Osnabrück

„Die Fledermaus“ am Theater Osnabrück: Klamotte oder Komödie?

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 28.11.2021 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sieht ja ganz schön aus: „Die Fledermaus“ von Johann Strauß am Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
Sieht ja ganz schön aus: „Die Fledermaus“ von Johann Strauß am Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
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Als erste Operette seiner Intendanz am Theater Osnabrück hat Ulrich Mokrusch „Die Fledermaus“ auf den Spielplan gesetzt. Ein gute Wahl, denkt man. Denn damit kann man kaum etwas falsch machen.

Ach ja, das ist schon Zeit geworden: Nach zwei Jahrzehnten wagt sich das Theater Osnabrück mal wieder an  „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. Feine Frivolität durchzieht das ganze Stück, Rollentausch, bei dem doch jede und jeder sich selbst spielt, treiben das Spiel an, und weil Johann Strauß dazu - mithilfe von Richard Genée, der am Libretto und an der Orchestrierung mitgearbeitet hat - so geniale, schwung- und geistvolle Musik geschrieben hat, kann nichts schief gehen. Oder?

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Leider doch. Damit ist nicht gemeint, dass das Osnabrücker Symphonieorchester unter Daniel Inbal ein bisschen braucht, bis sich in der Ouvertüre alles zurechtgeruckelt hat sie überhaupt etwas mehr Differenziertheit vertragen hätte. Im Großen und Ganzen hat das, was aus dem Graben kommt den richtigen Pfiff, die nötige Leichtigkeit. Nein, das Problem dieses Abends spielt sich auf der Bühne ab.

Auf den ersten Blick macht Regisseurin Eike Ecker  all jene glücklich, die Operette (und überhaupt jedes Theaterstück, aber vor allem die Operette) so sehen wollen, wie es sich die Autoren gedacht haben. Was das heißt? Nun, die Herren tragen Frack und die Damen Abendrobe, es geht glamourös und festlich zu.

Vernissage statt Souper

Das kann man ja machen; eine Operette muss nicht sämtliche Problemstellungen und Diskurse des Weltgeschehens aufgreifen. Ein paar kleine Akzente erlaubt sich Kostüm- und Bühnenbildner Darko Petrocvic aber schon: Anlass für ein großes Fest beim Prinzen Orlowsky ist eine Vernissage mit großformatigen Bildern - warum auch nicht. Dort trifft sich eine illustre Gästeschar zum Maskenball, unter anderem sind da: Charlie Chaplin, Albert Einstein, Marlene Dietrich, Nosferatu. Auch das kann man machen, für die Geschichte auf der Bühne bringt die Prominenz so wenig wie die Bilder an der Wand. Und das Souper und die Ballszene, die das Stück vorsieht, fallen beide der Vernissage zum Opfer.

Diese Ausstellungseröffnung ist der Rahmen für eine groß angelegte Inszenierung des Dr. Falke (Jan Friedrich Eggers), der sich an seinem Freund Gabriel von Eisenstein (James Edgar Knight) für einen derben Scherz rächen will, der Falke dem Gespött der Leute preisgegeben und ihm den Namen „Dr. Fledermaus“ eingebracht hat. Strauß hat dafür köstliche Operettennummern aneinander gereiht, und die werden von Ensemble, Chor und Orchester auch schwungvoll umgesetzt: „Mein Herr Marquis“, mit dem Hausmädchens Adele (Julie Sekinger) ihren Chef lächerlich macht, der fulminante Czárdás, mit dem Eisensteins Frau Rosalinde (Susann Vent-Wunderlich) sich als ungarische Fürstin vorstellt, das herrliche „Brüderlein und Schwesterlein“, das in ein dadaistisches „Duidu“ des Chores mündet (Einstudierung: Sierd Quarré), in dem Strauß musikalisch die Ballgesellschaft in ein Traumland hebt, das die Realität weit hinter sich gelassen hat - und mit dem Strauß der Gesellschaft seiner Epoche den Spiegel vorhält.

Verhungerte Pointen

Auf der Bühne zeigt Ecker davon wenig - wie sie überhaupt eher pauschal zu Werke geht. Statt den subtilen Witz des Stücks herauszukitzeln, hat sie den Protagonisten Dialoge in den Mund gelegt, die ziemlich kleinteilig Erläuterungen zum Bühnengeschehen liefern. Gut, das lichtet vielleicht ein bisschen das Gestrüpp der Verwicklungen und Intrigen im Stück, soll womöglich auch diejenigen im Publikum maximale Teilhabe ermöglichen, die zum ersten Mal eine „Fledermaus“ erleben. Originell ist das aber nicht, sondern eher so, als würde das Bühnenpersonal ständig Witze erklären - so verhungert jede Pointe. 

Die Charaktere sind wenig subtil gezeichnet, auch wenn die Darsteller  sicht- und hörbar versuchen, das Maximum aus ihren Rollen zu holen, vom Gefängnisdirektor Frank (Erik Rousi) über Mark Hamman als Rechtsanwalt Dr. Blind bis zu Olga Privalova als Prinz Orlowsky. Aber richtig zündend ist das alles nicht, und sogar Schauspieler Stefan Haschke bleibt als Gefängniswärter Frosch unter seinen Möglichkeiten, trotz einiger Corona-Gags und ein paar Spitzen gegen die neue Osnabrücker Oberbürgermeisterin Katharina Pötter. Aufgewärmte Gags aus der bald fünfzig Jahre alten Otto-Schenk-Inszenierung der „Fledermaus“ aus die Bayerische Staatsoper machen die Sache nicht besser.

Zum Glück gibt es die Musik von Johann Strauß

In dieser Umgebung fühlen sich womöglich die Sänger nur bedingt wohl. Zwar machen sie ihre Sache ordentlich, aber der ganzen Riege, die bei „Fremde Erde“ so stimmig gesungen hat, fehlt hier die Champagner-beseelte Leichtigkeit, um „Die Fledermaus“ durch ihren Kosmos aus Frivolität und subtilem Witz flattern zu lassen. 

Deswegen ist diese Produktion nicht durchwegs schlecht; dass das Ensemble singen kann, hört man auch an diesem Abend, und wer sich an der Musik erfreuen will, kommt auf seine Kosten, dank des Elans, den das Orchester und die Akteure auf der Bühne mit Daniel Inbal am Pult entwickeln. Aber die feinsinnige Komödie bleibt auf der Strecke; übrig bleibt eine holzschnittartige Klamotte. Und das ist dann doch schade.

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