Zeitzeugen berichten

Das Heimweh ist auch nach Jahrzehnten noch sehr groß

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 28.11.2021 15:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Aziz Akan (von links) aus Ostrhauderfehn, Osman Acar aus Warsingsfehn und Süleyman Agirman aus Leer leben sehr gerne in Ostfriesland. Heimweh haben sie dennoch. Foto: Schneider-Berents
Aziz Akan (von links) aus Ostrhauderfehn, Osman Acar aus Warsingsfehn und Süleyman Agirman aus Leer leben sehr gerne in Ostfriesland. Heimweh haben sie dennoch. Foto: Schneider-Berents
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Anders als die Türken, die ab 1961 zum Arbeiten nach Leer gekommen sind, kamen viele Kurden in den 1980er Jahren als Asylbewerber. Die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft half ihnen.

Leer - Drei Männer, ein Schicksal: Aziz Akan aus Ostrhauderfehn, Osman Acar aus Warsingsfehn und Süleyman Agirman aus Leer haben sich lange nicht gesehen. Sie sitzen bei der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft in Leer an einem Tisch, trinken Tee und unterhalten sich. Sie haben sich viel zu erzählen, sprechen in ihrer Sprache darüber, wie es ihnen geht, was es Neues aus den Familien gibt, was sie unlängst erlebt haben. Und sie reden über das kleine Dorf Bacin in der Provinz Mardin nahe der syrischen Grenze, in dem sie geboren und aufgewachsen sind, das sie aus Angst und Verfolgung verlassen mussten. Die Männer sind Kurden yezidischen Glaubens.

Hilfe für Kurden in Leer

Im Nachkriegsdeutschland boomt die Wirtschaft. Doch in den 1950er und 1960er Jahren fehlen Arbeitskräfte – in der Stahlindustrie, in den Autofabriken und auf den Werften. Deutschland schließt mit anderen Staaten Anwerbeabkommen, um ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Gedacht war, dass sie nur vorübergehend bleiben, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Viele kehrten aber nicht in ihre Heimatländer zurück. Sie blieben, gründeten Familien oder holten diese nach und bauten sich hierzulande ein neues Leben auf.

Mit der Türkei wurde der bilaterale Vertrag am 30. Oktober 1961 besiegelt. Das ist jetzt 60 Jahre her. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) vereinbart worden. 1963 kamen die ersten vier Türken nach Leer. 1965 lebten 250 Frauen (118) und Männer (132) aus der Türkei in der Ledastadt. Sie arbeiteten bei Olympia, in der Eisengießerei Boekhoff und auf der Jansen-Werft.

Nicht allen fiel es leicht, in Leer Fuß zu fassen. Mangelnde Sprachkenntnisse und Wohnungsnot bereiteten Probleme. Um denen, die Unterstützung brauchten, zu helfen, wurde 1980 die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft gründet. Sie hatte gleich zu Beginn mehr als 100 Mitglieder. Als Anfang der 1980er Jahre die ersten Kurden als Asylbewerber nach Leer kamen, ist auch für sie die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft eine wichtige Anlaufstelle.

Mitte der 1980er Jahre flüchten sie deshalb mit ihren Familien aus der Türkei nach Deutschland. Sie hätten es ja noch lange versucht, nachdem sich die Militärregierung im September 1980 in ihrem Land an die Macht geputscht hatte. „Aber irgendwann ging es nicht mehr“, sagt Osman Acar. „Wir saßen zwischen allen Stühlen. Die türkische Regierung mochte uns nicht, weil wir Kurden sind. Die muslimischen Kurden mochten uns nicht, weil wir Yeziden sind“, schildert Aziz Akan die Situation. Von anderen Kurden, die vor ihnen nach Deutschland geflohen waren und Asyl beantragt hatten, wussten sie, dass es in Leer eine Initiative gibt, an die sie sich mit ihren Problemen wenden können: die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft.

Viel Geld an Schleuser gezahlt

Aziz Akan und seine Frau Gulistan verlassen 1985 ihre Heimat. Mit ihren damals vier kleinen Kindern vertrauen sie sich einem Schlepper an, den sie gar nicht kannten. „Wir mussten ihm viel Geld zahlen, damit er uns außer Landes bringt. Über Belgien sind wir am 23. September in Deutschland eingereist“, erzählt der 63-Jährige. Viele Kurden seien seinerzeit über Belgien gekommen.

Osman Acar, seine Frau Kadife und der damals einjährige Sohn Mihdi kommen bereits Anfang 1985 nach Leer. „11.000 türkische Lira, umgerechnet rund 2000 DM, haben wir dem Schleuser gezahlt“, erinnert sich Acar. Sie seien froh gewesen, als sie endlich in Sicherheit gewesen seien. „Dennoch war das Leben in Deutschland anfangs auch nicht einfach“, so der 58-Jährige.

Keine richtige Arbeit gefunden

Lange hätten sie darauf gewartet, dass ihrem Asylantrag stattgegeben wird. In dieser Zeit habe er nicht arbeiten dürfen. Später, als feststand, dass sie nicht wieder in die Türkei zurückmüssen, habe es kaum Arbeitsplätze gegeben. „In Leer waren zu der Zeit viele Menschen arbeitslos. Ich hatte das Glück, über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Stelle zu bekommen. Danach war ich bei der Sielacht Stickhausen beschäftigt und bei einer Gärtnerei in Halte“, berichtet Osman Acar.

Serhat Özdemir arbeitet als Migrationsberater für die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft in Leer. Foto: Schneider-Berents
Serhat Özdemir arbeitet als Migrationsberater für die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft in Leer. Foto: Schneider-Berents

Süleyman Agirman, seine Frau Sari und ihr damals erst ein Jahre alter Sohn Terzan leben ebenfalls seit Anfang 1985 in Leer. „Als wir hier ankamen, wurden alle Kurden erst einmal in der Stadt im Europa-Hotel untergebracht“, erinnert sich der 55-Jährige. Nach der Bewilligung seines Asylantrages arbeitete als Fahrer für den Arbeitskreis Schule in Rhauderfehn. Zuletzt war er als Helfer auf der Meyer-Werft in Papenburg beschäftigt. Im Moment sei er arbeitslos.

Dass er Osman Acar und Aziz Akan einmal wieder trifft, freut den 55-Jährigen. So könne man über alte Zeiten reden. Es gehe ihm gut, sagt Süleyman Agirman. „Doch ich habe oft Heimweh, immer noch, nach all den Jahren“, sagt er. So leben wie in dem Dorf, das sie verlassen hätten, ohne Strom, ohne fließendes Wasser in den Häusern, wollte er heute nicht mehr. „Doch Heimat bleibt Heimat. Ich glaube, das Gefühl dafür bleibt für immer“, sagt Osman Acar. Seine Kinder dagegen seien Deutsche, durch und durch und das sei gut so.

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