OZ-Serie: Weihnachten in der Kindheit
Puppenstube verzückte 1953 die Königin des Ossiloops
In einer Serie hat unsere Redaktion Sportler nach besonderen Weihnachtserinnerungen in ihrer Kindheit gefragt. Bei Hilde Steinke ist die Nachkriegszeit noch sehr präsent.
Neermoor - Leichtathletik-Seniorin Hilde Steinke kam 1945 auf die Welt und erlebte als Kind in Neermoor die entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Doch das Weihnachtsfest empfand die Königin des Ossiloops, die seit der Premiere 1982 alle 234 Etappen mitgelaufen ist, keinesfalls als eines von bescheidenen Umständen getrübtes Ereignis. „Weihnachten war früher immer ganz toll und spannend für mich.“
Das lag ihrer Meinung nach auch daran, dass die Mutter für die drei Mädchen des Hauses immer ein besonderes Händchen bei den Geschenken hatte. Das schönste Präsent machte aber einst der Vater für die älteste Tochter der Familie Watzema höchstpersönlich.
Vater baute und bastelte persönlich
Als Spätheimkehrer hatte er noch bei den ersten Weihnachtsfesten nach dem Krieg in Neermoor gefehlt – doch daran hat Hilde Steinke keine Erinnerung mehr. Dafür weiß sie noch ganz genau, was sie 1953 mit acht Jahren unter dem Weihnachtsbaum vorfand. „Eine Puppenstube – sie ist für immer mein schönstes Weihnachtsgeschenk geblieben.“
Der Vater hatte in mühevoller Kleinarbeit gemeinsam mit einem befreundeten Arbeitskollegen gebastelt, gezimmert und geschraubt. Am Ende hatten die beiden Männer zwei wunderschöne Puppenstuben gefertigt – eine für Hilde und eine für die Tochter des Arbeitskollegen.
Geschenke unterm Bettlaken
Doch ehe Hilde Steinke dieses Geschenk am Heiligen Abend am Weihnachtsbaum vorfand, vergingen spannende Stunden. Die Zeremonie des Festtages lief immer nach dem gleichen Muster ab. „Gegessen haben wir schon nachmittags – Kartoffelsalat und Würstchen“, erinnert sich die 76-Jährige. Danach ging es zur Kirche. „Dort habe ich als Mädchen häufig selber beim Krippenspiel mitgemacht.“ Und anschließend stimmte die Familie zu Hause noch Weihnachtslieder an. „Und wir Kinder haben auch Gedichte aufgesagt.“
Danach stieg dann die Spannung in der Wohnstube. Dort hatte die Mutter für jedes Kind einen Weihnachtsteller mit Süßigkeiten und Nüssen vorbereitet. Rund um den Teller lagen die Geschenke. Und alles war mit einem großen Bettlaken zugedeckt, damit die Kinder nicht erspähen konnten, welch kostbaren Präsente sich darunter verbargen.
Traurig über Verlust der Puppenstube
Erst wenn Mutter und Vater gemeinsam das Laken in die Höhe gehievt hatten, ging es ans Auspacken. 1953 war unter dem Tuch die tolle Puppenstube verborgen. Hilde Steinke erinnert sich noch an die kleinen Schränke und Püppchen. „Und meine Mutter hatte sogar noch Gardinchen genäht.“
Dieses Geschenk bereitete der Tochter über viele Jahre große Freude. Als sie erwachsen war, verlieh sie die Puppenstube an eine andere Familie, die damit ihre Kinder glücklich machte. Doch als Hilde Steinke viele Jahre später um die Rückgabe ihrer Puppenstube bat, folgte die schmerzhafte Enttäuschung. Die Familie hatte die Puppenstube nämlich auch weitergegeben, als sie nicht mehr gebraucht wurde.
Es schmerzt noch 68 Jahre später
„Es tut mir noch heute weh, dass meine Puppenstube verschwunden ist.“ So war es nur ein schwacher Trost, dass sie und ihr Mann Dietrich zwei Söhne und keine Töchter bekamen. „Die Jungs hätten die ja nicht gebrauchen können.“
Doch der Puppenstube trauert sie trotzdem noch nach. Als Hilde Steinke im Sommer mit einer Bekannten auf Norderney weilte und dort eine Puppenstuben-Ausstellung angekündigt war, lehnte die Seniorin den Besuch der Ausstellung ab. „Ich konnte da nicht hingegen.“
Die Trauer um die geliebte Puppenstube und vielleicht auch die Vorstellung, diese auf solch einer Ausstellung zu entdecken, hinderten sie daran. Es war eben ein ganz besonderes Geschenk, das ihr niemals aus dem Kopf will – auch nicht 68 Jahre später.