Osnabrück
Falsches Auto, falsche politische Haltung? Wir sollten mehr zuhören!
In den 80ern war die Gesellschaft laut einer Studie stärker gespalten. Das heißt aber nicht, dass die Lage heute weniger ernst wäre. Ein Kommentar.
Eine Schwäche der Studie zu gesellschaftlicher Polarisierung ist sicherlich, dass der Erhebungszeitraum im Februar 2020 endete. Dazwischen liegen fast zwei Jahre Corona und eine Spaltung der Gesellschaft, die ihresgleichen sucht. Allerdings ist fraglich, ob gesellschaftliche Gräben in zwei, fünf, zehn Jahren noch so sehr mit der Coronadebatte zu tun haben. Hinter alledem liegt vielmehr ein grundsätzliches Problem, nämlich das des Umgangs miteinander.
Denn in einer Gesellschaft geht es nicht nur um das Was, also die politische Haltung, sondern auch um das Wie. Wie diskutieren wir? Wie versuchen wir zu überzeugen? Und wie gehen wir mit der Frustration um, jemanden nicht überzeugen zu können? Laut der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung wollten im Erhebungszeitraum 62 Prozent der Deutschen nichts mit AfD-Wählern zu tun haben, jeder Fünfte duldete keine Klimaaktivisten in seinem Umfeld und 22 Prozent der Bürger wollten keinen Kontakt zu SUV-Fahrern. Für Ungeimpfte dürfte Ähnliches gelten.
Eine solche Haltung gefährdet die Demokratie
Das Problem ist: Zwar kann jeder entscheiden, mit wem er seine Freizeit verbringen möchte. Aber wenn es schon reicht, das angeblich falsche Auto zu fahren, die falsche Partei zu wählen oder das Klima schützen zu wollen, um Kontaktverweigerung hervorzurufen, ist das nur ein erster Schritt. Im zweiten sprechen sich zwei Menschen oder Gruppen gegenseitig ab, ein ernstzunehmender Teil der Gesellschaft zu sein. Und wieso sollte man eigentlich noch eine Regierung akzeptieren, die nicht zu hundert Prozent die eigene Politik vertritt, wenn man nicht mal die abweichende Meinung des Nachbarn aushält? Am Ende steht nicht weniger als der demokratische Konsens auf dem Spiel. Sinnvoll ist es, diese Dimension im Hinterkopf zu haben, wenn es das nächste Mal darum geht, auf die Haltung eines anderen zu reagieren. Dabei geht es nicht darum, dessen Sicht ungeprüft zu übernehmen. Statt Abwehr und Beleidigungen kann es aber hilfreich sein, überhaupt erst einmal zuzuhören.
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