Osnabrück
Wie nachhaltig brauen deutsche Brauereien?
Bier trinken und den Regenwald retten: die Werbung kennt jeder. Bier ist ein Naturprodukt und viele Brauereien in Deutschland haben es sich zur Aufgabe gemacht, etwas zurückzugeben. Doch wo steht nur Nachhaltiges Handeln auf dem Etikett und wo wird gehandelt? Wir haben nachgefragt.
„Nachhaltigkeit bedeutet für uns, uns zukunftsfähig für die nächsten Generationen aufzustellen,“ betont Pia Munschek-Jung, Abteilungsleiterin Unternehmenskommunikation der Krombacher Brauerei. 2002 begann Krombacher mit dem „Regenwald-Projekt“, das wohl jeder aus der Werbung kennt. „Unser Regenwaldprojekt ist 2002 aus unserer Naturpositionierung heraus entstanden, mit dem Grundgedanken, dass wir für Natur und Natürlichkeit stehen, und dass wir uns auch für das Bewahren der Natur einsetzen wollen“, erklärt Munschek-Jung den Ansatz der Kampagne. 2002 gestartet feiert das Projekt kommendes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und bis dato konnte laut Krombacher 10.000 Hektar Regenwald dauerhaft unter Schutz gestellt werden.
Dafür hat Krombacher u.a. mit einem Mitglied des NABU einen Nachhaltigkeitsrat gegründet. „Der Nachhaltigkeitsrat ist für uns im Grunde ein Kontrollgremium, das uns sowohl intern als auch extern immer mal wieder fordert und herausfordert und uns natürlich mit seiner Expertise sehr gut unterstützen kann“, betont Munschek-Jung.
Ganz ähnlich agiert auch die schottische Craft-Bier-Brauerei Brewdog. „BrewDog hat im Prinzip drei Bereiche, in denen das Thema CO2 im Fokus steht und auf denen grundsätzlich all unser Handeln basiert: CO2-Reduktion, CO2-Vermeidung und Kreislaufwirtschaft“, sagt Adrian Klie, CEO Brewdog Deutschland. In Schottland pflanzt die Brauerei neue Bäume auf einer 800 Hektar großen Fläche in den Highlands nördlich von Loch Lomond. Da aber ein frisch gepflanzter Baum 10 bis 20 Jahre benötigt bis er CO2 wiederaufnimmt und keiner weiß, wie sich der Klimawandel bis dahin entwickelt, investiert die Brauerei auch in weitere Projekte. „Wir forsten nicht nur unseren Wald auf, sondern beginnen dieses Projekt im ersten Schritt mit der Renaturierung der dortigen Moorlandschaft - dem besten natürlichen CO2-Speicher den es gibt“, sagt Klie. „Wir glauben zutiefst daran, dass jedes Unternehmen selbst dafür verantwortlich ist, sich um seinen CO2-Fußabdruck zu kümmern.“
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Hoher Energieaufwand beim Brauen
„Für die Brauwirtschaft ist Nachhaltigkeit als Grundsatzthema seit jeher ein wichtiges Anliegen“, betont auch Ulrich Biene, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Brauerei C. & A. Veltins. „Vor dem Hintergrund des ursprünglichen Brauhandwerks stehen Ressourcenschonung und effizientes Arbeiten immer schon ganz vorn auf der Agenda.“ So war Veltins europaweit die erste Brauerei, die bereits in den 60er-Jahren eine eigene Kläranlage hatte.
Besonders das Thema Ressourcenschonung steht im Fokus. „Wir kochen ja hier mit hohem energetischem Aufwand,“ sagt Biene. „Da geht es vor allem darum, einen möglichst effizienten Einsatz von Wasser und Energie zu haben.“ Beides sind Hauptfaktoren, die eine entscheidende Rolle spielen.
Brewdog plant derzeit die Brauerei in Berlin zu erweitern. „Dafür werden unter anderem wir eine sogenannte AldOx-Anlage installieren. Zudem testen wir gerade, ob wir eine Stickstoffgewinnungsanlage einbauen können, damit wir weniger CO2 benötigen, um die Tanks unter Druck zu setzen“, sagt Klie.
In Berlin-Mariendorf will der Deutschland-Chef der schottischen Brauerei zusätzlich das Dach komplett mit Photovoltaik ausstatten lassen. „Das Dach ist riesengroß, das sind knapp 2.500 qm Fläche“, sagt Klie. „Zwar müssen wir den Denkmalschutz noch überzeugen, aber damit sind wir schon sehr weit.“ Das soll laut Brauerei zu einer Eigenenergieproduktion von 40 bis 50 % führen.
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Vom Ursprung der Rohstoffe
Wer so viel Bier braut, wie Veltins oder Krombacher, (ver-)braucht auch viel Rohstoffe. Doch woher kommen Wasser, Hopfen und Malz für 4,2 Millionen Hektoliter? Veltins kauft den Hopfen, von einem Hopfenanbaubetrieb aus der Hallertau, der die Brauerei inzwischen in zweiter Generation begleitet. „Wir kaufen nicht bei einer Genossenschaft oder irgendeinem Hopfenhändler ein, sondern direkt beim Hopfenbauer, und der weiß auch ganz genau, auf welchen Böden der für uns passende Hopfen wächst“, sagt Biene.
Ähnlich verfährt Veltins auch beim Malzeinkauf. „Verlässlichkeit planbar machen heißt im Beschaffungsbereich durch langfristige Kontrakte langfristige Lieferbeziehungen und Qualität abzusichern“, erklärt Ulrich Biene.
Auch Krombacher bezieht den Hopfen ausschließlich aus der Hallertau. Zusätzlich achtet Krombacher darauf, dass das Malz entweder aus Deutschland oder aus den Nachbarländern kommt.
Einen Schritt weiter geht die Bio-Brauerei Wildwuchs aus Hamburg. Hier wird nicht nur geschaut, aus welcher Mälzerei das Malz kommt, sondern auch, woher das ursprüngliche Getreide für das Bier kommt. „Wir beziehen unser Malz aus einer Mälzerei, die einzig Bioland-Getreide verarbeitet“, sagt Fiete Matthies, Braumeister und Geschäftsführer. „Das Bioland-zertifizierte Getreide wird nur in Deutschland und Südtirol angebaut.“ Da durch konventionelle Landwirtschaft der Grundwasserschutz und die Artenvielfalt leiden, ist es Matthies wichtig, hier genau hinzuschauen. Daher wird auch der Hopfen von einem Biohof in Franken bezogen. „Wenn man ökologisch wirtschaftet, haben wir alle mehr davon“, so Matthies. So nutzt die Brauerei folgerichtig auch ausschließlich Energie aus regenerativen Quellen.
Wie lässt sich Wasser am besten einsetzen?
Auch beim Wasserverbrauch arbeiten die Brauereien daran, diesen sukzessive zu optimieren. „Wir hatten einen Wasserverbrauch von 3,6 Hektoliter pro hl Bier im vergangenen Jahr und damit haben wir schon einen sehr guten Wert“, betont Munschek-Jung. „Aber wir sind natürlich bestrebt, auch da noch besser zu werden und das gelingt uns durch Anwendung modernster Technik.“ Das beginnt mit der Reinigung der Anlagen, die den modernen hygienischen Standards entsprechen oder der Auswahl der richtigen Reinigungsmittel. Hier erkennen die Brauereien auch enormes Sparpotential.
Veltins bezieht den Großteil des Wassers aus hauseigenen Quellen, aus dem Naturpark direkt im waldreichen Bereich. Lediglich das „Brauchwasser“ für die Waschmaschinen und die Brauereihygiene wird von den Stadtwerken bezogen. „Für einen Liter Bier benötigen wird 3,57 Liter Wasser“, sagt Biene.
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Für die Brauereien bedeutet das ein permanentes Spannungsfeld aus energieeffizienter Sudhaustechnologie und Kostenstrukturen verbessern. Im Sinne der Klimadiskussion sind die Kosten durch Investitionen anfangs höher, wirken sich aber langfristig durch die höhere Effizienz aus und bedeuten eine bessere Wettbewerbsfähigkeit. „Investitionen in Nachhaltigkeit bedeuten, wenn sie mit viel Verstand und kenntnisreichem Tun vorangetrieben werden, zukunftsträchtige, wirtschaftliche Effizienz“, sagt Biene.
Um das alles zu erreichen hat Veltins für Optimierungsprojekte mit Langfristperspektive seit der Jahrtausendwende etliche Anlagenbau-Spezialisten an Bord geholt. So nutzt Veltins die Abwärme der Drucklufterzeugnisse zur Trinkwassererwärmung im Sudhaus. Für dieses Projekt erhielt die Brauerei 2017 eine Auszeichnung der Deutschen Energie-Agentur (dena).
Wermutstropfen: Dosenbier
Aber neben Ressourcenschonung, Effizienzoptimierung und einer hohen Mehrwegquote gibt es noch das Dosenbier. Allein Krombacher hat einen Anteil von 300.000 bis 400.000 Hektolitern Dosenbier pro Jahr. „Die Dose wird vom Verbraucher nachgefragt und dem wollten wir uns als Marktführer nicht verschließen“, erklärt Munschek-Jung. Mit rund 90 % hat Krombacher eine sehr hohe Mehrwegquote und setzt auch stark auf Mehrweg. „Auch wir kennen natürlich die kontroverse Diskussion um die ökologischen Vor- und Nachteile der Dose.“
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Für Adrian Klie gibt es ein paar Aspekte, bei denen die Dose besser als eine Glasflasche. „Im E-Commerce zum Beispiel nutzen wir vor allem Bier in Dosen.“ Für Brewdog sind hier drei Gründe ausschlaggebend. Die Dose wiegt deutlich weniger, sie geht nur einen Transportweg und lässt sich kompakter packen und nutzt so den Transportraum besser aus und kann ohne Leerrahmen versendet werden.
Auch Veltins ist mit einer Quote von 94% klar mehrwegorientiert. „Die Dose ist für uns ein Gebinde, was wir nie aktiv angeboten haben“, sagt Biene. Der Einweganteil bei Veltins liegt aktuell bei 6 %, ein großer Anteil davon geht ins Ausland. „Daran kann man ungefähr erkennen, dass der Dosenanteil, der sicherlich in den letzten Jahren gewachsen ist, aber das ist letztlich ein Nachfragebezogenes Gebinde“, so Biene.
Aber alle Brauereien erkennen klar eine Zielgruppe, die sich in den vergangenen Jahren gebildet hat, die zur Dose zurückgefunden haben. „In Teilen ist es auch eine neue Zielgruppe, die diese Bepfandung 2002/2003 im Grunde nicht mehr erlebt haben,“ sagt Biene. „Das ist heute kein Hinderungsgrund mehr, die Dose zu kaufen.“
Machtkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel forciert die Dose
Das Dosen-Revival hängt für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe aber vor allem mit dem Strategiewechsel in den Discountermärkten zusammen. „Die Verbraucher haben nicht nach der Dose gefragt“, sagt Fischer. „Die Dose war zwischenzeitlich fast komplett verschwunden und es hat keinen gestört.“ Allerdings haben die Discounter irgendwann festgestellt, dass die Konsumenten Bier aus Plastik ablehnen. „Mit Bier in Plastik konnten die Discounter keine nennenswerten Marktanteile erreichen“, sagt Fischer. „Durch die Marktmacht der Discounter wurde die Dose schlussendlich als Einweg-Alternative zur PET-Flasche für Bier wieder in den Markt gedrückt! An den Wünschen des LEH kommt keiner ohne weiteres vorbei“, resümiert Fischer.
Mittlerweile liegt der Marktanteil der Dose wieder bei über neun Prozent. Laut der Pressemitteilung des Forums Getränkedose, stieg die Recyclingrate für Aluminium-Getränkedosen in Deutschland auf 99,3%, von Stahldosen auf 99.7%. „Dosen landen nicht in der Natur, sondern sind das Paradebeispiel für ein funktionierendes Kreislaufprodukt. Damit sind Getränkedosen der Recyclingmeister unter den Getränkeverpackungen“, sagt Stephan Rösgen, Sprecher des Forum Getränkedose.
Für Brauereien bedeutet all das ein Spannungsfeld aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten. Es geht für die Brauereien darum, mit Augenmaß auf richtige Dosierung von Zukunftsinvestitionen zu schauen, ohne auf eine Überforderung zu steuern.
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