Fußball
„Helden von Bern“ machten einst Urlaub auf Borkum
Horst Eckel gastierte mit Kaiserslautern Anfang der 50er Jahre auf Borkum. Er trat auch vor 6000 Fans in Emden an.
Emden/Borkum - Bei der Borkumer Kurverwaltung saßen nach dem Krieg offenbar clevere Werbestrategen. Denn die Insulaner spendierten alljährlich dem Deutschen Fußballmeister eine Woche Borkum-Urlaub. So reiste Anfang der 50er Jahre auch zweimal der 1. FC Kaiserslautern an die Nordsee und betrieb somit Werbung für die Insel. Beim populärsten deutschen Klub seiner Zeit spielte nicht nur Fritz Walter, sondern auch Horst Eckel. Der letzte Verbliebene der Weltmeister-Elf von 1954 starb am Freitag im Alter von 89 Jahren. Bevor er 1954 beim „Wunder von Bern“ – dem 3:2-Sieg im WM-Finale über Ungarn – mitwirkte, hatte er auch schon in Ostfriesland die Menschen mit seiner Fußballkunst verzückt.
Die Einladung der Meister auf die Insel war nämlich mit der Bedingung verknüpft, dort ein Freundschaftsspiel gegen den TuS Borkum auszutragen. Und bevor die Mannschaften in Emden die Fähre bestiegen, bestritten sie auch regelmäßig ein Duell beim dortigen BSV Kickers. So stand Fußball-Ostfriesland Kopf, als am 29. Juni 1952 Horst Eckel mit den Mannen des 1. FC Kaiserslautern in Emden auflief.
Bernhard Hanssen erinnert sich
„Der Kickers-Platz war brechend voll“, erinnert sich der Wybelsumer Bernhard Hanssen. Die Ostfriesen-Zeitung berichtete damals von 6000 Zuschauern, die sich rund um den Platz drängten. Hanssen war zwölf Jahre alt. „Mein Vater hat mich mit zum Spiel genommen.“ Und die Hanssens hatten nicht nur ein Auge für die späteren Weltmeister Horst Eckel, Fritz Walter, Werner Kohlmeyer oder Werner Liebrich. Sie blickten auch auf den Mann im Kickers-Tor. Dort stand nämlich Hermann Hanssen zwischen den Pfosten. „Das war mein Bruder“, erzählt Bernhard Hanssen. „Wir haben noch oft über dieses Spiel geredet. Es war ein sensationelles Ereignis. Und er war natürlich mächtig stolz.“
Das Torhüter-Gen war den Hanssens irgendwie in die Wiege gelegt worden. „Wir waren sieben Kinder – alles Jungs“, erzählt Bernhard Hanssen. „Drei von uns wurden Torhüter.“ Gerhard Hanssen hechtete in Larrelt, Hermann in Emden und Bernhard später in Borssum und auch beim BSV Kickers, nachdem er in der Jugend noch als Mittelstürmer für Kickers die Tore geschossen hatte.
Lautern mit gestopften Trikots
Ende Juni 1952 bewunderte er aber die Lauterer Elf. „Das war schon super, wie Kaiserslautern damals spielte.“ Allerdings hatten auch die Emder eine große Mannschaft, die sogar in Führung ging und am Ende nur mit 2:4 verlor. Ein Sonderlob verteilte der Sport-Redakteur an den „bienenfleißigen Horst Eckel, dessen elegante Ballführung auffiel“, an Fritz Walter und an den Emder Schlussmann: „Die Abwehr – allen voran Torwart Hanssen – schlug sich mit Bravour“, hieß es im Artikel.
Bernhard Hanssen erlebte als junger Zuschauer einen begeisternden Nachmittag. Nur ein Detail verwunderte ihn: die etwas zerlumpten Trikots der Lauterer. „Einige hatten sogar gestopfte Löcher. Das hätte ich nicht von einem Meister erwartet.“ Das alles konnte der damals kleine Bernhard aus nächster Nähe beobachten. Denn wenn früher Helden den Platz verließen, schützten weder Zäune noch Absperrgitter die Kicker. „Die liefen direkt an uns vorbei. Wir konnten ihnen auf die Schultern klopfen.“
Natürlich wurden auch die Emder gefeiert und gelobt. Das achtbare 2:4 – die Kickers-Torschützen waren Meyer und Schröder – hing allerdings auch mit der Müdigkeit des Deutschen Meisters zusammen. Der 1. FCK hatte im Norden eine Tournee mit fast täglichen Partien und zuvor schon sieben Begegnungen in Bremen, Bremerhaven und Kiel absolviert. Am Tag vor dem Emden-Gastspiel siegten Eckel, Walter und Co. noch in Bad Zwischenahn mit 10:2. Danach hatten sie sich ihren Insel-Urlaub redlich verdient.
Ruhmreiche Klubs zu Gat auf Borkum
Dort waren in jenen Jahren auch andere ruhmreiche Klubs wie Borussia Dortmund, VfR Mannheim oder FK Pirmasens zu Gast und traten auf dem Schlackeplatz am Wasserturm gegen die Insel-Kicker an. Die Pirmasenser machten die Borkumer besonders glücklich. Daran erinnerte einst der mittlerweile verstorbene Borkumer Fokke Bootsmann im OZ-Buch „100 Jahre Fußball in Ostfriesland“: „In Pirmasens waren die Schuhfabriken. Der Gegner hat für die ganze Borkumer Mannschaft Fußballschuhe mitgebracht. Das war ein Heiligtum nach dem Krieg.“
Die berühmtesten Spieler aber präsentierte natürlich der 1. FC Kaiserslautern auf der Insel. Einige von ihnen sind zu Legenden geworden. Der letzte 54er-Weltmeister starb am Freitag. Horst Eckel war einer der Helden von Bern – aber er begeisterte mit seinem Auftritt vor Ort auch die Leute in Emden und auf Borkum.