Innenstadt
Auricher Markthalle: 1:0 für Abriss-Befürworter
In der Sitzung des Bauausschusses wurden die Pläne für ein Gutachten zur Markthalle abgeschmettert. Damit hat die Verwaltung eine Niederlage erlitten. Die nächste Entscheidung steht in zwei Wochen an.
Aurich - Niederlage für die Verwaltung: Fast auf der ganzen Linie ist Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) mit seinen Plänen zur Markthalle im Bau- und Sanierungsausschuss am Donnerstag gescheitert. Eine hauchdünne Mehrheit aus Stimmen der Grünen, Linken und der SPD/GAP-Gruppe lehnte es ab, das Pachtverhältnis mit den derzeitigen Mietern, dem Bäckermeister Martin Lorenz und einem asiatischen Gastronomen, um weitere zwei Jahre zu verlängern. Lediglich auf ein Jahr könne man sich verständigen.
Diese Frist ging aus einem Änderungsantrag hervor, den die Grünen zu Anfang der Sitzung eingebracht hatten. Darin wird auch gefordert, einen verbindlichen Zeit- und Maßnahmenkatalog aufzustellen. Die Politik ringt in Aurich seit sechs Jahren um die Frage, wie die Markthalle künftig genutzt wird. Verschiedene Ideen wurden geprüft und wieder verworfen. Ebenfalls abgelehnt worden ist im Bauausschuss die Fortschreibung eines Standort-Gutachtens der Firma Bulwiengesa aus dem Jahr 2016. Womit sich der Ausschuss einverstanden erklären konnte, war eine Beendigung des Interessenbekundungsverfahrens. Damit hatte die Stadt versucht, Investoren und Partner für die weitere Entwicklung des markanten Gebäudes auf dem Marktplatz zu finden. Die Entscheidung im Bauausschuss stellte die im Ortsrat Kernstadt auf den Kopf: Dort hatte man die Pläne des Bürgermeisters noch befürwortet.
„Herausgeworfenes Geld“
Erstmals ist ein Abriss der Markthalle so nah gerückt wie noch nie. „Aus finanziellen und städtebaulichen Aspekten gibt es keinen Grund, die Markthalle zu erhalten“, heißt es in dem Antrag der Grünen. „Sie ist seit Entstehung (1991, Anmerkung der Redaktion) defizitär gewesen und nie so genutzt worden, wie sie geplant war“, heißt es dort weiter. Investitionen, die von möglichen Investoren verlangt würden, weil ihnen in den Unterlagen ein „veredelter Rohbau“ versprochen wurde, sind in den Augen der Grünen „herausgeworfenes Geld“.
Neun Jahre lang hat die Stadt in diesem Sinn kein Fenster mehr aufgemacht, sprich, so lange ist nicht mehr investiert worden. Die ehemalige Betreibergesellschaft, zu der unter anderem Martin Lorenz und der Unternehmer Fritz-Werner Schüt gehörten, haben mit dem Hinweis auf die unsichere Zukunft Investitionen in die Halle abgelehnt.
„Fan der Markthalle“
Bürgermeister Horst Feddermann war bestürzt über die Entscheidung, die noch keine bindende Kraft hat. Ein endgültiges Votum gibt der Verwaltungsausschuss am Montag, 6. Dezember, ab. Dort haben die Linken kein Abstimmungsrecht. Markthallen-Befürworter-Fraktionen wie CDU, FDP und AWG kommen auf fünf Stimmen. Das sind ebenso viele wie SPD und Grüne aufbringen. Die Stimme von Bürgermeister Horst Feddermann wäre dann ausschlaggebend. Der hat sich bereits wiederholt als „Fan der Markthalle“ geoutet.
Galgenfrist für Markthalle bis Ende 2023
Das lange Sterben der Auricher Markthalle
Der stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende Bodo Bargmann (CDU) fürchtet, dass die beiden jetzigen Pächter verprellt werden und der Markthalle bereits zum 31. Dezember 2021 den Rücken kehren könnten. Er hatte im Ausschuss den Kompromiss-Vorschlag gemacht, einen zweijährigen Pachtvertrag mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist für beide Seiten aufzusetzen. Damit habe er sich leider nicht durchsetzen können, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, obwohl das die Zustimmung der AWG, des Kaufmännischen Vereins und des Bürgermeisters gefunden hätte. Selbst die Grünen hätten daran Gefallen gefunden.
Investor ist immer noch interessiert
Bodo Bargmann sagte, er habe am Donnerstag noch mit einem Bewerber aus dem Interessenbekundungsverfahren gesprochen. „Der bekräftigte, dass er deutliches Potenzial in der Markthalle sehen würde. Er möchte dort gerne was machen, nämlich das Gebäude nach unseren Vorgaben betreiben. Dafür würde er junge Firmen, nämlich Start-ups suchen“, sagte Bodo Bargmann. Man sei sich nur über die Modalitäten nicht einig geworden. 30 Euro pro Quadratmeter könne man Unternehmen, die in der Aufbauphase seien, eben nicht abverlangen.
Wie steht Martin Lorenz zu der aktuellen Entwicklung mit der Markthalle? Der Bäckermeister sagte, er habe keine Kenntnis von dem Ausschuss-Termin gehabt. Auf die Frage, ob er die Sitzung sonst besucht hätte, reagierte er unmissverständlich: „Diese Zeiten sind vorbei.“ Aktuell wollte er keine Stellungnahme abgeben. Dafür sei das Ergebnis zu dünn und könne ja auch nur vorübergehende Gültigkeit beanspruchen: „Ich warte darauf, bis die Stadt auf mich zukommt.“ Gegenwärtig konzentriere er sich mit seinem Geschäft in der Markthalle auf den Weihnachtszauber. Dafür habe er den Laden schon hübsch dekorieren lassen.
Gutachten für alle einsehbar
Mittlerweile ist das Bulwiengesa-Gutachten im Ratsinformationssystem für jeden öffentlich einsehbar. Dazu hatte sich die Verwaltung entschlossen, nachdem Kritik an der Geheimhaltung des Papiers im Ortsrat Kernstadt lautgeworden war. Das Gutachten stellt vor allen Dingen die ambivalente Beziehung zwischen Markthalle und Wochenmarkt heraus. Einerseits generierten die Beschicker hohe Frequenzen für den Marktplatz und damit auch für die Markthalle. Andererseits bedeute der Wochenmarkt auch Konkurrenz.
Wer sehe sich motiviert, in das Gebäude zu gehen, um dort einzukaufen, wenn er dreimal in der Woche viele Produkte des täglichen Bedarfs an den Ständen bekommen könne?, heißt es in der Ausarbeitung des Unternehmens, das sich selbst als „eines der großen unabhängigen Analyseunternehmen der Immobilienbranche“ bezeichnet und Standorte in fünf deutschen Großstädten unterhält. Für eine Fortschreibung dieses Gutachtens müssten 19.000 Euro aufgebracht werden. Geld, das in den Augen einiger Politiker genauso gut aus dem Fenster geworfen werden könnte.