Streit
Was ist los in Hollen? Eine Spurensuche
Nichts los ins Hollen? Diese Frage warf Chefredakteur Joachim Braun auf. Doch stimmt das eigentlich? Nein, antworten die Hollener. Wir haben nachgefragt, wer recht hat.
Hollen - Da hat Chefredakteur Joachim Braun eine steile These formuliert. Kürzlich schrieb er in seinem täglichen Newsletter, der per E-Mail verschickt wird, er sei in der Männerrunde Hollen gewesen. Während des Gesprächs diskutierten die Herren mit Braun, wie die Zeitung auszusehen habe. Sie merkten darin an, dass zu wenig über Hollen berichtet werde. Worauf Braun fragte, wie viel denn in Hollen passiert. Die Antwort aus der Runde: nicht viel.
Was und warum
Darum geht es: Chefredakteur Joachim Braun schrieb, dass in Hollen nichts los sei. Das ist so aber nicht richtig, denn in dem Uplengener Ort passierte in den vergangen Jahren eine ganze Menge.
Vor allem interessant für: Hollener und alle, die auf Dörfern leben, in denen angeblich nichts los ist.
Deshalb berichten wir: Nachdem Chefredakteur Braun schrieb, dass in dem Dorf nichts los sei, bekam er viel Post. Jetzt wollten wir schauen, wer eigentlich recht hat. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Doch das ließen die anderen Hollener nicht unkommentiert. Der Chefredakteur bekam Mails, in denen ihm deutlich gemacht wurde: In Hollen ist eine ganze Menge los. Doch was stimmt? Eine Spurensuche. Zunächst geht es zu Heinz Trauernicht. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Uplengen, zu der auch Hollen gehört. Das Rathaus steht zwar in Remels, der größten Ortschaft der Kommune, aber auch in Hollen kennt sich der Rathauschef bestens aus. Als er gelesen habe, dass in Hollen nichts los sei, wollte er das nicht unkommentiert lassen. „Ich habe in meiner Quarantäne eine Mail an Herrn Braun geschickt“, sagt Trauernicht, der kürzlich an Corona erkrankt war, mittlerweile aber wieder genesen ist. „Gerade in Hollen haben wir in den vergangenen Jahren eine Menge gemacht“, sagt er.
RVB geschlossen
Als Beispiel nennt er das Gebäude der ehemaligen Raiffeisenbank. Im Juli 2020 kaufte die Gemeinde das alte Gebäude, als das Kreditinstitut ankündigte, sich aus dem Ort zurückzuziehen. „Es war uns sofort klar, dass wir das für kommunale Zwecke behalten müssen“, sagt Trauernicht. Mit uns meint er unter anderem Ulrich de Buhr. Der Unternehmer und Ratsherr ist Ortsvorsteher in Hollen und kümmerte sich intensiv um die Belange der Dorfbewohner. „Gerade dieses Thema ist sehr emotional“, sagt de Buhr. Mit dem Kauf konnte ein Geldautomat erhalten bleiben. Allerdings: Nur ein gutes Jahr später ist damit Schluss. Der Geldautomat wurde Ende Oktober nach einem Einbruch nicht wieder in Betrieb genommen. Hollen ereilt somit das gleiche Schicksal wie viele andere Dörfer bereits zuvor. Die Hollener haben keine Bank mehr. „Auch wenn man die Entscheidung vielleicht wirtschaftlich nachvollziehen kann, ist sie dennoch ein Schlag ins Gesicht der älteren Bevölkerung. Sie ist es schließlich, die die Bank zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist“, sagt de Buhr deutlich. Leer steht das Gebäude trotzdem nicht. Es entsteht dort das Einsatzgebäude der Feuerwehr Uplengen-Süd, inklusive Fahrzeughalle, Versammlungsraum und Parkplätzen.
Dass die Hollener genau beobachten, was in Remels entschieden wird, zeigte sich an einem anderen Beispiel: Denn der Bolzplatz des Ortes sollte dem Buswendeplatz an der Hollener Landstraße weichen. „So nicht“, sagte die Hollener und protestierten. Doch in der Gemeinde fand man eine Lösung: Der Buswendeplatz kam, daran führte kein Weg vorbei, erklärt de Buhr. Die Verkehrssicherheit der Grundschul- und Kindergartenkinder wurde dadurch verbessert und auch die Kita- und Feuerwehrgebäude konnten durch die Verlegung des Wendeplatzes möglich gemacht werden. Und die Kinder? Die bolzen jetzt am Dorfteich.
Ärzte, Kitas und Autobahnanbindung
Über das Wohl von Kindern muss man sich in Hollen ohnehin Gedanken machen. Zwei Neubaugebiete sind entstanden. Das bringt Kinder in den Ort. „Familien hatten dort durch das Punktesystem bei der Vergabe auch einen Vorteil“, sagt Christine Holtz, stellvertretende Ortsvorsteherin und stellvertretende Bürgermeisterin. Es gebe eine Krippe, eine Kindertagesstätte und eine Grundschule in Hollen. Die Kita kann sogar noch erweitert werden. Damit den Lütten nicht langweilig wird, entsteht im Herzen des Dorfes ein sogenannter Soccer-Court – ein kleiner Fußballplatz, wo sich Kinder und Jugendliche austoben können. Auch das Lehrschwimmbecken in Hollen wurde diesen Sommer nach Jahrzehnten für die Öffentlichkeit wieder geöffnet.
Bauplätze gibt es also, eine Autobahnanbindung nach Leer und Oldenburg ebenfalls, Ärzte, Supermarkt und Bäckerei sind da. Leben die 1220 Einwohner von Hollen also in einem Paradies mitten in Ostfriesland?
Kneipe und Radweg fehlen
Nicht ganz, das räumen sie ein. Der Gasthof „Zur Post“ steht derzeit leer. „Wir hoffen, dass wir einen Betreiber finden, der die Gaststätte wieder öffnet“, sagt de Buhr. Eine Gastronomie an der Fehnroute sei schließlich auch für die Touristen interessant.
Ein zweites Manko ist an der größten Straße in Hollen. Der Hollener Straße oder wie sie im Ort heißt: Die Betonstraße. „Dass dort kein Fahrradweg ist, ist für die Kinder, die zur Schule oder zur Kita wollen, nicht gut“, sagt Christine Holtz. Da hoffen die Hollener ausnahmsweise nicht auf Remels, sondern auf die Kreisverantwortlichen in Leer. „Es hat schon viele Gespräche gegeben“, sagt sie.
Auch die Corona-Pandemie hat natürlich einen Schatten auf Hollen gelegt. Der Lüttje Wiehnachtsmarkt bi d‘ Kark kann zum zweiten Mal in Folge nicht stattfinden. Aber Ulrich de Buhr tröstet: „Wir überlegen, ob wir eine andere Veranstaltung planen“, sagt er. So passiert doch immer irgendwas in Hollen. Der Chefredakteur wird seine Meinung wohl ändern müssen.