Osnabrück

Warum diese zwei jungen Brummifahrer ihren Job trotz des schlechten Images lieben

André Pottebaum
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Von André Pottebaum
| 25.11.2021 10:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Haben sich für den Job als Berufskraftfahrer entschieden: Annika Rose (links) und Nick Kubitz. Foto: Swaantje Hehmann
Haben sich für den Job als Berufskraftfahrer entschieden: Annika Rose (links) und Nick Kubitz. Foto: Swaantje Hehmann
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Zeitdruck, mangelnder Respekt, Einsamkeit und schlechte Bezahlung: Das Image der Berufskraftfahrer könnte hierzulande kaum schlechter sein. Nick Kubitz und Annika Rose haben sich dennoch für diesen Job entschieden.

Frei und unabhängig sein, mit dem Lkw durch Deutschland und Europa fahren, an den schönsten und abgelegensten Orten Rast machen und dabei noch Geld verdienen. In den 70er-Jahren glich das Bild des Berufskraftfahrers ebenjener Asphalt-Romantik, die heute so wohl kaum noch existiert. Von Zeitdruck, rauem Umgangston, langen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung ist stattdessen die Rede. Junge Leute schreckt das negative Bild, das seit Jahrzehnten über Lkw-Fahrer gezeichnet wird, mehr und mehr ab.

Traum von Freiheit und Unabhängigkeit

Doch der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit, von einsamen Straßen und der Ruhe hinter dem Lenkrad ist noch immer präsent. Für Nick Kubitz (21) und Annika Rose (24), die ihre Ausbildung zum Berufskraftfahrer absolvieren beziehungsweise bereits abgeschlossen haben, ist jene Asphalt-Romantik noch längst nicht Geschichte. „Ich habe Spaß daran, auf den Straßen unterwegs zu sein. Ich fahre raus und bin für mich. Du hast keinen der schlecht gelaunt ist und dich anquatscht“, sagt Nick Kubitz, der im zweiten Ausbildungsjahr zum Berufskraftfahrer ist.

Der gebürtige Mettinger kam im August 2020 zum Osnabrücker Unternehmen Overnight Tiefkühl-Service, einer hundertprozentigen Tochter von Coppenrath & Wiese. Deutschlandweit werden die Waren des Unternehmens - Kuchen, Torten, Brötchen, Minigebäck und Co. - ausgeliefert. 45 40-Tonner stehen dafür zur Verfügung, 82 Fahrer sind beschäftigt, sieben weitere befinden sich in der Ausbildung. Kubitz hatte zuvor eine zweijährige IHK-Ausbildung zum Fachpraktiker für Lagerlogistik abgeschlossen. Doch wirklich zufrieden war er damit nicht. „Ich hatte immer noch den Traum Berufskraftfahrer zu werden“, sagt er rückblickend, und bewarb sich so kurzerhand neu.

Als Kind so sagt er, sei er bereits mit seinem Onkel, der Lastwagenfahrer ist, mitgefahren und „auf den Straßen unterwegs gewesen“. Sein Bruder mache derzeit ebenfalls eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer. In der Schule habe er bereits die Idee gehabt, diesen Beruf zu erlernen, sich jedoch Sorgen gemacht, ob er das hinbekomme, wie er selbst sagt. Hinzu kam, dass ihm viele Leute davon abgeraten hätten, als Lastwagenfahrer zu arbeiten - selbst diejenigen, die schön länger in der Branche tätig seien. „Davon habe ich mich jedoch nicht abhalten lassen“, sagt der 21-Jährige selbstbewusst.

Nachwuchsprobleme allgegenwärtig

Eine Einstellung, die Lars Siepmann, Leiter Fuhrparkmanagement und Disposition bei Overnight, zu schätzen wissen dürfte. Denn Nachwuchs zu finden wird zunehmend schwieriger, sagt der 48-Jährige. 2007 habe das Unternehmen angefangen Berufskraftfahrer selbst auszubilden. „Seitdem versuchen wir jedes Jahr gute und ausreichend Azubis zu finden“, so Siepmann. 

Kein leichtes Unterfangen, wie sich zeigt. Neben den Imageproblemen des Berufsstandes sowie der Logistikbranche allgemein, würde sich negativ auswirken, dass immer mehr junge Leute studieren und sich gegen eine Ausbildung entscheiden würden. Dabei sei der Job als Berufskraftfahrer abwechslungsreich und „die Bandbreite extrem groß“. Zudem fehle durch die Abschaffung der Wehrpflicht, durch die viele Fahrer einst kostenlos ihren Lkw-Führerschein machen konnten, ein weiteres Standbein bei der Rekrutierung von Fahrern.

Versorgungsengpässe in Deutschland?

Die Sorgen des Unternehmens spiegeln dabei die allgemeine Entwicklung der Branche wider. Nach Angaben des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fehlen bereits jetzt 60.000 bis 80.000 Berufskraftfahrer deutschlandweit. Jedes Jahr gehen demnach 30.000 Fahrer in Rente - doch nur circa 17.000 neue kommen nach. Eine Entwicklung, die sich nach Einschätzung des BGL weiter zuspitzen dürfte.

In den kommenden Jahren könnte es demnach zu einem Versorgungsengpass kommen, ähnlich wie es derzeit in England zu beobachten ist. Grund sind strikte Brexit-Visabestimmungen, die zu einem erheblichen Fachkräftemangel geführt hatten. Massive Lieferprobleme bei Benzin und Lebensmitteln sind die Folge. 100.000 Fahrer fehlen landesweit, erst jüngst musste die Armee einspringen und aushelfen.

Eine Entwicklung, die auch Siepmann mit Sorge verfolgt. Konsumverhalten und Nachwuchssorgen könnten die Probleme hierzulande ebenfalls befeuern und auf Dauer zu Versorgungsengpässen führen, so der Fuhrparkchef. Umso erfreulicher sei, wenn junge Leute nach der Ausbildung den Weg zum Osnabrücker Unternehmen finden würden.

Rose: Lkw-Fahren ein „Gefühl von Freiheit“

Annika Rose ist eine von ihnen. Die 24-Jährige hatte 2017 ihre Ausbildung zur Berufskraftfahrerin begonnen und diese im vergangenen Jahr erfolgreich abgeschlossen. Einige Jahre zuvor hatte die gebürtige Rheinerin Maler- und Lackerin gelernt. Doch ihrem ursprünglichen Job wollte sie nicht mehr nachgehen. „Ich war viel mit dem Auto unterwegs, und Fahren ist das, was ich gerne mache“, sagt die junge Frau und entschied sich schließlich dazu, Pinsel und Farbe gegen Lenkrad und 40-Tonner zu tauschen. Mit dem Lkw unterwegs zu sein, sei für sie ein „Gefühl von Freiheit“. Auch wenn es manchmal einsam sein könne, wenn während der Arbeit niemand zugegen sei, mit dem man sich unterhalten kann.

Dass sie als junge Frau in einem männerdominierten Beruf unterwegs ist, spiele für sie keine Rolle - auch wenn es durchaus Vorbehalte und Sorgen, etwa von der eigenen Familie, gegeben hätte. „Ich habe noch nie erlebt, dass ich dumm angemacht wurde, meistens werde ich positiv wahrgenommen. Die älteren Fahrer sagen zwar manchmal ‚Frauen gehören nicht hinters Steuer‘, aber die meisten Kunden freuen sich auch, mal eine Frau als Lkw-Fahrerin zu sehen“, sagt Rose. Dabei wäre es längst an der Zeit, dass sich mehr Frauen für diesen Beruf entscheiden würden. „Es wäre definitiv cool, wenn das mehr Frauen machen würden. Wir sind eindeutig zu wenige.“

Schnellballsystem als Zukunftschance

Um nicht nur mehr Frauen, sondern auch junge Männer für den Beruf zu begeistern, geht das Unternehmen an Schulen aktiv auf junge Menschen zu. Nicht ganz einfach, denn den Lkw-Führerschein zu machen, ist auch immer eine Frage des Alters. Vor allem sei es wichtig, so heißt es vom Unternehmen, dass die angehenden Berufskraftfahrer mindestens ein Jahr Fahrpraxis während ihrer Ausbildung sammeln könnten. Dabei gehe es auch darum, Verantwortung im Umgang mit den Fahrzeugen zu lernen. Würden sich die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen dann für die Ausbildung entscheiden und diese positiv wahrnehmen, könnten Freunde oder Bekannte für den Job begeistert werden. Eine Art Schneeballsystem, wie Lars Siepmann sagt.

Gleichzeitig hemmt der negative Ruf der Branche und das Image der Berufskraftfahrer die Chancen, ausreichend Personal zu gewinnen. Dabei sei die Logistikbranche als solche unverzichtbar, sagt Siepmann. „Manche Menschen akzeptieren nicht, dass es Lkw braucht, um all die Dinge in die Innenstädte zu bringen.“ Auch deshalb wünscht sich Nick Kubitz mehr Verständnis und Zuspruch für sich und seine Kollegen. „Die Leute, die die Güter kaufen, sollten das eigentlich schon wertschätzen, auch, weil die Dinge gebraucht werden. Irgendwann ist es dann so wie England, dann sind beispielsweise die Tankstellen leer“, sagt er.

Traum von Freiheit und Unabhängigkeit

Dass sich Annika Rose und Nick Kubitz trotz Vorurteilen und Vorbehalten für den Job als Berufskraftfahrer entschieden haben, spricht für sich. Denn für beide ist die Leidenschaft des Brummifahrens schon in jungen Jahren allgegenwärtig - und der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit, von einsamen Straßen keine Erfahrung vergangener Jahrzehnte mehr.

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