Gesellschaft
Emden: Sanitäter setzen vor Impfgegner-Demo Zeichen
Für Samstag werden in Emden Hunderte Impfpflicht-Gegner erwartet. Ein Rettungsdienst, der die Demo mit Kräften der Bereitschaftspolizei absichert, zeigt mit großen Aufklebern, was er davon hält.
Emden - Viel Platz ist nicht in einem Rettungswagen. „Sechs Quadratmeter“ seien es, sagt Holger Rodiek, Geschäftsführer des privaten Rettungsdienstes RKSH in Emden. Diese Enge stellt für die Sanitäter während der Arbeit ein permanentes Infektionsrisiko dar – erst recht während einer Epidemie. Rodiek hat deswegen früh reagiert. Seine Belegschaft und er selbst seien längst „zu 100 Prozent durchgeimpft“, sagt er. Rodiek ist überzeugt: „Impfen rettet Leben.“ Aber das wird nicht überall so gesehen.
Was und warum
Darum geht es: Für das Wochenende ist in Emden ein Demonstrationszug von Impfpflicht-Gegnern angemeldet. Die Mitarbeiter eines Rettungsdienstes haben dafür kein Verständnis.
Vor allem interessant für: diejenigen, die zu dieser Veranstaltung oder einer geplanten Gegendemo gehen wollen, sowie alle, die sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie befassen
Deshalb berichten wir: Die Redaktion hatte von der Aktion des Rettungsdienstes gehört. Darüber hinaus wollten wir in Erfahrung bringen, wie sich die Stadt Emden und die Polizei auf die beiden gegensätzlichen Aufmärsche einstellen. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
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Für das Wochenende ist in Emden zum dritten Mal ein Demonstrationszug angekündigt. Erwartet werden wie an den beiden vorangegangen Samstagen hunderte Teilnehmer, die gegen eine Impfpflicht protestieren wollen. Angemeldet ist die Veranstaltung unter dem Motto „Eltern gegen Rechts und für freie Impfentscheidung“. Die Stadt und die Polizei rechnen nach eigenen Angaben mit mehr als 300 Demo-Besuchern. So viele hat Julia Wirth im Vorfeld als Verantwortliche angegeben. Mit dabei sein werden auch einige Mitarbeiter des RKSH. Sie haben den Auftrag, die Versammlung als Sanitätsdienst abzusichern.
Botschaft in Großbuchstaben
Als Rodiek in dieser Woche erfuhr, dass sein Rettungsdienst im Einsatz sein wird, sei er ins Grübeln gekommen, sagt er. Gemeinsam hätten sie dann überlegt, ob sich da nicht etwas machen lasse. Für ihn habe festgestanden: „Irgendwie müssen wir Stellung beziehen.“ Am Freitag fuhren der RKSH-Chef und eine dreiköpfige Sanitäter-Mannschaft mit einem Rettungswagen zu einer Werbeagentur, um Fahrzeuge bekleben zu lassen: Wenn sie am Samstag am Rand der Demo stehen, lesen die Veranstaltungsteilnehmer in Großbuchstaben die Botschaft: „Impfen rettet Leben!“.
Neben Sanitätern und Mitarbeitern des Emder Ordnungsamtes wird der für 13 Uhr geplante Aufmarsch durch die Stadt auch von einem Großaufgebot der Bereitschaftspolizei begleitet. Ein Grund: Unmittelbar nach der Demo „Eltern gegen Rechts und für freie Impfentscheidung“ gibt es eine weitere Versammlung. Als Reaktion auf die Veranstaltung, die sich gegen Corona-Maßnahmen richtet, hat ein Aktionsbündnis aus der „Arbeitsgemeinschaft gegen Rechts“ der Hochschule Emden/Leer, der Partei „Die Linke“ und der Gruppe „Tegenkrabben – gegen Fake-News & Hetze in Emden“ zu einer Gegendemo aufgerufen. Sie beginnt um 15 Uhr. Angemeldet wurde sie von Maike Richtler
„Wer läuft da eigentlich mit?“
Zwar finden die beiden Demonstrationsmärsche räumlich voneinander getrennt statt – die erste Demo startet auf dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude III, die zweite auf dem Bahnhofsvorplatz. Die zeitliche Nähe aber könnte trotzdem zu Konfrontationen führen. Die Behörden vor Ort bekommen deswegen „Unterstützung von der Einsatzbereitschaft aus Oldenburg“, so Svenia Temmen, Sprecherin der Polizeiinspektion Leer/Emden. Weitere Einzelheiten, etwa auch zur Zahl der angeforderten Beamten, machte sie aus „einsatztaktischen Gründen“ nicht. Anfang der Woche hatte die Bereitschaftspolizei in der Leeraner Innenstadt mit einem Großaufgebot verhindert, dass die Teilnehmer zweier vergleichbarer Demonstrationen aneinandergerieten.
Angesichts des Eskalationspotenzials will die Stadt Emden um Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) das Geschehen genau beobachten. „So lange es friedlich bleibt und die Veranstaltung auf dem Boden der Verfassung steht“, habe er keine Bedenken wegen der Aufmärsche, so Kruithoff. Er sehe allerdings ein „deutliches Risiko, dass die Demo politisch unterwandert wird“. Bei den Kundgebungen der beiden vorangegangenen Wochenenden in Emden waren Plakate und Symbole mit verschwörungsideologischen Inhalten sowie nationalsozialistischem Bezug gezeigt worden. Auch deswegen wolle er sich am Wochenende selbst ein Bild vor Ort machen, so Kruithoff. Er wolle wissen: „Wer läuft da eigentlich mit?“.