Osnabrück

Nachruf auf Horst Eckel: Ein Windhund als Fußball-Weltmeister

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 03.12.2021 20:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Horst Eckel (1932-2021). Foto: dpa/Uwe Anspach
Horst Eckel (1932-2021). Foto: dpa/Uwe Anspach
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Der Jüngste ging als Letzter, die „Helden von Bern“ sind nun auch im Himmel wieder eine Elf. Horst Eckel, Fußball-Weltmeister von 1954, ist am Freitag im Alter von 89 Jahren verstorben.

Er war nicht der Star des ersten deutschen Weltmeisterteams, das waren andere. Toni Turek, Fritz Walter, Helmut Rahn. Sie alle hätten sich aber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Stars zu sein. Sie kamen aus einer anderen Zeit, aus einer Epoche der Demut und Bescheidenheit im Anschluss an den Krieg, den Hitler-Deutschland entfesselt hatte. Mit dem Weltmeistertriumph, so geht die Erzählung, kehrte Deutschland allmählich in die Völkergemeinschaft zurück. Vor allem wuchs das Selbstwertgefühl der Deutschen, die noch immer in Trümmern lebten.

Popularität ungebrochen

Eckel hat die Erinnerung an diese Zeit am längsten am Leben gehalten, er war schon länger der letzte Zeuge von Bern, und er tat es gern. Fast jeder kannte ihn. Dabei ist sein größtes Spiel seit 67 Jahren abgepfiffen, nur wenige haben ihn noch spielen sehen. Aber seine Popularität war ungebrochen. Er hat eine eigene Homepage, man kann ihm auf Instagram und Twitter folgen, er ist bei Facebook - noch vor wenigen Tagen bedankte er sich dort für die Aufnahme in die „Hall of Fame des deutschen Fußballs“. 

Nun gut, darum kümmerte sich bis zuletzt Tochter Dagmar, mit der er die Horst-Eckel-Stiftung gegründet hat. Diese dient der Bildungsförderung, denn „Bildung ist der Wegweiser zur erfolgreichen Berufslaufbahn“, wird Eckel auf der Homepage zitiert. Das wusste der ehemalige Realschullehrer besser als manch anderer Kicker von gestern und von heute. Seit vier Jahren hatte er sogar seine eigene Gala, die jeden Mai im pfälzischen Morbach stattfand, wo er einst ein Hotel betrieb.

Das Fest wurde von Prominenz aus Sport, Wirtschaft und Politik stark frequentiert, aber auch von seinen vielen Freunden. Eckel sei „auch im Freundsein Weltmeister“, schrieb mal eine Zeitung. Der Erlös kommt seiner Stiftung zu. Auch für die Stiftung des einen großen Mannes, der sein Leben geprägt hat, Ex-Bundestrainer Sepp Herberger (1977 verstorben), war er bis ins hohe Alter aktiv. Soweit es die Gesundheit erlaubte, besuchte er Justizvollzugsanstalten und machte den meist jugendlichen Insassen Mut für ein Leben in Freiheit, das irgendwann wieder auf sie wartet.

Spitzname „Windhund“

Vor der WM 2006 im eigenen Land war er der gefragteste Zeitzeuge. In jenen Monaten wurde Eckel, der in der ersten Elf von Bern ein unspektakulärer Fleißarbeiter war - Spitzname „Windhund“ - noch auf seine alten Tage zum Medien-Star. Der irgendwann einen Berater brauchte zur Terminkoordination und zum Aushandeln von Honoraren. So was hatte der Spieler nie gelernt, und dem Menschen lag es ohnehin nicht.

Nach der Karriere qualifizierte sich Eckel über den zweiten Bildungsweg zum Realschullehrer für Werken, Kunst und natürlich Sport. Seit 1995 im Ruhestand, führte er sein beschauliches Leben in Bruchmühlbach-Miesau, Ortsteil Vogelbach, wo der Sportplatz nach ihm benannt ist, fort. Tennis und Fußball für Prominententeams spielte er, und natürlich ging er auch „nuff uff de Betze“ zu seinem 1. FC Kaiserslautern - mit der Tochter. Selbst in Liga 3.

Sein Herz schlug für den Betzenberg

Er selbst hatte nie so weit unten gespielt, nicht seit er den SC Vogelbach mit 16 verließ. Mit 19 stand er schon in der ersten Meistermannschaft der Kaiserslauterer anno 1951, 1953 kam die zweite Schale dazu. Die Karriere endete 1964 bei Röchling Völklingen, wo er ab 1959 spielte. Das Herz blieb immer beim FCK, für den er in 213 Spielen 64 Tore schoss.

Seine professionelle Einstellung in Vorprofizeiten war sein Vorzug und sein Glück, hoch talentiert war er nicht. Er war ein „wie besessen hinter einem Ball herjagendes schmächtiges Bürschchen, das sich furchtlos mit größeren und stärkeren Jungs auseinandersetzt und seine körperlichen Nachteile durch große Wendigkeit, Lauffreudigkeit und eine für einen Knirps beachtliche Balltechnik auszugleichen versteht“, schrieb Horst Lachmund im Buch „Der Mythos von Bern“ (2004).

Protegé des großen Fritz Walter

1949 bestellte man ihn zum Probetraining nach Kaiserslautern. Eckel kam mit dem Fahrrad - und wollte schon nach fünf Minuten wieder heim. Denn er konnte nur mit der Picke und der Innenseite schießen und war frustriert: „Ich wusste damals noch nicht, was ein Spannschlag ist. Ich dachte mir: Schnell zurück nach Vogelbach, diese Spielerei ist eine Nummer zu groß für dich.“ Zum Glück war der Trainer anderer Meinung und empfahl ihn bald für die erste Mannschaft, die in der Oberliga spielte. Auch sein Debüt im Mai 1950 misslang völlig, aber der große Fritz Walter, der zweite wichtige Mann in seinem Leben, baute ihn auf: „Egal, wie das heute gelaufen ist, du bleibst bei uns und spielst weiter.“

Sein erstes Geld aber verdiente er bei Nähmaschinen Pfaff als Feinmechaniker. Fritz Walter sorgte vor dem ersten Endrundenspiel 1951 für sein Comeback in der Ersten, denn: „Der Eckel spielt, der kann das, auch weil er gute Nerven hat.“ Seitdem blieb Eckel im Team, das damals den deutschen Fußball beherrschte. Sepp Herberger war ein genauer Beobachter der „Walter-Elf“ und holte fünf aus ihr in seinen WM-Kader. Eckel, der schon im November 1952 mit gerade 20 gegen die Schweiz in Augsburg debütierte, war dabei.

So wurde der „Windhund“ Weltmeister, als einziger neben Fritz Walter in allen sechs Partien dabei und mit 2200 D-Mark honoriert. Im offenen Wagen und von einer Musikkapelle begleitet, fuhren sie ihn von Kaiserslautern nach Vogelbach. Unvergessliche Tage. Sein Tod ruft sie ein weiteres Mal in Erinnerung. Nun kann er nicht mehr davon erzählen, aber von ihm wird noch mancher sprechen. Sein Vermächtnis lebt in der Stiftung fort. Horst Eckel, mehr als ein Fußballer.

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