Seuche
Geflügelhalter in großer Sorge um ihre Tiere
Durch einen Ausbruch der Geflügelpest im Landkreis Aurich gibt es eine Aufstallpflicht. Das versetzt vor allem Hobbyzüchter in große Sorge – aber nicht wegen des Virus.
Landkreis Aurich - In einer Legehennen-Freihaltung in der Gemeinde Ihlow wurde vergangene Woche ein Ausbruch der Geflügelpest festgestellt. Das hatte eine erneute Aufstallpflicht für das gesamte Kreisgebiet sowie für die Stadt Emden zu Folge, teilt Rainer Müller-Gummels, Pressesprecher des Auricher Landkreises, mit. Hobbygeflügelzüchter sind in großer Sorge um ihre Tiere. Aber nicht in erster Linie wegen des Virus, sondern wegen der erneuten Aufstallung.
„Das bedeutet für die Tiere wieder viel Stress und lässt sich eigentlich nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbaren“, sagt Rainer Birck, Erster Vorsitzender der Rassegeflügelzüchter Aurich. Die Tiere seien es gewöhnt, draußen zu leben. Vor allem für Wasservögel wie Gänse und Enten sei die erneute Einsperrung sehr problematisch. „Die Tiere vermehren sich im Wasser. Das können sie in einem Stall natürlich nicht“, sagt er. Gerade bei bedrohten Arten wie der Emder Gans habe dies dramatische Folgen. „Die Tiere pflanzen sich kaum noch fort. Nachkommen sind aber wichtig, um die Art der Emder Gans zu erhalten“, sagt Birck. Auch Hühner würden eingesperrt in einem Stall weniger Eier legen. Dies habe der Verein bei der letzten Aufstallung feststellen können.
Aufstallung normalerweise nur nachts
Viele Tiere der Hobbyzüchter stünden auf der Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen wie zum Beispiel die Ostfriesischen Möwen-Hühner. „Für die Rassegeflügelzüchter ist die artgerechte Freilandhaltung dem Grunde nach die einzige Haltungsform“, sagt Lars Steenken, der Erste Vorsitzende des Landesverbands der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems. Die Tiere würden normalerweise nur nachts zum Schutz vor Fressfeinden in Ställen untergebracht. Eine Aufstallung bedeute nicht, dass die Tiere überleben, stellt Steenken klar. „Viele gesunde Tiere müssen irgendwann getötet werden, weil sie nicht das ganze Jahr über untergebracht werden können“, sagt der Landesverbandsvorsitzende.
Das betreffe vor allem Enten und Gänse. Vielen Hobbyzüchtern gehe deshalb der Spaß verloren. Im Auricher Rassegeflügelzuchtverein sei man zwar froh, dass noch keins der Tiere getötet werden musste, aber so weiterzumachen sei auch nicht schön. „Wir Hobbyzüchter haben jahrelange Arbeit in unsere Tiere gesteckt. Es soll ihnen gut gehen“, sagt Brick. Viele haben Angst, dass ihnen ihre gesamte Zucht durch die Geflügelpest verloren gehe – durch den Virus oder die Aufstallpflicht. „Zum Schutz der großen Industrie müssen wir kleinen Leute zurückstecken. Es ist eben ein Interessenkonflikt, wodurch das Tierwohl hinten an steht“, sagt Birck. Bedingt durch die aktuell auferlegten und zeitlich nicht befristeten Allgemeinverfügungen zur Aufstallung werden voraussichtlich wieder viele Erhaltungszuchten aufgegeben, schätzt Steenken.
Seuchenprävention gegen Tierwohl
„Es ist eine große Herausforderung, den bestehenden Auflagen der einzelnen Veterinärämter und den Vorgaben zur Seuchenprävention als auch dem Tierwohl gerecht zu werden“, schreibt er in einer Mitteilung. Außerdem sei dies aus artenschutzrechtlichen Gründen bedenklich. Steenken: „Es werden nun von den Erhaltungszüchtern provisorische Unterbringungen errichtet, um den Tieren, die den Freilauf gewohnt sind, möglichst viel Platz zu verschaffen. Die Aufstallung belastet die Tiere nicht nur, sondern optimiert die Bedingungen für Krankheitserreger.“
Ohne finanzielle Unterstützung könnten Privatzüchter diese Umbaumaßnahmen kaum realisieren. Deshalb seien auch finanzielle Hilfeleistungen für Stall- und Volierenumbauten für Geflügelzüchter erforderlich. Diese dürfen aber nicht gegen das Baurecht verstoßen. Die Mitglieder des Auricher Rassegeflügelzuchtvereins haben laut Birck glücklicherweise die Möglichkeit, die Tiere in großen Ställen unterzubringen. „Aber glücklich sind die Tiere nicht. Damit müssen wir nun leben“, sagt Birck. Es sei auch nicht gerade günstig, den Vorgaben des Landkreises und dem Tierwohl entgegenzukommen wie zum Beispiel beim Bau einer Voliere. „Es gibt Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung vom Landkreis zu bekommen. Noch brauchen wir aber keine und konnten uns alle gegenseitig helfen“, sagt Birck.
Noch kein Ende der Aufstallpflicht in Sicht
Neben der Geflügelpest und den damit verbundenen Auflagen habe aber auch die Corona-Krise bereits viele ehrenamtliche Vereine, die einen großen Beitrag zum Erhalt alter Rassen leisten, schwer zugesetzt. „Dabei ist das Interesse nach eigenen Hühnern in den letzten Jahren durchaus gestiegen. Sie sind in der Pandemiezeit eine willkommene Abwechselung“, stellt der Verbandsvorsitzende fest.
Im Landkreis Aurich hat es in diesem Jahr außer dem aktuellen Fall in Ihlow einen weiteren Ausbruch der Geflügelpest im Februar gegeben, teilt Kreissprecher Müller-Gummels auf Anfrage mit. Betroffen sei damals eine Geflügelhaltung mit 12.000 Legehennen in der Samtgemeinde Brookmerland gewesen. Im Jahr 2020 gab es ebenfalls zwei Ausbrüche in Geflügelhaltungen im Kreisgebiet. Wie lange die erneute Aufstallpflicht andauert, wisse man noch nicht. „Das muss das Veterinäramt angeben“, sagt Müller-Gummels.