Osnabrück

Wird Claudia Roth eine gute Kulturstaatsministerin?

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 26.11.2021 12:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auf kulturellem Terrain: Claudia Roth, die neue Kulturstaatsministerin auf dem roten Teppich der Berlinale. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Auf kulturellem Terrain: Claudia Roth, die neue Kulturstaatsministerin auf dem roten Teppich der Berlinale. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Claudia Roth wird Staatsministerin für Kultur - das ist eine der überraschendsten Personalien der neuen Ampelkoalition. Aber ist das auch eine gute Entscheidung?

Claudia Roth wird Kulturstaatsministerin. Claudia Roth? Allerdings: Ihr Name war die größte Überraschung auf der Kabinettsliste von Bündnis90/Die Grünen. Auf den ersten Blick. Denn auf den zweiten wird klar, wie konsequent die Personalie ist. Wer hätte den Posten denn übernehmen sollen? Anton Hofreiter sieht zwar aus wie der Sänger einer Metal-Band, seine Talente liegen aber auf anderen Gebieten. Und Robert Habeck ist tatsächlich Schriftsteller, aber derzeit mit noch wichtigeren Aufgaben befasst. Also: Claudia Roth.

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Tatsächlich ist die gebürtige Ulmerin die erste Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (so heißt das Amt offiziell) mit originär kulturellem Hintergrund. Roth hat Theaterwissenschaften, Geschichte und Germanistik studiert - der klassische Einstieg in eine Theaterkarriere. Die ersten Schritte hat sich auch getan, unter anderem in Dortmund, doch dann kamen die Band Ton, Steine, Scherben und Rio Reiser, und Claudia Roth wurde Band-Managerin.

Das alles ist lange her. Aber über ihren Einstieg ins Berufsleben hat sie die Strukturen am Stadttheater kennengelernt und weiß, was es heißt, am freien Markt unterwegs zu sein. 

Nun werden schon Befürchtungen laut, eine grüne Kulturstaatsministerin könnte die Schwerpunkte künftiger Kulturpolitik verschieben, weg von „Hochkultur“ (was immer das heißt) hin zu Teilhabe und Niederschwelligkeit. In der Tat wäre das ein Bruch mit der Politik ihrer Vorgängerin Monika Grütters, die sich sehr intensiv um Großtanker gekümmert hat: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Humboldt-Forum, Erinnerungskultur, Hauptstadtkultur. Doch Grütters hat für ihre Nachfolgerin auch Themenfelder vordefiniert: Die Preußen-Stiftung ist eine Großbaustelle, die Frage von Beutekunst und Restitution ebenfalls. Und das sind nur zwei Aufgaben.

Hilfe für die freie Kulturszene

Eine andere, sehr drängende Aufgabe betrifft genau die freie Kulturszene. Ein Ende der Corona-Krise ist nicht absehbar, der Neustart-Motor wird gerade abgewürgt, und es droht der nächste Lockdown. Die Folgen für Clubs und Künstler sind unabsehbar, wieder einmal, und so ambitioniert Grütters Hilfspakete geschnürt hat: Ihre Programme waren nicht immer sehr passgenau. Da könnte es hilfreich sein, mit Roth eine Frau an der Spitze zu haben, die weiß, was es heißt, frei im Kulturmarkt unterwegs zu sein.

Dennoch hinterlässt Monika Grütters markante Spuren: Sie hat unermüdlich Geld für die Kultur gesammelt; zuletzt betrug ihr Etat 2,1 Milliarden Euro. Außerdem genoß sie das Privileg der kurzen Wegen zur Bundeskanzlerin - ob sich das Verhältnis von Claudia Roth und Kanzler Olaf Scholz auch so einspielt, ist noch offen. Andererseits kann Roth mit der grünen Außenministerin Annalena Baerbock der Kultur als „dritte Säule der Außenpolitik“ ganz neue Bedeutung zukommen lassen.

Und die Hochkultur? Immerhin ist Claudia Roth seit Jahrzehnten Jahr für Jahr ein schriller Akzent auf der Gästeliste der Bayreuther Festspiele, übrigens auch mal in Begleitung von Parteifreund Anton Hofreiter. Jedenfalls kommt sie sicher nicht in erster Linie, um gesehen zu werden - dafür treiben sich zu viele bunte Vögel am Grünen Hügel herum. Nein, Claudia Roth ist begeistert von der Sache, sie ist streitbar und mutig - gute Voraussetzungen für eine Kulturstaatsministerin.

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