Berlin

Alles, was Taubenhasser glauben, ist falsch – drei Beweise

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 17.11.2021 16:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Porträt einer sehr alten Brieftaube: Verwilderte Zuchttiere bevölkern als Stadttauben den menschlichen Lebensraum. Foto: imago-images/Gottfried Czepluch via www..de
Porträt einer sehr alten Brieftaube: Verwilderte Zuchttiere bevölkern als Stadttauben den menschlichen Lebensraum. Foto: imago-images/Gottfried Czepluch via www..de
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Halten Sie Stadttauben für Ratten der Lüfte? Glauben Sie, dass den überfressenen Vögeln nur mit Fütterungsverboten beizukommen ist? Fürchten Sie, in der Stadt leben mehr Tauben als Menschen? Sie sind im Unrecht.

Im Museum bewundern wir die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Gleich vor dem Museum allerdings wird sie uns schon wieder lästig: Vom Bahnhof bis zur Innenstadt gibt es einfach viel zu viele von ihnen. So zumindest kommt es den meisten vor.

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Wie viele Tauben gibt es?

Tatsächlich leben weniger Tauben in der Stadt, als die meisten vermuten. In Berlin zum Beispiel, so berichtet es uns der dortige Wildtier-Referent Derk Ehlert, liegt der Bestand bei - rund 10.000 Tieren. Dass man ihre Zahl gern überschätzt, liegt an ihrer aufdringlichen Sichtbarkeit: Tauben sind tagaktiv, sie treten in Schwärmen auf, und seit ein paar Tausend Jahren sind sie an die Nähe des Menschen gewöhnt. Und weil sie viel reaktionsschneller sind als wir selbst, flattern sie erst auf, wenn man schon über sie zu stolpern meint.

Die vermeintlichen Massen sind nicht der einzige Irrtum, der über Stadttauben kursiert - und mit dem immer noch Fütterungsverbote begründet werden. Tauben werden auch als Gefahr für die Gesundheit und für die Bausubstanz empfunden. Und nicht wenige verachten sie als Bewohner eines widerlichen Schlaraffenlands, die umso mehr Eier legen, je fettere Fritten sie aus der Tonne zerren. Das alles ist falsch und amtlich widerlegt:

Leben Stadttauben im Schlaraffenland?

Wer einmal Tauben am Mülleimer beobachtet hat, denkt vielleicht: Appetitlich ist es ja nicht, aber wenigstens haben sie keinen Hunger. Leider doch. Tatsächlich ist das Futterangebot in Städten für Tauben so unangemessen, dass die Tiere im Elend leben: „Mangel- und/oder Unterernährung sowie hoher lnfektionsdruck senken (…) das zu erwartende Durchschnittsalter bei Stadttauben auf ein Niveau von nur 2 bis 3 Jahren gegenüber der normalen Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren.“ Das schreibt der Tierschutzbeirat des Landes Niedersachsen in seinen „Empfehlungen zur tierschutzgerechten Bestandskontrolle der Stadttaubenpopulation“.

Demzufolge benötigt eine Stadttaube zwischen 35 und 50 Gramm Futter pro Tag. Artgerecht wären neben speziellen Taubenfuttermischungen etwa Weizen, Mais und Erbsen. Außerdem brauchen die Vögel Muschelkalk und frisches Wasser. Ungeeignet sind: Speisereste, Pommes, Kekse, Brot und Haferflocken - also ein Großteil dessen, was die Tiere am Bahnhof aus der Tonne klauben.

Verschwinden Tauben, wenn das Futter ausbleibt?

Ein systematisches Aushungern von Wirbeltieren verbietet sich nicht nur unter dem Aspekt des Tierschutzes. Im Fall der Tauben hilft Hunger hilft nicht einmal, den Bestand zu begrenzen. In ihrem Sachbuch „Tauben“ erklärt Karin Schneider: Stadttauben sind Nachkommen von Zuchttieren, die häufiger als Wildtauben brüten und ihre Vermehrung nicht mehr dem Nahrungsangebot anpassen können. Schneiders bitteres Fazit: „Daher haben Fütterungsverbote zwar mehr verhungernde, kranke Tiere zur Folge, aber nicht weniger Nachwuchs.“

Und man kann ergänzen: Fütterungsverbote führen nicht mal zu weniger Vogelhäufchen - sondern nur zu schmierigerem Mist. In seinen Empfehlungen schreibt das Land Niedersachsen nämlich auch: „Unkontrollierte Vermehrung und Fütterungsverbote begründen eine tierschutzrelevante Verelendung der Tiere und haben sich für die Sauberkeit des öffentlichen Raums als kontraproduktiv herausgestellt. Die Mangelernährung verursacht Durchfall und Hungerkot, der im öffentlichen Raum nur mit großem Aufwand und kostenintensiv beseitigt werden kann.“ Statt die Tiere auszuhungern sei daher eine „kontrollierte artgerechte Fütterung anzubieten“ - zumindest als Übergang bis zur Einrichtung betreuter Taubenschläge.

Zerstört Taubenkot Bauten und Denkmäler?

Kämmerer und Kammerjäger sind sich einig: Tauben belasten die Stadtkassen, weil ihr Kot die Gebäudesubstanz angreife, gerade die besonders schützenswerter Bauwerke und Denkmäler. Das Vorurteil ist seit 2004 überholt. Damals prüfte die TU Darmstadt den Effekt des angeblich sauren Kots - und stellte zunächst einmal fest: Der pH-Wert der Häufchen liegt ziemlich genau bei dem von menschlicher Haut. 

„Die Einwirkung von Taubenkot entspricht einem schwachen chemischen Angriff“, stellt das Gutachten deshalb fest und fasst zusammen: Sandstein, Granit, Travertin, Vollziegel und Vollklinker zeigen nach mikroskopischer Untersuchung keinerlei Veränderung, wenn sie Taubenkot ausgesetzt werden. Bei Zementmörtel und naturbelassenem Nadelholz kommt es zu Verfärbungen; lasiertes Holz bildet Furchen in der Lasur aus, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Kupfer- und Bronzeblech bildet eine Oxidationsschicht aus, lackierte Stahlbleche altern schneller und verzinktes Stahlblech wird fleckig und verliert teilweise seinen Korrosionsschutz. Nichts davon gefährdet Bauten in der Substanz.

Übertragen Tauben Krankheiten?

Tauben werden oft als Ratten der Lüfte bezeichnet. In dem Wort schwingt die Angst vor Krankheiten mit - die im Fall der Taube unbegründet ist. Ermittelt haben das Gutachter des Robert Koch-Instituts. Der niedersächsische Tierschutzbeirat fasst die Ergebnisse dahingehend zusammen, „dass die im Internet von Schädlingsbekämpfern dargestellten Gesundheitsgefahren entweder gar nicht existieren oder zumindest in stark übertriebener Form dargestellt werden.“

Zu den wenigen Krankheiten, die Tauben übertragen können, zählt die grippeartige Ornithose oder Papageienkrankheit. Von ihr werden alljährlich nur eine Handvoll Einzelfälle gemeldet - und das hauptsächlich bei Züchtern. Die Sachbuch-Autorin Karin Schneider erwähnt außerdem die Pilzinfektion Kryptokokkose, die Menschen mit extrem geschwächten Immunsystem befallen könne, etwa Aids-Kranke. Die allgegenwärtigen Sporen des Erregers seien nicht nur im Kot nachweisbar, sondern auch in Erde, Staub und faulenden Pflanzenresten.

Nach und nach setzt diese Einsicht sich auch in den Verwaltungen durch. Die Stadt München etwa wischt vermeintliche Gesundheitsgefahren in ihrem Tauben-Leitfaden rigoros vom Tisch. Am Ende warnt das Blatt nur noch Allergiker - und weist auf diesen etwas bizarren Übertragungsweg hin: „Über mit Taubenkot verunreinigte Speisen wäre die Aufnahme einer Vielzahl von weiteren Erregern (zum Beispiel Salmonellen) denkbar.“ Denken Sie also daran, wenn Ihnen in München mal ein Täubchen auf die Weißwurst kackt! So groß der Appetit auch ist: Man kann sie nicht mehr essen.

Buchtipp: Katrin Schneider: Tauben. Matthes und Seitz. 160 Seiten, 20 Euro.

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