Osnabrück
Streaming boomt: 70 Millionen Songs – und wo bleibt das Klima?
Während die CD an Bedeutung verliert, werden Streamingdienste zur wichtigsten Einnahmequelle für die Musikindustrie. Doch das hat seinen Preis: Der CO2-Ausstoß durch Spotify und Co ist immens.
Als „Last Christmas“ 1984 herauskam, am 30. November war das, machte sich niemand Gedanken über die CO2-Bilanz eines Popsongs. Der Hit von Wham dudelte im Radio, im Kaufhaus, im Fahrstuhl, und die ganz hart Gesottenen legten zuhause die Single auf. Wieviel Erdöl im Vinyl steckt, wieviel Energie es kostet, die Single und später die LP herzustellen? Die Frage stellte keiner. Auch nicht, als fast parallel das Album auf CD herauskam. Schließlich kam Napster auf und der Song wanderte ins weltumspannende Internet. Daraus machten Unternehmen wie Spotify ein profitables Geschäftsmodell, und fortan streamt die musikbegeisterte Welt „Last Christmas“, was das Zeug hält. Allein auf Youtube ist der Song 668 Millionen Mal angeklickt worden, bei Spotify wurde er allein am 24. Dezember letztes Jahr fast 16 Millionen mal aufgerufen. Und wollte man die CO2-Emissionen kompensieren, die „Last Christmas“ verursacht hat, müsste man 121.000 Bäume pflanzen, hat das britische Webportal uswitch.com errechnet.
Streaming ist ein riesiges Geschäft geworden. Das sagen auch die Zahlen, die der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) jetzt veröffentlicht hat. Fürs Jahr 2021 erwartet er ein Umsatzplus von mehr als zwölf Prozent. Von Krisenstimmung keine Spur, vor allem dank der digitalen Kanäle: „Wir gehen derzeit grundsätzlich davon aus, dass das sehr gute Wachstum im Streaming-Bereich weitergeht, dass Vinyl weiter seine Fans an sich bindet, und eventuell ist auch die CD nicht mehr so stark rückläufig - wobei das Weihnachtsgeschäft traditionell eine große Rolle spielt“, sagte der Vorstandschef des BVMI, Florian Drücke, der Deutschen Presse-Agentur. Laut Bilanz vom letzten Jahr fällt der Absatz von CDs kontinuierlich, der Anteil der Vinylplatte am Gesamtumsatz hält sich bei 5,5 Prozent. Zwei Drittel des Geschäfts aber macht das Streaming aus. Vergessen die Zeiten, als die Plattenindustrie Anfang des Jahrtausends an eben den digitalen Formaten fast zu Grunde gegangen wäre.
Das Problem mit dem Fußabdruck
Die Künstler profitieren allerdings wenig vom Streaming-Boom. Zwischen 0,6 und 0,84 US-Cent pro Stream fließen auf deren Konten. Konnten sie bei den physischen Tonträgern noch mit bis zu drei Euro pro verkaufter Einheit rechnen, verdienen sie an einer gestreamten CD ungefähr zehn Cent. Und dann ist da noch das Problem mit dem ökologischen Fußabdruck.
Mit „Good 4 U“ hat Olivia Rodrigo beispielsweise einen Sommerhit gelandet. Laut Billboard ist der Song über eine Milliarde mal im Netz gestreamt worden; da kommt trotz der Mikrobeträge, die Spotify und Co an die Künstler zahlten, eine Menge Geld für die Sängerin zusammen. Allerdings verursacht der Hit auch fast 2900 Tonnen CO2, die auf dem Weg zu den Nutzern in die Luft geblasen werden. Das entspricht dem, was 500 Menschen in Großbritannien in die Atmosphäre blasen - in einem Jahr. Wollte man den Ausstoß kompensieren, bräuchte man 120.000 Bäume, hat uswitch.com errechnet - ein Wald von der Größe von 80 bis 90 Fußballfeldern, grob gerechnet.
487 Millionen Menschen weltweit haben einen Streamingdienst abonniert, hat das britische Wochenmagazin „New Statesman“ ermittelt. Laut dem Statistikportal „statista.com“ werden so in diesem Jahr weltweit an die 22 Milliarden Euro umgesetzt, Tendenz steigend: Bis 2025 könnte der Umsatz auf rund 31 Milliarden Euro steigen. Andererseits hat das Musikhören im Jahr 2016 allein in den USA 200.000 Tonnen Kohlenstoff-Emissionen verursacht.
Lieber CD oder Schallplatte?
Sind Spotify und Co Klimakiller? So einfach ist die Rechnung nicht. Denn die Alternativen CD und Vinyl glänzen keineswegs mit ihrer Klimabilanz. Der Kohlenstoff-Fußabdruck einer CD entspricht fünf Stunden Streamingdienst, der einer Vinyl-Langspielplatte 17 Stunden.
Doch die Menge macht das Gift; deshalb geht die größte Belastung fürs Klima von den digitalen Formaten aus: 94 Prozent der Emissionen durch Musikhören verursacht gestreamte Musik. Spotify, Apple Music oder Amazon Music - um nur die bedeutendsten Streamingdienste zu nennen - haben die Welt der aufgenommenen Musik in ein klingendes Schlaraffenland verwandelt, für das man allenfalls ein paar Euro Eintritt bezahlt. Schon eine „Nice-Price“-LP in den 1970ern kostete mehr.
Die ökologischen Spurrillen
Der Preis dafür ist ein tiefer ökologischer Fußabdruck, der sich zu Spurrillen vom Streaming-Anbieter zu den Nutzern summiert. Schon die Server, auf denen die Musik lagert benötigen riesige Mengen Energie für Betrieb und Kühlung. Von dort verzweigt sich der Datenstrom via Kabel im Erdreich oder auf dem Meeresboden hin zu immer lokaleren Servern, die ihrerseits Strom fressen - wie die Übermittlung der Daten übrigens auch. Das Endgerät selbst braucht natürlich auch Strom, und sogar die Form der digitalen Übertragung wirkt sich auf den Energieverbrauch aus: Der Transfer übers Glasfasernetz ist am effizientesten, und wer übers 3G-Netz streamt, verballert nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Schließlich benötigt ein hochauflösendes Youtube-Video mehr Energie als ein reiner Musikstream und ein Ultra-HD-Fernseher mehr als ein Smartphone.
Das heißt mit anderen Worten: Der Verbraucher kann den Stromverbrauch teilweise steuern. Doch grundsätzlich sind die Abomodelle der Streamingangebote nicht auf schonenden Umgang mit Ressourcen ausgerichtet. Wer sich von morgens bis nachts mit der Spotify-Klangtapete umgibt, zahlt nicht mehr als derjenige, der pro Woche nur ein Album hört. Das ist, als würden Heizung, Wasser und Strom pauschal abgerechnet, unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch.
Nun sind sich die Streamingportale ihres ökologischen Fußabdrucks bewusst und reagieren. Logisch, möchte man sagen: Wer Energie spart, senkt Kosten. Außerdem ist ein ökologisches Bewusstsein ein gutes Verkaufsargument; deshalb betreiben Apple oder Google ihre Server zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Ressourcen. Auch Spotify, der größte Streaminganbieter mit 70 Millionen Songs im Angebot und 172 Millionen Abonnenten weltweit, gibt sich einen grünen Anstrich: „Die Folgen des Klimawandels werden von Tag zu Tag schlimmer und wir alle müssen daran arbeiten, Teil der Lösung zu sein“, schreibt das schwedische Unternehmen in seinem Nachhaltigkeitsreport des Jahres 2020. Tatsächlich habe Spotify seinen CO2-Ausstoß auf 169.000 Tonnen und damit um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr senken können. Für die Zukunft werde man „versuchen, Reduktionsziele im Einklang mit dem Pariser Abkommen festzulegen“, eine Umstellung auf erneuerbare Energien ansteuern, nicht reduzierbare Emissionen ausgleichen und Klimaschutzprojekte fördern.
Gleichzeitig entlässt Spotify seine Kunden nicht aus der Pflicht: Die Hörer waren laut Report in 2020 für 71.000 Tonnen des CO2-Ausstoßes des Unternehmens verantwortlich, ganze 42 Prozent der Emissionen. Ein erster Schritt könnte ja sein, dieses Jahr aufs Hier und Jetzt und nicht auf „Last Christmas“ zu hören.
Mitarbeit: Markus Spykman