Verkehr

Warum Deutschland so viele verschiedene Tempolimits hat

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 14.11.2021 14:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schaut man in die Vergangenheit, so hatte es bis 1957 gar keine vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeiten in Deutschland gegeben, auch nicht innerorts. Das änderte sich aber mit der zunehmenden Zahl an Autos und schweren Unfällen. Heute sind überall Temposchilder wie dieses zu sehen. Grafik: Kreativgruppe / Will
Schaut man in die Vergangenheit, so hatte es bis 1957 gar keine vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeiten in Deutschland gegeben, auch nicht innerorts. Das änderte sich aber mit der zunehmenden Zahl an Autos und schweren Unfällen. Heute sind überall Temposchilder wie dieses zu sehen. Grafik: Kreativgruppe / Will
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Auf einer Strecke zwischen Norden und Emden muss man besonders häufig die Geschwindigkeit anpassen. Andernorts und in manchen anderen Ländern ist das offenbar nicht so. Warum?

Ostfriesland - Tempomaten sind nützlich, aber bringen auf deutschen Straßen manchmal nicht allzu viel. Vor allem abseits der Autobahnen muss die Geschwindigkeit nämlich immer wieder deutlich nach unten oder oben korrigiert werden – nicht nur, wenn es durch Ortschaften geht. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Strecke Norden-Emden, die über die Gemeinde Krummhörn und durch die Gemeinde Wirdum führt. Betrachtet man alleine den rund 25 Kilometer langen Abschnitt zwischen der Wurzeldeicher Straße in Norden und dem Emder Ortsschild an der Auricher Straße, so muss das Tempo im Schnitt jeden Kilometer einmal angepasst werden. Teilweise stehen die Schilder aber auch nur einige Meter auseinander. Muss das wirklich sein?

Was und warum

Darum geht es: In Deutschland gibt es Strecken, auf denen sich die zugelassene Höchstgeschwindigkeit andauernd ändert. Laut der für Landes- und Bundesstraßen zuständigen Behörde in Aurich macht das jedoch immer Sinn.

Vor allem interessant für: Autofahrer, die gerne häufiger mit konstanter Geschwindigkeit fahren wollen.

Deshalb berichten wir: Ich muss selbst oft zwischen Emden und Norden pendeln. Das derzeitige ständige Gas geben und abbremsen geht mir auf den Keks und ich wollte wissen, ob das nicht etwas übertrieben ist.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Michael Haeser ist Diplom-Psychologe mit der Fachrichtung Verkehrspsychologie und sieht das kritisch. Stattdessen plädiert er für mehr durchgängige Geschwindigkeiten, was seiner Meinung nach auch zu weniger Tempoverstößen führen würde. So seien die Kraftfahrer vom ständigen Bremsen und Gas geben irgendwann genervt und würden auch schon mal ein Schild ignorieren oder eines in diesem Schilderwald übersehen. Auf Haeser, der eine Praxis in Duisburg hat und gebürtig aus Neermoor stammt, mache es zudem den Eindruck, als ob die Tempolimits hierzulande auch willkürlich gesetzt werden – gerade bei Baustellen.

Niederlande: „Je weniger Geschwindigkeitswechsel, desto besser“

Fährt man hingegen in Nachbarländern wie Dänemark oder den Niederlanden, scheint es dort insgesamt weniger örtlich begrenzte Tempolimits zu geben, die von den allgemein vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeiten abweichen. Warum läuft es dort anders? Während eine entsprechende Anfrage an die Dänen bislang unbeantwortet blieb, nahm die niederländische Verkehrsbehörde Rijkswaterstaat Stellung, konnte diese Frage aber auch nicht wirklich beantworten. Man könne jedoch sagen, dass auch in den Niederlanden die Höchstgeschwindigkeit stets an die örtlichen Umweltbedingungen und an den Zustand der Straßen angepasst werde, schreibt die Pressestelle. Die Zahl der jetzigen Temposchilder reiche aus. „Je weniger Geschwindigkeitswechsel es gibt, desto besser“.

Gibt es denn vielleicht andere Methoden, mit denen der Verkehr an bestimmten Stellen absichtlich so sehr verlangsamt wird, dass man sich die Schilder sparen kann? Die Behörde kann das nicht bestätigen. Zwar seien beispielsweise die Straßen im Nachbarland enger als hier, aber das habe schlichtweg etwas mit dem zur Verfügung stehenden Platz zu tun.

Deutsche Straßenbehörde: „Viele Faktoren spielen eine Rolle“

Unterdessen verteidigt auch die deutsche Seite ihre Regelungen und die Vielzahl der sich ändernden Höchstgeschwindigkeiten. Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die Einfluss auf das Tempolimit haben, erklären auf Nachfrage Frank Buchholz und Yasin Kilic vom Geschäftsbereich Aurich der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Das könne der Zustand der Straßen sein, scharfe oder unübersichtliche Kurven, Gefahrenstellen, Kreuzungsbereiche von mehreren stärker befahrenen Straßen und vieles mehr. Für alles gebe es feste Vorgaben, an die man sich halten müsse – auch bei Baustellen. So befindet sich auch die eingangs erwähnte Strecke zum Teil in einem schlechten Zustand.

Bevor die Autobahn GmbH des Bundes vor einiger Zeit die Verwaltung der Autobahnen übernahm, waren die Auricher auch für einen Teil der A28 und der A31 zuständig. Auch dort stelle man „garantiert nicht willkürlich“ Temposchilder auf, versichert Buchholz. Mal fehlten jedoch Schutzplanken, mal ein Standstreifen, mal sei die Fahrbahn zu sehr eingeengt oder die Sichtweite zu gering. Nicht alles ist ihm zufolge für den Laien ersichtlich.

Der Landkreis Aurich ist als untere Verkehrsbehörde – mit Ausnahme des Norder und Auricher Stadtgebiets – für die Sicherheit und Ordnung des Verkehrs auf allen Straßen und Wegen zuständig, also auch für die eingangs erwähnte Strecke zwischen Norden und Emden. Auf Nachfrage schließt sich Kreissprecher Rainer Müller-Gummels den Ausführungen von Buchholz und Kilic an und ergänzt: „Insbesondere Beschränkungen des fließenden Verkehrs dürfen nur dann angeordnet werden, wenn aufgrund der besonderen örtlichen Verhältnisse eine [erhöhte] Gefahrenlage besteht.“ Allerdings: „Nur wenn auch ein aufmerksamer Verkehrsteilnehmer die Gefahr nicht oder nicht rechtzeitig erkennen kann, kann eine Beschilderung für die Sicherheit des Verkehrs erforderlich sein.“

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