Tag des Ehrenamtes
Kostenlose Hilfe: Wohin steuert das Ehrenamt?
Ehrenamt ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Doch in vielen Vereinen fehlen neue Leute, gleichzeitig wächst die Bereitschaft, sich zu engagieren. Wie passt das zusammen?
Emden/Leer - Walter Smid hat lange anderen geholfen und damit seinen Lebensunterhalt verdient. Als Betreuer bei der Ostfriesischen Beschäftigungs- und Wohnstätten GmbH (OBW) kümmerte er sich beruflich um psychisch Kranke. Seit einigen Jahren ist der 69-jährige Rentner. Im Ruhestand ist er deswegen nicht. Der Emder engagiert sich weiter – freiwillig und vielleicht motivierter denn je. Er packt bei Reparaturen in fremden Haushalten an, geht regelmäßig in Kindergruppen, um vorzulesen. Geld bekommt Smid weder für das eine noch das andere. Er ist einer von vielen Tausend Ostfriesen, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich aktiv sind.
Was und warum
Darum geht es: Wie das Ehrenamt unsere Gesellschaft zusammenhält. Und wie Kommunen dieses unverzichtbare Netzwerk professionalisieren wollen.
Vor allem interessant für: Leserinnen und Leser, die sich in ihrer Freizeit gerne engagieren (wollen) sowie Vereine, Verbände und Privatpersonen, die auf Unterstützung angewiesen sind
Deshalb berichten wir: Der 5. Dezember gilt seit 1986 international als Tag des Ehrenamtes. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Der 5. Dezember gilt international als Tag des Ehrenamtes. 1986 riefen ihn die Vereinten Nationen ins Leben. Sie wollten damit die Bedeutung des freiwilligen Engagements hervorheben. Überraschend ist das nicht. Denn ohne Hilfe und Helfende sind Gesellschaften auf Dauer kaum funktionsfähig. Geld alleine kann es nicht richten, zumal, wenn man nicht genug davon hat.
20 Jahre Übungsleiter
Aber was treibt Leute wie Smid an? Es sei ein „Glücksgefühl“ wenn er anderen helfen könne, sagt der 69-Jährige. Das sei schon immer so gewesen. Darum hat er sich auch neben seinen Pflichten als berufstätiger Familienvater ehrenamtlich engagiert, die meiste Zeit davon in einem Sportverein. Als Tischtennis-Trainer übte er mit Kindern, fuhr mit ihnen auf Turniere und Woche für Woche zu Punktspielen. Rund 20 Jahre lang ging das so. Bis er sich entschied, die Übungsleitertätigkeit einzustellen.
Dass der Emder sich aus dieser Verpflichtung löste, obwohl der Wunsch, sich sozial zu engagieren, weiter besteht, ist typisch. Während viele Vereine oder Gruppen beklagen, dass das freiwillige Engagement bröckelt, verzeichnen Helfernetzwerke gleichzeitig großen Zulauf. Als die Freiwilligenagentur der Stadt Emden im vergangenen Jahr unter #emdenhilft einen Aufruf startete, meldeten sich binnen drei Wochen mehr als 600 Menschen. Es mangelt also offenbar nicht an Engagement. Die Bereitschaft fürs Ehrenamt verändert sich bloß.
Die neue Rolle der Kommunen
Kommunen wie die Stadt Emden oder der Landkreis Leer reagieren darauf und treiben die Entwicklung gleichzeitig mit voran. Beide haben in den vergangenen Jahren Agenturen aufgebaut, die das gesellschaftliche Engagement neu aufstellen. Das Ziel fasst Monika Fricke in Leer so zusammen: „Wir festigen das Ehrenamt mit hauptamtlichen Strukturen.“
Man könnte auch sagen: Immer mehr Städte, Kreise oder Gemeinden greifen ein – bevor die Löcher in den über Jahrzehnte eher zufällig gewachsenen Netzwerken zu groß werden. „Vereine und Verbände brauchen Unterstützung, damit sie als Non-Profit-Organisationen am Markt bleiben“, stellt Fricke fest. Die Verwaltungsangestellte ist gelernte Betriebs- und Volkswirtin. Das ehrenamtliche Engagement in Ostfriesland wird mit Wirtschaftslogik zukunftsfest gemacht.
Eine Agentur als Schnittstelle
Die noch jungen Freiwilligenagenturen in Leer und Emden sehen sich als Schnittstelle. Sie wollen zwischen dem Bedarf und den Bedürfnissen auf der einen und dem nach wie vor hohem Angebot an Hilfsbereitschaft auf der anderen Seite vermitteln. Mit Initiativen wie „Wir packen freiwillig an“, „Löppt!-Mitnanner“ oder „#emdenhilft“ professionalisieren sie das Ehrenamt. Es wird beraten und qualifiziert. Und es werden Internet-Plattformen aufgebaut, auf denen Hilfesuchende und Helfende mit einem Mausklick zusammenfinden. „Es hat sich rumgesprochen“, sagt Sven Dübbelde, der die ehrenamtlichen Aktivitäten für die Stadt Emden bündeln soll. Wie Fricke in Leer leitet Dübbelde in Emden die Freiwilligenagentur.
Zu den wenigen positiven Begleiterscheinung der Corona-Pandemie zählt, dass das Virus den Agenturen indirekt Auftrieb verschafft hat. Was im vergangenen Jahr als kommunal organisierte Nachbarschaftshilfe für Menschen in Quarantäne begann, bauen Dübbelde und seine Kollegin Wilma Wermuth gezielt weiter aus. Ob Tafel oder Tierheim, Seniorenzentrum oder Sportverein, sie alle sollen vom städtischen Netzwerk profitieren.
Kurzfristiges Engagement im Trend
Was sich dadurch erreichen lässt, erlebte die Stadt selbst. Als sie Ende des vergangenen Jahres ihr Impfzentrum errichtete, konnte sie auf die Datenbank der Freiwilligenagentur zurückgreifen. Mit einer E-Mail bekam sie in kürzester Zeit ein rund 50-köpfiges ehrenamtliches Helferteam zusammen. Zu denen, die sich meldeten, zählt Katharina Belzer. Die 22-jährige Studentin übernahm monatelang unentgeltlich Tätigkeiten im Impfzentrum.
Was ihr für die Entscheidung half: Sie konnte ihre Einsatzzeiten selbst bestimmen. „Es fällt leichter, wenn man sich die Arbeit frei einteilen kann“, sagt sie. Auch das ist typisch. Statt Verpflichtungen in einem Vorstand einzugehen oder sich für einen langen Zeitraum regelmäßig zu binden, bringt sie sich lieber projektbezogen ein. So wie ihr, gehe es vielen – gerade Jüngeren, sieht Sven Dübbelde. „Sie wollen sich kurzfristig engagieren“, stellt er fest.
Dass es einen Tag des Ehrenamtes gibt, bedeutet Belzer und Smid nicht viel. „Es gibt mir nichts Besonderes“, sagt der Rentner. „Vielsagender“, so Belzer, sei die direkte Dankbarkeit derjenigen, denen sie helfen könne. Gefreut habe sie sich aber auch über eine Urkunde samt Auszeichnung der Stadt. Für das Engagement im Impfzentrum hatte die Stadt allen Helferinnen und Helfern einen Engelke-Anstecker überreicht.