Osnabrück
Holt-Prozess: Schwester belastet Hendrik Holt und Heinz L. schwer
Mit der Aussage der Schwester von Hendrik Holt ist am Dienstag der Prozess um den Millionenbetrug in der Windkraftbranche fortgesetzt worden. Die junge Frau zeichnete das Bild einer schrecklich netten Familie.
Als der Vorsitzende Richter am Dienstagmorgen die Verhandlung kurz unterbrach, wurde es emotional auf der Anklagebank. Mutter Holt nahm ihre Tochter in den Arm, Tränen flossen. Zuvor hatte die junge Frau gestanden, gemeinsam mit den restlichen Angeklagten - ihrer Mutter, zwei Brüdern und Finanzdirektor Heinz L. - internationale Energiekonzerne mit erfundenen Windparkprojekten um Millionenbeträge gebracht zu haben.
Eines, so betonte die 27-Jährige zu Beginn ihrer Einlassung vor Gericht, sei ihr wichtig: „Dass ich meine Familie sehr lieb habe und auch Heinz sehr lieb gewonnen habe.“ Es war der emotionale Auftakt zu einer Aussage, in der sie alle Mitangeklagten belastete - zuvorderst ihren Bruder Hendrik Holt und Heinz L., der eine Art Opa-Figur für sie gewesen sei.
Ihre eigene Rolle im Unternehmen ordnete sie eher als klein ein. Mit „Sex Sells“ hatte sie ihren Beitrag in einer Polizeivernehmung umschrieben, für eine „sympathische Atmosphäre“ bei Geschäftsterminen sorgen. Damit sei explizit aber nicht Prostitution gemeint gewesen.
Keine Ahnung vom Geschäftsmodell?
Worum es bei den Geschäftsaktivitäten der Holt-Gruppe gegangen sei, habe sie ungeachtet eines BWL-Studiums „kaum bis gar nicht“ verstanden. „Ich habe die Verträge nicht verstanden. Ich habe das Geschäftsmodell nicht verstanden.“
Sie sei im Zuge eines 450-Euro-Jobs in das Unternehmen ihres Bruders eingestiegen. Später habe sie bis zu 2500 Euro im Monat erhalten - in bar ausgezahlt von Hendrik. Im Jahr 2018 habe sie das erste Mal eine Unterschrift unter einem Dokument gefälscht. Sie sei darum gebeten worden. Diese werde später gegen die Original-Unterschrift ausgetauscht, sei ihr versichert worden. „Doch dabei blieb es nicht.“ (Weiterlesen: Holt-Prozess in Osnabrück: Die Lokalpolitik im Zeugenstand)
Die manipulierten Unterlagen waren Kernstück des Millionenbetruges. Tausende gefälschte Unterlagen wurden später entdeckt: vermeintliche Verträge mit Grundstücksbesitzern, erfundene Zusicherungen von Behörden und so weiter. Die Dokumente gaukelten den Geschäftspartnern eine Realisierbarkeit von Windparks vor, woraufhin diese große Geldsummen überwiesen.
Beim Fälschen der Unterschriften hätten alle mitgeholfen, sagte die Emsländerin aus. Immer wieder sei sie von Heinz L. und Bruder Hendrik gedrängt worden. Sie habe in einer „emotionalen und finanziellen Abhängigkeit“ zu den Betrügern und zum Unternehmen gestanden. Hendrik und Heinz hätten versichert, die Familie zu schützen.
Schlägerei in der Familie Holt
Tatsächlich gab es erhebliche Zerwürfnisse im Holt-Clan: So wollte der jüngere der beiden angeklagten Holt-Brüder bereits 2018 aussteigen. Fäuste sollen geflogen und der Bruder letztlich doch im Unternehmen und damit Teil des Millionenbetruges geblieben sein. Hendrik solle auch Drohungen rund um die Familienvilla in Bakum ausgesprochen haben, in der Mutter, Vater und Schwester lebten. Die Villa sei „sein Haus“, er bestimme. (Weiterlesen: Villa der Familie Holt: Makler senkt Preis für Luxusimmobilie)
Insgesamt zeichnete die Schwester ein Bild, wonach der jüngere Bruder, die Mutter und sie selbst kaum eine andere Wahl hatten als weiter Teil des Betrugssystems zu bleiben - von dem sie allerdings ausweislich sichergestellter Luxusgüter und Bilddarbietungen in sozialen Netzwerken gut profitierten.
Es wurde weiter manipuliert. Die Tatorte der Fälschungsaktivitäten waren dabei weit verteilt: in Haselünne, in Osnabrück, in Beirut und auf Sylt wurde unterschrieben, was vorgelegt worden sei. Bis Staatsanwaltschaft und Polizei im April 2020 dazwischenfunkten. Holts Schwester wurde wie der Rest der beteiligten Familienmitglieder festgenommen.
Die heute 27-Jährige war die Erste, die 2020 in Untersuchungshaft ein Geständnis ablegte. Darin schonte sie die übrigen Familienmitglieder wohl nicht. „Ich hatte gehofft, dass jemand anders den Anfang machen würde“, sagte sie vor Gericht. Innerhalb der Familie kam es in der Folge zu Unstimmigkeiten. Mitglieder - auch solche, die nicht hinter Gittern saßen - hätten mit Unverständnis reagiert.
Plötzlich ein Handy im Briefkasten
Offenbar hatte auch der inhaftierte Bruder Hendrik Holt Gesprächsbedarf. Zumindest vermutet die Schwester ihn hinter folgenden Aktionen: Unbekannte Personen hätten zunächst versucht, ihr persönlich ein Mobiltelefon zu übergeben. Später habe sie ein Handy in ihrem Briefkasten vorgefunden. Sie habe es ihrem Anwalt übergeben und der dann der Polizei.
Offenbar wollte Hendrik mit ihr Kontakt aufnehmen. Ob er sich selbst ein Handy innerhalb der JVA Oldenburg organisiert hatte, ist nicht bekannt.
Mit der Aussage der Schwester haben nun alle angeklagten Holts ausgepackt. Allein Opa-Figur und Finanzdirektor Heinz L. hat bislang geschwiegen. Er wurde in allen bisherigen Einlassungen schwer belastet, nahm dies aber fast regungslos zur Kenntnis, machte sich höchstens Notizen.
Als am Dienstag ein ehemaliger Geschäftspartner von ihm aussagte, Heinz L. sei bei einem Geschäftsessen mit einem Energiekonzern quasi vor der Rechnung geflüchtet, wurde er dann doch ungehalten und instruierte seinen Anwalt Nachfragen zu stellen. Am Ende des Prozesstages erklärte Verteidiger Temba Hoch, sein Mandant werde nun doch an einem der kommenden Termine seine Sicht der Dinge erzählen.
Fortgesetzt wird die Verhandlung am Donnerstag.
Weiterhören: Der Fall Holt im Podcast „Windmacher“