Frauen in der Arbeitswelt
Verdi-Chefin: „Vor allem in den Köpfen muss sich was ändern“
Durch Barbies wird im Landesmuseum in Emden gezeigt, wie sich die Rolle der Frau in der Arbeitswelt verändert hat. Der Barbie-Slogan lautet heute „Du kannst alles sein“, die Realität ist erschreckend.
Emden/Oldenburg - Wer sich die Auswahl von Barbie-Puppen in der Spielzeugabteilung anschaut, merkt schnell: Es hat sich viel getan. Barbie übt mittlerweile alle denkbaren Jobs aus. Sie ist etwa Astronautin, Ärztin, Pilotin, Soldatin, Forscherin und natürlich Unternehmerin. Auch ist sie längst nicht mehr nur blond, schlank und groß, es gibt mittlerweile die unterschiedlichsten Ausführungen. Der Barbie-Slogan lautet aktuell „Du kannst alles sein“. Das Ostfriesische Landesmuseum in Emden (OLME) zeigt derzeit in der Sonderausstellung „Busy Girl - Barbie macht Karriere“ anhand der Puppen aus unterschiedlichen Jahrzehnten, wie sich die Rolle der Frauen in der realen Arbeitswelt gewandelt hat.
Was und warum
Darum geht es: Laut Gesetz sind Frauen in der Arbeitswelt gleichberechtigt und das seit Jahrzehnten. In der Realität sieht das aber ganz anders aus.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und den Wandel der Geschlechterrollen interessieren, Besucherinnen und Besucher des Landesmuseums in Emden
Deshalb berichten wir: In Emden wird eine Sonderausstellung von Barbie-Puppen gezeigt, was den Wandel der Frau in der Arbeitswelt verdeutlichen soll. Wir haben uns gefragt, wie viel sich tatsächlich schon gewandelt hat und was noch getan werden muss. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Viel ist passiert - meint man auf den ersten Blick. Die Corona-Pandemie hat aber einmal mehr offenbart, wie eingefahren die alten Rollenverteilungen noch sind und wie weit Frauen von einer Gleichberechtigung am Arbeitsplatz entfernt sind. Kornelia Haustermann, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi im Bezirk Weser-Ems und Ansprechperson für den Verdi-Ortsfrauenrat Oldenburg, erklärt das so: Noch bis vor kurzem war das Familienernährermodell überwiegend vertreten. Das heißt, es gab einen Verdiener in der Familie - und das war in den allermeisten Familien der Mann. Die Frau kümmerte sich um Haus und Kinder. „Im Laufe der Jahre entwickelte sich das zum Zuverdienermodell“, erklärt die Gewerkschafterin. Das bedeutet, die Männer arbeiten hauptsächlich und die Frauen verdienen etwas dazu, während sie noch die Kinder versorgen. Das Modell gebe es noch heute in vielen, wenn nicht gar den meisten Familie. „Auch von den Frauen in Paargemeinschaften jüngerer Generationen lebte 2014 rund ein Viertel überwiegend von den Einkünften Angehöriger. Der Wert unterschied sich damit kaum vom Anteil der älteren Frauen in Paargemeinschaften“, heißt es vom Bundesamt für Statistik in einer Broschüre.
Verheerende Folgen durch Pandemie
In der Pandemie, als Schulen und Kitas für längere Zeit geschlossen waren, entschieden sich viele Familien aus wirtschaftlichen Gründen dafür, dass die Frau als Wenigverdienerin weiter die Stunden reduziert oder gar kündigt. „Ich kenne nicht wenige Frauen, sie ihre Berufstätigkeit in Laufe der Pandemie aufgegeben mussten. Die Betreuung der Kinder, egal ob im Kindergarten- oder Schulalter, war nicht gewährleistet. Homeoffice hat geholfen, war für viele jedoch schlicht und ergreifend nicht möglich“, erklärt auch Okka Fekken, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Emden. Besonders dramatisch sei das bei der Arbeit in Minijobs, die Fekken als „eine Domäne der Frauen“ bezeichnet. Diese Jobs seien von einem auf den anderen Tag weggefallen. „Ein Anspruch auf Kurzarbeitergeld besteht nicht“, betont sie.
Die Entwicklung in der Pandemie könnte langfristige Folgen haben, bekräftigen Fekken und Haustermann. „Für diejenigen, die aufgrund der Pandemie ihre Arbeit verloren haben oder aufgeben mussten, wird es schwierig werden, beruflich wieder Fuß zu fassen oder dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört haben“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Insbesondere Frauen, die Familienaufgaben nachgehen und noch in systemrelevanten Berufen arbeiten, litten an „unendlicher Erschöpfung, aber auch Frustration und Enttäuschung“. Diese Frauen dürfe man nicht einfach vergessen, sonst würde das „nicht nur im Gesundheitswesen dramatische Folgen“ haben.
Altersarmut bei Frauen häufiger als bei Männern
Haustermann spricht auch die drohende Gefahr der Altersarmut bei Frauen an. Denn: Wenn sie in ihrem Leben wenig oder gar nichts in die Rente einzahlen und sich auf ihren Ehemann verlassen, könnte es ein schreckliches Erwachen geben. Fast 40 Prozent der Ehen werden in Deutschland geschieden, Emden gilt sogar schon seit Jahren als Scheidungshochburg mit einer diesjährigen Rate von 0,78 Scheidungen pro Eheschließung. Nach der Scheidung stehen Frauen häufig vor dem Nichts.
„Altersarmut ist weiblich“, betitelt die Arbeitsagentur einen Flyer zur Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Demnach verdienen Frauen heutzutage immer noch rund 20 Prozent weniger als Männer. Die Rente fällt dann im Schnitt sogar fast 50 Prozent geringer aus als bei Männern. Sie spreche mit vielen Frauen, insbesondere aus dem Einzelhandel, sagt Haustermann, die „sehenden Auges in die Altersarmut gehen“. Häufig bekomme sie die Antwort, dass die Frau ja nur einen Nebenjob mache, weil der Mann gut verdiene. „Sie denken nicht so weit, dass der Mann sie verlassen könnte“, bedauert die Verdi-Geschäftsführerin.
Was muss sich ändern?
Vor allem in den Köpfen müsse sich etwas tun, betont Haustermann. Damit meint sie, dass Frauen und Männer umdenken sollten. Viele Frauen würden sich noch immer für die Sorgearbeit in der Familie verantwortlich sehen. Die Gesellschaft erschwert ihnen auch alles andere häufig: will sie Karriere, ist sie eine Rabenmutter, will sie zu Hause bleiben für die Kinder, ist sie faul. Gewinnen können Frauen und insbesondere Mütter häufig nicht. Männer, die sich mehr um Kinder und Angehörige kümmern wollen, würden häufig am Arbeitsplatz belächelt. „Wir müssen dafür sorgen, dass das alte Konstrukt aufgelöst wird“, betont sie.
Fekken fordert: „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Abschaffung des Ehegattensplittings und der sogenannten Minijobs und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Das seien die wesentlichen Stellschrauben. Haustermann betont, dass dringend in der Politik etwas getan werden müsse. Es könne doch nicht sein, dass eine Kita-Mitarbeiterin, der man das eigene Kind anvertraut, nur die Hälfte von dem verdient, was einer bekommt, der Autos zusammenbaut. Bei der Erwerbsarbeit müsse Pflegearbeit, die weiterhin Frauen am stärksten übernehmen für ihre Kinder und ältere Angehörige, mit gedacht und honoriert werden, meint sie. Sogenannte „Frauenberufe“ müssten besser bezahlt und gleichzeitig Frauen dahingehend gefördert werden, auch klassische „Männerberufe“ zu ergreifen.
Familie sorgt für Karriereknicks
„Die Berufswahl oder besser gesagt, die berufliche Ausrichtung, beginnt schon sehr früh. Eltern kommt da sicherlich eine wesentliche Rolle zu, indem sie ihre Kinder, und damit meine ich Mädchen und Jungen gleichermaßen, möglichst viel ausprobieren lassen“, erklärt Okka Fekken. Obgleich junge Frauen häufig gut in der Schule abschließen, hätten sie dann aktuell im Laufe ihres Berufslebens das Nachsehen. „Ein wesentlicher Grund für die Karriereknicks ist sicherlich die Familiengründung. Aber auch die Beurteilung dessen, was Frauen leisten können, spielt eine Rolle. Dass Männer nicht unbedingt Frauen fördern, ist eine Tatsache. Freiwillige Verpflichtungen von Firmen haben nicht den gewünschten Erfolg. Hierzu braucht es klare gesetzliche Regelungen, wie wir es aus anderen Ländern kennen und die auch hervorragend funktionieren“, betont sie.
→ Die Barbie-Ausstellung im Landesmuseum kann noch bis zum 28. August 2022 besucht werden. Das Museumsteam weist aktuell darauf hin, dass sich die Öffnungszeiten aufgrund der Pandemie verändert haben. Demnach öffnet das Museum im alten Rathaus am Delft bis vorerst zum 14. Februar 2022 nur noch an den Wochenenden. Sonnabend und sonntags können Interessierte von 10 bis 17 Uhr in die Ausstellungen. Für den Besuch gilt 2G+. Das Tragen von FFP2-Masken ist vorgeschrieben.