Osnabrück

Till Lindemann: Sex, Lyrik und Videos

Melanie Heike Schmidt
|
Von Melanie Heike Schmidt
| 15.12.2021 13:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auch solo auf Erfolgkurs: Till Lindemann, Sänger und Texter von Rammstein. Foto: Jens Kalaene/dpa Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa
Auch solo auf Erfolgkurs: Till Lindemann, Sänger und Texter von Rammstein. Foto: Jens Kalaene/dpa Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa
Artikel teilen:

Die Aufregung ist groß: Till Lindemann, Frontmann der Brachialrocker Rammstein, startet mit seiner Solo-Tour durch acht europäische Länder. Und wie bei seiner Hauptband ist Provokation immer mit dabei, die „Lindemann“-Shows sind für alle unter 18 Jahren verboten. Wer ist dieser Mann, der Albträume in Liedzeilen gießt?

Das Video zum Fetisch-Song „Knebel“ so drastisch, dass es zensiert wurde, die Tickets zur Solo-Tour, die am 4. Februar in Hannover startet, ruckzuck ausverkauft, die Geheimniskrämerei um die Liveauftritte  ab 18 Jahren riesengroß: Es scheint fast so, als ob die künstlerischen Alleingänge von Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, eine Art Abziehbild von Rammstein selbst wären. 

Doch wer meint, das Projekt „Lindemann“ wäre Rammstein in klein, irrt: Zwar sind die Themen ähnlich abgründig wie bei den Berliner Brachialrockern, auch werden diese ebenso über die Masche namens Provokation vermarktet. Doch während Rammstein in ihrem Schaffen stets ein Sechserkollektiv bleiben, wo die Handschrift des Einzelnen nicht trennscharf auszumachen ist, setzte Sänger und Texter Till Lindemann mit seinem nach ihm benannten Projekt vor fünf Jahren ein eigenes Baby in die Welt. Der andere Elternteil ist Lindemanns Seelenverwandter Peter Tägtgren, Metal-Koryphäe und Multi-Instrumentalist aus Schweden. Mehr Lindemann als in Lindemann gab es bis dato auf dem Musikmarkt nicht. 

Anders als Rammstein

Um die Andersartigkeit zu Rammstein herauszustellen, fanden sich auf dem Lindemann-Debüt von 2015 ausschließlich englische Texte. Mit dem im November 2019 erschienenen Zweitling „F&M“ rückt Lindemann sprachlich wieder näher an seine Hauptband: Alle Texte sind auf deutsch. Gut so, gerieten doch die englischen Zeilen teils ungewollt komisch oder gestelzt. Musikalisch gibt es auf „F&M“ den großen Strauß: klassische Metal- und krachige Rock-Songs, kitschig-alberne Balladen, sogar ein Tango und - zusammen mit Rapper Haftbefehl - auch den eher plumpen Rap-Song „Mathematik“. 

Lindemann polarisiert

Im Kontrast zur musikalischen Vielfalt des Soloprojektes bleibt sich der 1963 in Leipzig geborene Lindemann indes treu: Er polarisiert mithilfe seiner Texte und blutig-ekligen Videos. Das wirft Fragen auf: Ist etwa ein Lied, das „Praise Abort“ heißt - 2015 von der „Bild“-Zeitung empört „Abtreibungs-Hymne“ genannt, einfach nur grotesk und krank? Ist „Knebel“ schlicht pervers? Oder spiegeln die Obszönitäten auf überzogene Weise Elemente eines übersexualisierten Zeitgeistes, bei dem selbst Extreme mittlerweile fast als normal durchgehen? Zumindest fordert Lindemanns Kunstform immer einen zweiten, oft auch einen dritten Blick ein. Das ist anstrengend. Es ist viel leichter, Lindemann schlecht zu finden als sich mit ihm zu beschäftigen. Fragt sich nur: Was treibt diesen Mann, diesen Ex-DDR-Leistungsschwimmer und Dichtersohn, überhaupt an? 

Erfolg macht Flügel

Es wird wohl auch der Erfolg sein, der den 57-Jährigen beflügelt: Anfangs verlacht oder glühend verachtet, genießen er und die weiteren fünf Rammsteiner längst das Wohlwollen der Feuilletons in aller Welt, die 30 Stadionkonzerte der Band im vergangenen Jahr sahen mehr als eine Million Menschen, CDs und Fan-Devotionalien verkaufen sich wie warme Semmeln. Lindemanns öffentliche Rolle in dem millionenschweren Spektakel: der feuerspeiende Dämon, der Mann, vor dem die Eltern ihre Töchter und auch Söhne warnen, martialisch, gefährlich, wild, pathologisch. Abseits der Bühne zeigt sich der 1,84 große Frontmann, deutlich gezeichnet von Brandwunden der feurigen Rammstein-Shows, lieber als Dichter und Denker, der sich mit Buch in der Hand oder am Strand mit Blick gen Horizont fotografieren lässt. Seine freie Zeit verbringt er am liebsten bodenständig in Mecklenburg-Vorpommern - in der Nähe von Mutter und Schwester. 

Keine Lust auf Klatschpresse

Aus den Medien, vor allem aus der Klatschpresse hält er sich heraus, so gut es geht. Zu ärgerlich für den Boulevard, hat er als böser Bube in Person doch einen enormen Schlag bei Frauen. Seine wohl berühmteste Ex ist Model und Schauspielerin Sophia Thomalla. 

Ihre nicht minder berühmte Mutter Simone Thomalla erzählte 2019 dem Magazin „Stern“, sie hätte „Schnappatmung“ bekommen, als ihre kaum volljährige Tochter 2011 mit Lindemann anbändelte. „Finger weg von meinem Kind“, habe sie gedacht. Nun, wo sie den Mann hinter der Bühnenfigur kenne, sei er „einer der wichtigsten Menschen“ in ihrem Leben. Das Promi-Paar Sophia und Till trennte sich nach einigem Hin und Her 2016, nun gelten sie als Freunde. 

Der Duft des Verbotenen

Doch einer wie Lindemann bleibt wohl kaum solo, immer wieder tauchen Fotos mit Frauen auf, zuletzt sah man das Erotik-Starlett Charlotte Sartre an seiner Seite. Wie der Sänger mit dem grimmig rollenden „r“ versprüht auch sie den Duft des Verbotenen, wenn auch auf anderer Ebene: Die 24-jährige Kalifornierin flutet ihr Instagram-Profil mit freizügigen Bildern. Lindemann dagegen erweist sich fern der Rammstein-Bühnen weiterhin als scheu. Ein Mann, viele Facetten.

Ein Blick in Lindemanns Gedichte hebt die Widersprüche noch hervor: Hier zeigt er sich verletzlich, nachdenklich, getrieben und mit einem scharfen, oft sinistren Blick für Details. „In stillen Nächten weint ein Mann / weil er sich erinnern kann“, schreibt er. Und man fragt sich unwillkürlich: Ach ja? Weint auch dieser Schrank von einem Mann manchmal in stillen, dunklen Nächten? Das ist nicht überliefert, darf man aber angesichts seiner Lyrik unterstellen.

Dichter, Vermieter, Großpapa

Wer ihn googelt, entdeckt, dass auch der Dichter nur eine von vielen Facetten ist, zugleich ist Lindemann Hausbesitzer in Berlin, der auch mal Ärger hat mit Mietern, zum Beispiel mit einer Cafébesitzerin, die empört gegen eine Mieterhöhung ins Feld zog. Auch ist der ausgebildete Pyrotechniker Vater zweier Töchter und - wie er selbst sagt - eines Sohns, auch Großvater ist er schon. Mit Musiker-Kollege Joey Kelly verbindet ihn eine Freundschaft, die beiden reisten per Kanu über den Yukon, ein Bildband kam dabei hinaus. Und Lindemann schreibt nicht nur für sich und Rammstein, sondern 2014 sogar auch einen Liedtext für Roland Kaiser. Der Verruchte und der Schlager-Star? Nun ja, gesellschaftlich determinierte Grenzen interessierten Lindemann, dessen Wurzen tief in die Punkszene der DDR reichen, wohl noch nie. Und Kaiser outete sich schon früh als Fan der Lindemann'schen Dichtkunst. Auch das ist typisch: Lindemann wird gehasst, oh ja, aber auch von vielen verehrt.

Ideen aus der weiten Welt

Vielleicht, weil seine Ideen schier unerschöpflich sind. Er bezieht sie nahezu von überall, aus TV-Dokumentationen, Erlebnissen von seinen Weltreisen mit Rammstein, aus Büchern, Zeitungen, Zeitschriften. Er hält das Brennglas auf die kleinen Dinge, zerrt Abseitiges ins Licht, gießt Aufgeschnapptes aus der wirren Welt oder reale Geschehnisse in albtraumhafte Zeilen. Fünf der neun Lieder von „F&M“ schrieben er und Tägtgren für eine neue Version von „Hänsel und Gretel“ am Hamburger Thalia Theater, auch das ist typisch-untypisch. 

Ausverkaufte Shows

Nun also ziehen Lindemann und Tägtgren mit ihrem gemeinsamen Projekt auf die Bühnen Deutschlands und Europas, zwölf Termine in acht Ländern sind geplant, die Termine in Deutschland längst ausverkauft. Man darf gespannt sein: Laut Veranstalter gerät die Live-Präsentation der Songs „derart drastisch“, dass Zuschauer unter 18 Jahren keinen Zutritt haben. Nach dem Video zu „Knebel“, wo eine kannibalistische Szene zensiert wurde, kann man sich vorstellen, was das heißt. Sex, Lyrik und Videos - wenn auf dem Plattencover Lindemann steht, gibt's auch live die volle Packung.

Ähnliche Artikel