Berlin

Rokoko-Maler Antoine Watteau und der Look des galanten Lebens

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 05.12.2021 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eintauchen in eine Welt des Luxus: Antoine Watteaus Gemälde „Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“, 1720. Foto: SPSG / Wolfgang Pfauder Foto: SPSG / Wolfgang Pfauder
Eintauchen in eine Welt des Luxus: Antoine Watteaus Gemälde „Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“, 1720. Foto: SPSG / Wolfgang Pfauder Foto: SPSG / Wolfgang Pfauder
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Was ist cool? Lässigkeit zum Beispiel und Taktgefühl. Antoine Watteau wusste das. Berlin zeigt den Rokoko-Maler im Charlottenburger Schloss und erklärt, warum Vivienne Westwood sein größter Fan ist.

„Watteau ist ein Genie, ein Gigant“: Hier entzückt sich kein Kunstkenner über den französischen Maler Antoine Watteau (1684-1721). Vivienne Westwood bejubelt den Meister galanter Liebesszenen einer fernen Zeit. Aber warum ausgerechnet die rothaarige Punkerin der Haute Couture? Westwood startet ihre Karriere mit den Sex Pistols. Sie bringt Leder und Gummi in die Mode, kombiniert Korsage mit Plateausohlen. Die Britin steht für einen schrillen Mix - und für ein feines Gespür für ausgefallenen Schick. Den findet sie bei Watteau. Der malt Frauen in langen Roben mit raffinierter Rückenfalte. Die Watteau-Falte markiert lässige Eleganz - bis heute. Höchste Zeit also, bei diesem Modeschöpfer unter den Malern wieder einmal vorbeizuschauen?

Zwei Klassiker in Berlin

Dafür gibt es keinen besseren Platz als das Charlottenburger Schloss in Berlin. Unter seiner pompösen Kuppel warten zwei Klassiker Watteaus in der Sammlung - eine von drei Versionen der „Einschiffung nach Cythera“ und das „Ladenschild des Gersaint“. Der Aufbruch zur Liebesinsel Cythera atmet wie kein zweites Bild die erotische Aura des auf Lebensgenuss versessenen Rokoko. Und das „Ladenschild“ zeigt, wie sich die Oberschicht der damaligen Zeit mit Luxusartikeln versorgt. Bis zum Epochenschnitt der Französischen Revolution und ihres blutigen Regiments der Guillotine hat es noch ein paar Jahrzehnte Zeit. Watteau versorgt seine Zeit mit dem Look der leicht frivolen Eleganz. Motive seiner Gemälde finden sich überall - von Mode bis Kaffeeservice.

Die Signale der Liebe

Antoine Watteau ist cool. Er hat den Blick für das erotische Spiel zwischen Frau und Mann, er fängt die feinen Signale der Gefühle so sensibel wie kein zweiter Künstler seiner Zeit ein. Männer und Frauen, zu Gespräch und Musik unter Bäumen in duftigen Parklandschaften gelagert - das ist seine Welt und die seiner Gemälde. In den Haltungen und Bewegungen seiner Bildfiguren entfaltet der Maler eine neue Sprache der Liebe und damit den unendlich raffinierten Code einer neuen geselligen Kultur. Alles in dieser Bildwelt ist leicht und intensiv zugleich. Grobheiten haben keine Chance. Stilgefühl ist angesagt, gerade dann, wenn es darum geht, dass Mann und Frau einander näherkommen.

Friedrich der Große ist dabei

In dieser neuen Grammatik der Gefühle hat alles Bedeutung, jede Handhaltung, jede Wendung des Kopfes, die Konversation ebenso wie die Farbe der Kleider. Watteau versteht das. Er versorgt die Happy Few seiner Epoche mit Bildern, die ihnen zeigen, was cool und damit angesagt ist. Watteaus Bildmotive treten ihre Reise an - von den Gemälden über Kompendien mit seinen Zeichnungen und Stichen bis hin zu Tafelservices, Kleidern und Schuhe. Diese Zeit ist verrückt nach Watteau. Und sein Ruf dringt durch ganz Europa bis nach Berlin. Friedrich II. von Preußen, lange bevor er der „Große“ oder gar der „Alte Fritz“ wird, kauft Bilder des französischen Künstlers - auch das „Ladenschild des Gersaint“, das zuerst tatsächlich die Fassade eines Geschäftes ziert und keine Galerie.

Luxus einer Oberschicht

Wenn ein Bild zeigt, wie lässig und überlegen Antoine Watteau ist, dann wohl dieses. Denn der Künstler stellt auf diesem Bild dar, was mit seiner Kunst selbst passiert und wozu sie eigentlich da ist: Sie ist der Luxus einer Oberschicht. Watteau zeigt eine offene Galerie, deren Wände mit Gemälden bedeckt sind. Die hehre Kunst, hier ist sie nichts Anderes als Kaufobjekt für Leute, die sich Schönheit leisten können. Links lässt sich eine Dame ein Bild und einen Spiegel in eine Kiste packen. Der Träger, der sie für die Dame der Society transportieren wird, wartet schon, das Tragegestell auf dem geschundenen Rücken. Rechts begutachtet ein älteres Paar ein ovales Bild. Der Herr schaut durch seine Lorgnette auf den unteren Bildbereich, wo sich nackte Nymphen tummeln. Ein gemalter Softporno für das Schlafzimmer?

Code der Alltagskultur

Antoine Watteau malt seine Kundschaft jedenfalls mit dem desillusionierten Blick des Künstlers, der sich nicht nur auf Pinsel und Farbe versteht, sondern auch weiß, wie der Kunstbetrieb läuft. Ein Auge für wahre Schönheit hat da kaum einer. Es zählen die Vorlieben einer betuchten und entsprechend blasierten Kundschaft. Hat sich daran so viel geändert? Der Preußenkönig hat jedenfalls Freude an diesem Bild und seinen mokanten Anspielungen. Er holt das Werk, das zunächst den Laden des Luxuswarenhändlers Gersaint auf der Pariser Notre-Dame-Brücke zierte, nach Berlin. Da avanciert das Ladenschild zum bestaunten Museumsbild. Berlin stellt es nun in den Mittelpunkt einer Präsentation, die genau nachzeichnet, wie dieses Bild die Mode einer ganzen Epoche prägt - und das Verständnis dafür, dass wir uns bis heute in der Mode wiedererkennen, weil wir sie als Code unserer Alltagskultur lesen.

Evangelista in Watteau-Robe

Westwood meets Watteau: In Berlin ist auch dieser Link präsent, der das Rokoko mit der Gegenwart verbindet. Westwood kreiert ganze Kollektionen nach Watteaus Vorbild. Zu den Supermodels, die in rauschenden Watteau-Roben über den Laufsteg schweben, gehört unter anderen Linda Evangelista. Westwoods Kreation ist mehr als eine historische Reminiszenz, sie nimmt Watteaus Gedanken auf, dass Menschen sind, was sie einander über kulturelle Zeichen signalisieren. Das gilt im Rokoko wie in der Popkultur. Kein Wunder, dass Vivienne Westwood sich wünscht, eines Tages in einem Kleid im Stil Watteaus beerdigt zu werden.

Berlin, Charlottenburger Schloss: Antoine Watteau: Kunst, Markt, Gewerbe. Bis 9. Januar 2022. Di.-So., 9-16.30 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.

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