Frankfurt

Darum hilft die Verklärung von Fußballer Maurice Banach niemandem

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 18.11.2021 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Maurice Banach (links) beim Spiel seines 1. FC Köln gegen die Stuttgarter Kickers mit Jochen Novodomsky (rechts) am 10. August 1991, drei Monate vor seinem Tod. Foto: imago/Horstmüller GmbH
Maurice Banach (links) beim Spiel seines 1. FC Köln gegen die Stuttgarter Kickers mit Jochen Novodomsky (rechts) am 10. August 1991, drei Monate vor seinem Tod. Foto: imago/Horstmüller GmbH
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Vor 30 Jahren starb Maurice „Mucki“ Banach, eines der damals größten Talente des deutschen Fußballs, bei einem Autounfall. Er hätte ein Großer werden können, sagt unser Kolumnist Udo Muras.

Der November wird wohl nie einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen, dafür ist er in unseren Breiten einfach zu trist. Das allein wäre noch kein Grund, ein trauriges Kolumnenthema zu wählen, ist aber auch kein Hindernis. Das was zu sagen ist, würde ich auch im Mai oder Juli behaupten. Es geht um Maurice Banach, den alle Mucki nannten, der vor 30 Jahren mit seinem Wagen tödlich verunglückte und hoffentlich schon nicht mehr lebte, als das Fahrzeug in Brand geriet.

Eine Zäsur für den 1. FC Köln?

Die Unfallursache ist bis heute ungeklärt und tut auch nichts zur Sache: ein wertvoller, allgemein beliebter Mensch, ein Familienvater, der sein Leben noch vor sich hatte, verstarb im November 1991. Zufällig war er auch ein bekannter Fußballer. Er führte die Torschützenliste der Bundesliga in jener Saison an, an seinem Todestag war er immerhin noch Zweiter.

In Nachberichten, die in diesen Tagen überall erscheinen, steht zu lesen, er sei auf dem Sprung in die Nationalelf gewesen. Für Christoph Daum war er in der Retrospektive „eins der hoffnungsvollsten Talente im deutschen Fußball“. In einem brandneuen Buch, das ihm zu Ehren erschien und den Titel „Sie nannten ihn Mucki“ trägt, wurde die These aufgestellt, Banachs Tod sei die Zäsur in der Geschichte des 1. FC Köln gewesen, der zuvor ein Meisterschaftskandidat und ständiger Gast im Europapokal war und dann für 25 Jahre von der internationalen Bühne verschwand. Daum glaubt das auch.

Auf dem Sprung in die Nationalmannschaft

Nun gilt seit allen Zeiten das Wort, über Verstorbene nichts Schlechtes zu sagen, und außer Paul Breitner, der seinen Ex-Trainer Gyula Lorant „das Übelste als Mensch“ nannte, hat man sich auch im Fußball im Großen und Ganzen daran gehalten. Die Frage sei aber gestattet, ob es bei Nachrufen unbedingt ins Gegenteil ausschlagen muss und wem das nutzt.

Banach verstarb im Alter von 24 Jahren und hatte noch kein Länderspiel bestritten, selbst für damalige Verhältnisse war er spät dran für eine Weltkariere. Auch für das drei Tage nach seinem Tod anstehende Spiel in Belgien stand er nicht im vorläufigen Aufgebot, obwohl Bundestrainer Berti Vogts ihn in sämtlichen U-Mannschaften des DFB eingesetzt hatte und schätzte. Als Erwachsener aber blieb er im Wartestand. Deutschland hatte eben noch seine Weltmeisterstürmer Völler und Klinsmann, ein Karl-Heinz Riedle und die DDR-Importe Andreas Thom und Thomas Doll standen auch noch vor ihm.

Als Profi noch im Werden

Er hatte eben gute wie schlechte Zeiten, wie sie Spielern zugestanden werden müssen, jüngeren wie älteren. In seinem letzten Bundesligaspiel auf Schalke bekam Banach im „Kicker“ eine Fünf (mangelhaft), er kam auch schon mal zu spät zum Training. Als Profi war Mucki noch im Werden, es war ja noch Zeit genug für seine Träume. „Wenn ich gesund bleibe und alles normal läuft, dann bleibe ich oben“, sagte er in der letzten Woche seines Lebens zum Kampf um die Torjägerkanone. Auf tragische Weise wurde der Wunsch vernichtet.

Nur zu gern hätten wir erfahren, ob er wirklich Torschützenkönig und Nationalspieler geworden wäre, Köln mit ihm Deutscher Meister oder Europacupsieger. Im Nachhinein so zu tun, als wäre es gewiss so gekommen, ist mir nur ein bisschen viel der Verehrung und Verklärung und geeignet, den Schmerz der Hinterbliebenen nur zu vergrößern. Sie trauern zuvorderst um einen Mann, Vater, Sohn, nicht um den verhinderten Torschützenkönig.

Er hätte ein Großer werden können

Ja, vielleicht wäre er einer geworden. Für seinen Kapitän von einst war er „quasi Thomas Müller und Robert Lewandowski in einer Person.“ Es ist gut, aus dem Munde von Pierre Littbarski heute auch zu hören: „Ich weiß natürlich nicht, ob er ein ganz Großer geworden wäre. Ich kann nur sagen, dass er alle Voraussetzungen dafür hatte.“ Darauf sollten wir uns einigen.

Wie im Falle Robert Enke, auch ein November-Verstorbener, der womöglich 2014 statt Manuel Neuer in Maracana im deutschen Tor den WM-Pokal gewonnen hätte. Für das Gedenken an ihn ist das unerheblich. Er schied freiwillig aus dem Leben, der deutsche Fußball stand still. Die Witwe hatte die Kraft, einen Gemeinnutzen daraus zu etablieren und mit der Robert-Enke-Stiftung Menschen mit Depressionen ein Licht im Dunkel zu spenden. Daraus zieht sie Trost. Lesen zu müssen, was ihr Mann noch alles hätte erreichen können, bewirkt eher das Gegenteil. 

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