Bremen/Osnabrück/Berlin

Was Betroffene erleben: Der lange Weg zur dritten Spritze

| 16.11.2021 15:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Booster-Werbung in Köln: Wenn's denn so einfach wäre. Foto: dpa/Oliver Berg
Booster-Werbung in Köln: Wenn's denn so einfach wäre. Foto: dpa/Oliver Berg
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Boosterst du noch, oder lebst du schon? Die aktuelle Impfkampagne läuft genau so schleppend wie die erste. Was Leser und Angehörige uns über den langen Weg zur dritten Spritze berichten

Wer in Bremen über 80 Jahre alt ist und im Klinikum Mitte liegt, hat unter Umständen doppeltes Pech: Denn obwohl zur vulnerabelsten Gruppe gehörend, krank und alt, ist es offenbar nicht möglich, dort eine dritte Impfung zu erhalten. „Im Krankenhaus impfen wir nicht“, lautete die überraschende Antwort auf eine entsprechende Frage der Angehörigen. Wie? In einem Krankenhaus, umgeben von Ärzten und Spritzen, soll es nicht möglich sein, die notwendige Booster-Impfung zu erhalten? 

Eine Beschwerde der Angehörigen bei der zuständigen Stelle im Gesundheitsressort gibt immerhin Aufklärung: Erst seit wenigen Wochen seien Krankenhäuser in Deutschland überhaupt erst befugt, selber Impfstoff zu bestellen und zu verimpfen. Ob sie das dann allerdings auch tun, hänge von der jeweiligen Klinik selbst ab. Sie muss sich an das digitale Meldesystem des RKI anschließen - und zwar „proaktiv“. So lange das nicht geschehen sei, könne die Klinik ein mobiles Impfteam der Gesundheitsbehörde anfordern, heißt es in dem Schreiben an die Angehörigen. 

Und wenn auch das nicht geschieht: Dann bleibt die Patientin eben ungeimpft. Mitten in der größten Welle der Pandemie. In einem großen Krankenhaus in Deutschland. 

Leser berichten Haarsträubendes

Berichte wie der aus Bremen erreichen uns derzeit auf allen Kanälen: Es ist haarsträubend, was uns Leser täglich berichten und was wir selbst im persönlichen Nahbereich erfahren.

Da ist etwa das alte Ehepaar in Bielefeld, beide über 70. Sie wollten über die Impfhotline ihrer Stadt einen Termin für die Booster-Impfung vereinbaren. Doch die Bürokratie schlug gnadenlos zu: Weil ihnen noch einige Wochen bis zum empfohlenen Impfabstand von sechs Monaten seit der zweiten Impfung fehlen, wurden sie abgewiesen: Nicht einmal einen Termin für die ja schon absehbare Impfung konnten sie vereinbaren. 

Ein 73-jähriger Leser schreibt uns, er stehe auf der Warteliste seines Hausarztes: Im Januar 2022 könnte es für ihn dann so weit sein - oder auch zu spät.

Wunsch vs. Realität

Ein anderer Leser wird deutlich: „Es kann doch nicht sein, dass jemand nur wegen Tinitus nicht geimpft werden darf! Aber in der Öffentlichkeit wird das Bild erweckt, dass man alle, die noch nicht geimpft sind, mit einer Bratwurst zur Impfung bekommt.“

Tatsächlich deckt sich beim Thema Boostern die öffentliche Wahrnehmung selten mit der Realität. Wenn über 70-Jährige Monate auf die empfohlene Impfung warten, weil die Impfzentren geschlossen wurden und Hausärzte nicht oder zu wenig impfen, erinnert das fatal an den Beginn der Impfkampagne: Vielerorts liefen die Impfungen schleppend an, es gab zu wenig Impfstoff, komplizierte Anmeldeverfahren und wenig Termine.

Ein Leser fasst es so zusammen: „Uns wurde anfangs versprochen, jeder kommt an der Reihe. Aber Tatsache war, dass jeder zusehen mußte, dass er die Impfung bekam.“

Besorgte Angehörige

So scheint es auch jetzt wieder zu sein: Viele Menschen, die sich unbedingt boostern lassen wollen, berichten uns von Impfterminen im Januar oder Februar 2022. Der lange Zeitraum erklärt sich offenbar daraus, dass viele Hausärzte nur zweimal pro Woche vormittags impfen.

„Meine 85-jährige und alzheimerkranke Mutter beispielsweise, die in NRW wohnt, muss nach unserem Anruf bei ihrem Hausarzt noch über fünf Wochen auf ihre Impfung warten. Ihre zweite Impfung liegt aber schon acht Monate zurück - da kann man sich vorstellen, wieviel Impfschutz davon noch übrig und welcher Gefahr sie bis zu ihrer dritten Impfung ausgesetzt ist“, berichtet uns ein besorgter Angehöriger.

Ein Osnabrücker Lichtblick

Es gibt aber auch positive Beispiele. In der Osnabrücker Innenstadt, gleich neben dem Marienhospital, hat der Hausarzt Georg Meyer gemeinsam mit seiner Tochter seine Praxis. Meyer ist seit 1988 Allgemeinmediziner und sagt: „In unserer Gemeinschaftspraxis mit elf Ärzten können wir die Impfungen gut stemmen und haben keine Wartezeiten.“ Sein Versprechen bestätigt sich: Wer in der Praxis anruft und Meyer nach einem Termin fragt, kann zwischen mehreren Terminen und auch zwischen den verschiedenen Impfstoffen (Biontech und Moderna) auswählen. Er berät ausführlich, wann und für wen die Booster-Impfung in Frage kommt. Vom allgemeinen Stress oder einer Überlastung, über die derzeit viele Hausärzte klagen, keine Spur.

Sogar für abgewiesene Impfwillige ist Meyer offen und sagt: „Bevor die Impfzentren wieder öffnen, können uns gerne die Patienten geschickt werden, die ansonsten keinen Termin bekommen.“ Flexibilität ist dabei das Zauberwort: Schon während der ersten Impfwelle von Mai bis Juli habe sein Praxisteam über 15.000 Impfungen durchgeführt: „Auch da hatten wir so gut wie keine Wartezeiten, da wir auch an Samstagen und Sonntagen geimpft haben“, berichtet der Mediziner, der ganz pragmatisch ist: „Wir passen uns jeweils den Erfordernissen an.“ Sprich: Sein Team impft auch jetzt wieder samstags und macht Hausbesuche. Jeder, der wolle, solle auch wirklich die Spritze bekommen, findet der Allgemeinmediziner. Seine Adresse lautet: Hausarztpraxis Georg Meyer und Dr. Katharina Meyer-Albert, Bischofsstraße 30, 49074 Osnabrück, Telefon 0541-27464.

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