriegsdeutschland boomt die Wirtschaft. Doch in den 1950er und 1960er Jahren fehlen Arbeitskräfte – in der Stahlindustrie, in den Autofabriken und auf den Werften. Deutschland schließt mit anderen Staaten Anwerbeabkommen, um ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Gedacht war, dass sie nur vorübergehend bleiben, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Viele kehrten aber nicht in ihre Heimatländer zurück, aus denen sie wegen Arbeitslosigkeit und Armut fortgegangen waren. Sie blieben, gründeten Familien oder holten diese nach und bauten sich hierzulande ein neues Leben auf. Mit der Türkei wurde der bilaterale Vertrag am 30. Oktober 1961 besiegelt. Das ist jetzt 60 Jahre her. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) vereinbart worden. Weitere Beschlüsse mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien sollten folgen. Zwischen 1961 und 1973 bewarben sich mehr als zweieinhalb Millionen Menschen allein aus der Türkei um eine Arbeitserlaubnis in Deutschland, informiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). 1963 kamen die ersten Türken nach Leer. Das waren zwei Frauen und zwei Männer, teilt das Stadtarchiv mit. 1965 lebten 250 Frauen (118) und Männer (132) aus der Türkei in der Ledastadt. Sie arbeiteten bei Olympia, in der Eisengießerei Boekhoff und auf der Jansen-Werft. In Deutschland nannte man die Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern „Gastarbeiter“, heißt es bei der bpb. Es sei ein Wort aus der Alltagssprache und kein amtlicher Begriff. Im Türkischen sei „Gurbet“ (die Fremde, das ferne Land) zum Synonym für Deutschland geworden. Aus dieser Fremde berichteten die Fortgegangenen ihren Familien und Freunden in der Heimat von Wohlstand, aber auch von Heimweh, harter Arbeit und von Diskriminierung. Viel zu erzählen haben auch diejenigen, die vor vielen Jahren als Kinder türkischer Familien in Leer aufgewachsen sind. Viele wurden im Kinderschutzhaus betreut, wo sie Freunde fanden, ihre Schulaufgaben erledigten und vor allem Deutsch lehrten. Davon erzählen Mutalip Ular aus Leer und Can Gülseren aus Hasselt.