Gesellschaft

Bestattungswald wächst der Stadt über den Kopf

| | 29.11.2021 17:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Vorbild für Aurich? Auf Schildern wird an die Toten im Gedächtniswald in Logabirum erinnert. Foto: Archiv/Ortgies
Ein Vorbild für Aurich? Auf Schildern wird an die Toten im Gedächtniswald in Logabirum erinnert. Foto: Archiv/Ortgies
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Naturnahe Bestattungen sind gefragt. Auch in Aurich wird seit Jahren über Baumbestattungen diskutiert. Doch die Vorbereitung ist so kompliziert, dass die Stadt fremde Hilfe braucht.

Aurich - Bis sich in Aurich Menschen unter Bäumen bestatten lassen können, wird noch so mancher Sturm durch die Wälder fegen. Das Vergabeverfahren für den Bestattungswald ist so kompliziert und zeitaufwendig, dass die Stadt auf fremde Hilfe angewiesen ist.

In einem Bestattungswald werden biologisch abbaubare Urnen mit der Asche der Verstorbenen an Baumwurzeln beigesetzt. Stadtjuristin Laura Rothe wagt keine Prognose, wann die ersten Baumbestattungen in Aurich möglich sein werden. Eine Kanzlei werde voraussichtlich Anfang kommenden Jahres für die Stadt die Ausschreibung übernehmen. Man sei gerade dabei, Angebote einzuholen. Wie lange sich das Verfahren hinzieht, könne sie nicht sagen. „Es ist leider nicht so einfach, wie es klingt.“ Die Regularien seien „sehr umfangreich“.

Ratsbeschluss galt als Formsache

Bereits im Juli vergangenen Jahres hatte der Rat einen Grundsatzbeschluss zur Einrichtung eines Bestattungswaldes gefasst. Im September dieses Jahres schien die Sache dann klar zu sein. Die JJ Krematorium Ostfriesland GmbH mit Sitz in Schirum will in Popens auf einer Fläche von 8,5 Hektar Baumbestattungen anbieten. Die Politik war von diesem Konzept überzeugt. Der Ratsbeschluss galt als Formsache. Krematoriums-Geschäftsführer Jakob Janssen hatte in Aussicht gestellt, dass ab Mitte kommenden Jahres die ersten Baumbestattungen in Popens möglich seien. Doch daraus wird definitiv nichts.

Stadtjuristin Laura Rothe ist aufgefallen, dass das Verfahren nicht in Ordnung war. Foto: Archiv/Ortgies
Stadtjuristin Laura Rothe ist aufgefallen, dass das Verfahren nicht in Ordnung war. Foto: Archiv/Ortgies

In letzter Minute hatte Rothe als neue Fachbereichsleiterin für Recht, Ordnung und Bürgerdienste festgestellt, dass das Projekt öffentlich ausgeschrieben werden muss. Neben der JJ Krematorium Ostfriesland GmbH gibt es zwei weitere Bewerber: die Friedwald GmbH aus Hessen, die in Sandhorst einen 30,7 Hektar großen Bestattungswald anlegen möchte, und die Gedächtniswald Logabirum GmbH. Sie plant einen 6,7 Hektar großen Begräbniswald im Eschener Gehölz. Würde die Stadt nun ohne öffentliche Ausschreibung den Auftrag vergeben, könnten die unterlegenen Bewerber oder auch andere Interessenten, die nichts davon wussten, die Stadt auf Schadenersatz verklagen, so Rothe.

Laufzeit von 99 Jahren

Bestattungen seien wie die Versorgung mit Wasser und Strom eine Pflichtaufgabe der Kommune, erklärt die Juristin. Wenn sie diese an Dritte abgebe, sei ein Interessenbekundungsverfahren Pflicht. Ab einem Umsatz von 5,35 Millionen Euro sei sogar eine Konzessionsvergabe erforderlich. Diese Schwelle werde aufgrund der langen Laufzeit von 99 Jahren voraussichtlich überschritten, so Rothe. Das lasse man gerade durch eine Kanzlei prüfen. Doch auch unterhalb dieser Schwelle könne das Projekt nicht ohne Ausschreibung vergeben werden. Alle interessierten Unternehmen müssten dieselbe Chance bekommen. „Wir sind zu Transparenz und Fairness verpflichtet.“

Bereits 2019 war die Friedwald GmbH an die Stadt herangetreten und hatte in Kooperation mit den Landesforsten ihren Plan für den Sandhorster Wald öffentlich vorgestellt. Doch dieses Konzept stieß wegen der starken Eingriffe in den Wald auf Kritik. Im vergangenen Jahr brachte die Gedächtniswald Logabirum GmbH eine Alternative ins Spiel. Zuletzt meldete sich die JJ Krematorium Ostfriesland GmbH. Die drei Angebote wurden anhand eines Punktesystems (Matrix) miteinander verglichen und der Politik zur Auswahl vorgelegt. Das aber sei kein echtes Interessenbekundungsverfahren, sagt Rothe. Es dürfe nicht vom Zufall abhängen, ob ein Unternehmen von den Plänen der Stadt erfährt. „Da hatte ich Bauchschmerzen.“ Daher müssten sich alle Beteiligten gedulden.

„Jetzt gebe ich nicht auf“

Die JJ Krematorium Ostfriesland GmbH, die im September den Zuschlag bekommen sollte, hat nach wie vor Interesse, wie Geschäftsführer Jakob Janssen sagt. „Auf jeden Fall. Da bin ich schon zehn Jahre hinterher. Jetzt gebe ich nicht auf.“ Vor mehr als zehn Jahren waren erste Pläne zur Anlage eines Bestattungswaldes in Aurich gescheitert.

Auch die Gedächtniswald Logabirum GmbH rechnet sich Chancen aus. „Wir glauben an unser Konzept“, sagt Generalbevollmächtigter Enno Herlyn. Der Gedächtniswald in Leer-Logabirum sei eine Erfolgsgeschichte. Pro Jahr gebe es dort rund 200 Bestattungen, vorwiegend von Verstorbenen aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Ein vergleichbares Angebot wolle man in Aurich schaffen, so Herlyn. Auch die Friedwald GmbH hat nach Angaben der Landesforsten nach wie vor Interesse. Doch klar ist: Es wird in Aurich nur einen Bestattungswald geben.

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