Gesellschaft

Wie Schausteller die Corona-Pandemie überstehen

| | 26.12.2021 11:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Lebensmotto der Familie Heine steht auf einer Tafel an ihrem Ausschankbetrieb (von links): Sascha junior, Peggy, Sascha und Sally Heine lächeln, auch wenn sie Sorgen haben. Foto: Ortgies
Das Lebensmotto der Familie Heine steht auf einer Tafel an ihrem Ausschankbetrieb (von links): Sascha junior, Peggy, Sascha und Sally Heine lächeln, auch wenn sie Sorgen haben. Foto: Ortgies
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Für Schausteller geht erneut ein schwieriges Jahr zu Ende. Familie Heine aus Holtrop lässt sich nicht unterkriegen. Was sie auf dem Auricher Weihnachtszauber erlebt hat, überstrahlt die Sorgen.

Aurich/Holtrop - Nach einem Jahr voller Ungewissheit, Freude und Sorge, Hoffen und Bangen geht Familie Heine in die Winterpause. Der Auricher Weihnachtszauber war für die Schausteller aus Holtrop die letzte Station des Jahres. Dort betrieben sie einen Imbissstand und einen Getränkeausschank mit hausgemachtem Julischka. „Schade, dass es schon wieder vorbei ist“, sagt Peggy Heine. Wann und wie es für Familie Heine 2022 weitergeht, ist ungewiss. Sie hat einige Zusagen von Städten und Gemeinden, doch nur unter Vorbehalt. „Normalerweise würde ich jetzt die Ware für unsere Losbude auf dem Ostermarkt in Norddeich bestellen“, sagt Peggy Heine. Doch die 42-Jährige ist vorsichtig geworden. Sie wartet erst mal ab.

Finanziell war es erneut ein schwieriges Jahr für die Heines. Sie haben einige Pop-up-Märkte besucht, waren unter anderem in Wilhelmshaven, Sande, Norden, Oldenburg und Leer. Zur Bremer Sommerwiese durften sie nachrücken, weil ein anderer Schausteller abgesagt hatte. 23 Stunden hatten sie Zeit, um mit ihrer Losbude vor Ort zu sein. „Und wir waren da“, sagt Peggy Heine. Auf dem Herbstmarkt in Aurich hatte ihr neues Kinderkarussell Premiere. „Wir sind froh, dass wir was durften.“ Bis in den Sommer hinein hatte die Familie zuvor in ihrem Winterquartier in Holtrop gehockt und abgewartet. Für Schausteller ein Albtraum.

„Lange können wir das nicht mehr durchhalten“

Die Umsätze reichen nicht annähernd an Vor-Pandemie-Zeiten heran. Heines versuchen, die Kosten zu drücken, beschäftigen weniger Personal, dampfen die Versicherungen auf das Allernötigste ein. Ob es erneut staatliche Hilfen gibt, wissen sie nicht. „Lange können wir das nicht mehr durchhalten“, sagt Peggy Heine. Doch die Art, wie sie das sagt, klingt nicht verzweifelt oder verbittert. Eher so, als müsste sie sich in Erinnerung rufen, dass sie von ihrer Arbeit, die sie so sehr liebt, auch leben muss.

Peggy Heine ist stolz „auf uns alle“, dass der Auricher Weihnachtszauber nicht abgesagt wurde. „Wir sind wie ein gallisches Dorf.“ Impfen, testen, Maske tragen, Abstand halten, warten: Sie sei beeindruckt, was die Leute auf sich genommen hätten, um einen Glühwein zu trinken. All die Kontrollen und Nachweise. „Ich kenne jetzt alle mit Namen. So viele Ausweise und so viele Handys habe ich noch nie gesehen.“

„Schön, dass ihr da seid“

Der Zuspruch der Besucher habe gutgetan. „Schön, dass ihr da seid“, habe sie immer wieder gehört. Viele hätten großzügige Trinkgelder gezahlt. Sie habe bei den Kunden Dankbarkeit gespürt, sagt die 42-Jährige. „Sie haben ein Stück von ihrem Leben zurückbekommen und wir auch.“ Es sei ein Gewinn für beide Seiten gewesen, vor und hinter dem Tresen. Die Leute seien nicht so hektisch wie früher, sie seien ruhiger und geduldiger. Wenn zum Beispiel ein Getränk mal nicht vorrätig gewesen sei, weil sie nicht so große Vorräte bestellt hatten wie in Nicht-Pandemie-Zeiten, hätten die Leute Verständnis gezeigt.

Sascha junior (von links), Sascha, Sally und Peggy Heine servieren hausgemachten Julischka. Foto: Ortgies
Sascha junior (von links), Sascha, Sally und Peggy Heine servieren hausgemachten Julischka. Foto: Ortgies

Den meisten Gästen gehe es nicht darum, Party zu machen oder sich zu betrinken. Sie wollten einfach mal wieder abschalten, ein Stück Normalität erleben, eine Bratwurst essen und die Kinder Karussell fahren lassen, zusammenstehen und sich unterhalten. Dieses Bedürfnis hätten die Leute im Lockdown nicht verloren. „Wir werden noch gewollt.“ Eine Kundin habe es auf den Punkt gebracht: „Man kann sich noch so oft einen Glühwein zu Hause machen, es ist nicht dasselbe.“

„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“

Trotz aller Probleme kommt Aufgeben für Sascha und Peggy Heine nicht infrage. Sie sind in letzter Zeit häufiger von Kunden gefragt worden, ob sie sich keinen anderen Job vorstellen könnten. Das können sie nicht. Beide stammen aus Schaustellerfamilien und lieben ihren Beruf. „Es ist einfach schön, den Leuten ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern“, sagt Sascha Heine. Das sei mit Geld nicht zu bezahlen. Den meisten Kollegen gehe es ebenso. Manche machten zwischendurch andere Jobs, um sich über Wasser zu halten, doch sobald sie die Gelegenheit bekämen, ziehe es sie wieder auf Märkte und Volksfeste.

Die Liebe zum Beruf hat sich trotz der Pandemie auf die nächste Generation der Familie Heine übertragen. Sally (17) und Sascha junior (13) wollen in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Trotz aller Corona-Widrigkeiten. „Ich denke, ich bleibe dabei“, sagt Sascha. „Was die Generationen meiner Großeltern und Eltern aufgebaut haben, möchte ich nicht hinschmeißen.“ Sally sieht es ähnlich: „Wie die Leute sich gefreut haben, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Egal, wie viele schwere Zeiten wir noch durchstehen müssen.“

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