Verkehrswende
Nächster Versuch: Emder Neutorstraße wird Begegnungsstätte
Das Ringen um die Verkehrswende in Emden geht in die nächste Runde: Die Stadt möchte drauflos experimentieren, die Politik bremst. Zumindest für eine Straße wurde man sich einig – weitgehend.
Emden - In der ersten Januarwoche soll auf der Neutorstraße in Emden der Umbau beginnen. Eine Ausstellung mit vielen Bildern verschwindet, Radwege werden verlegt und die Fahrtrichtung auf der Hauptstraße durch die Innenstadt wird umgekehrt. Spätestens zum Matjesfest im Mai soll die Strecke dann zur Fahrradstraße erklärt werden. Das heißt, dass es keine eigenen Streifen mehr für den Radverkehr gibt, sondern sich alle Verkehrsteilnehmer den Raum teilen. So zumindest lautet der Plan.
Was und warum
Darum geht es: die angestrebte Verkehrswende in Emden mit dem Versuch, die Innenstadt weitgehend autofrei zu gestalten
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich in Emden aufhalten und bewegen, Verkehrsteilnehmer sowie alle, die der Mobilitätswandel betrifft
Deshalb berichten wir: Am Mittwoch sollte der Stadtentwicklungsausschuss des Emder Rates den Weg für weitere Verkehrsexperimente der Stadt freimachen. Doch daraus wurde nichts. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Doch ob die Stadtverwaltung wirklich die nächsten Stufen des Experiments autoarme Emder Innenstadt zünden darf, ist noch offen. Nach langer und zum Teil hitziger Diskussion wurde das erwartete Startsignal am Mittwochabend vertagt. Ein Vorschlag der Verwaltung, der zusätzliche und weitergehende Veränderungen vorsah, fand im Ratsausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt keine Mehrheit. Er kam nicht einmal zur Abstimmung. Diese soll in der nächsten Woche nachgeholt werden, nachdem die Stadt ihre Pläne überarbeitet hat.
Sperrung am Delft umstritten
Streit gibt es jetzt vor allem um die Straße am Delft. Die Stadt möchte diese Strecke langfristig am liebsten komplett für Autos blockieren. „Es ist ein klares städtebauliches Ziel, näher ans Wasser zu rücken“, sagt Stadtbaurätin Irina Krantz. Geht es nach dem Willen der Verwaltung um Oberbügermeister Tim Kruithoff (parteilos), soll deswegen im nächsten Jahr die Straße versuchs- und tageweise für den Verkehr gesperrt werden. Angedacht ist unter anderem eine Verlängerung der ohnehin geplanten Sperrung während des Delft- und Hafenfestes. Außerdem erwägt die Stadt, andere Feste wie die Gourmetveranstaltung À la carte aus dem Stadtgarten auf die Asphaltpiste zu verlegen, was zu einer weiteren Sperrung führen würde. Doch aus Beidem dürfte nichts werden. „Zu viel, zu unscharf“, kommentiert Bernd Gröttrup (CDU) die Absichten im Rathaus.
Protest kommt außerdem aus der SPD-Fraktion. „Warten Sie, bis der Trog frei ist“, appelliert Harald Hemken an Kruithoff, Krantz und Co. So lange die Trogstrecke als wichtige Südumgehung in Emden saniert wird und damit nicht befahren werden kann, will er und wollen etliche andere Ratsmitgliedern von Experimenten auf der Straße Am Delft absehen.
„Wo sollen die Autos denn hin?“
Den schärfsten Ton in der seit Monaten schwelenden Debatte schlägt Gregor Strelow (SPD) an. Er kritisiert, dass die Stadt keine Lösung dafür hat, wenn sich Verkehrsströme auf Ausweichstrecken verlagern und dort zu Problemen führen. Ein im November präsentiertes und von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten hatte diese Schwachstelle klar benannt. Ohne die Straße Am Delft beziehungsweise ohne weniger Verkehr ist in den Berechnungen Stau auf der Ringstraße programmiert. „Das funktioniert doch nicht“, wettert Strelow deshalb und fragt in Richtung Krantz rhetorisch: „Wo sollen die Autos denn hin?“
David Malzahn, der als Stadtplaner neben Krantz und Kruithoff die Experimente gegen Widerstände durchbringen will, versichert im Namen der Verwaltung: „Wir wollen die Stadt nicht lahmlegen.“ Letztlich gehe es nicht nur um einzelne Straßen in Emden oder um das Experiment einer einzelnen Stadt, so Malzahn, es gehe um eine weitweite Verkehrswende, die zu einem Umdenken führen müsse. Er ruft deswegen zu mehr Mut beim Experimentieren auf: „Nur die Realität zeigt, wie es funktioniert“, sagt der Stadtplaner.
Die angestrebte Mobilitätswende in Emden bleibt also ein zähes Geschäft. Nicht nur, dass die Stadt ohne klar erkennbares Gesamtkonzept für einen langen Zeitraum ausprobieren, analysieren und interpretieren möchte. Dazu kommen die Auseinandersetzungen mit der Politik. Der Rat als Souverän neben der Verwaltung will sich bei einem solch bürgernahen Thema die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Was das unter dem Strich bedeutet, zeigte am Mittwoch die Sitzung des Umwelt- und Stadtentwicklungsaussschuss: Es wurde lange diskutiert. Und am Ende wurde das Thema vertagt.
Das sind die geplanten Änderungen
Die Fahrtrichtung wird für den Autoverkehr auf der Neutostraße zwischen Agterum und Rathausplatz umgekehrt. Das heißt: Statt bislang in Süd-Nord-Richtung ist dann nur noch die Fahrt von Nord nach Süd erlaubt. Vorgesehen ist ein Fahrstreifen mit zulässiger Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h.
Weil der Streckenabschnitt dafür neu geordnet und ummarkiert werden muss, will die Stadt den Auftrag zum 3. Januar vergeben. In der Verwaltung gehen sie davon aus, dass die Arbeiten einige Tage beanspruchen. In dieser Zeit wird der Verkehr immer mal wieder vorübergehend ausgebremst. Längere Sperrungen seien nicht vorgesehen, heißt es.
Rechts und links einer 3,5 Meter breiten Fahrspur für Autos werden optisch abgetrennte Radwege eingerichtet. Die Aktionsfläche am Stadtgarten, wo seit Wochen eine Fotoausstellung gezeigt wird, entfällt. Für Fußgänger bleiben die bisherigen Zebrastreifen bestehen.
Um die Zufahrt von Süden in die Neutorstraße zu sperren, sind Veränderungen auf der Faldernstraße und der Straße Rathausplatz vorgesehen. So soll die Linksabbiegespur am Rathausplatz zugestellt werden. Die Geradeausspur der Faldernstraße wird auf Höhe der Straße Westerbutvenne für Autos blockiert und auf Höhe der Haltestelle „Rathaus“ für den Radverkehr freigegeben.