Berlin

Der Abend, an dem Gottschalk DSDS den Todesstoß gab

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 26.12.2021 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Gottschalk sucht den Superstar – und RTL beerdigt DSDS. Foto: TVNOW/Stefan Gregorowius
Gottschalk sucht den Superstar – und RTL beerdigt DSDS. Foto: TVNOW/Stefan Gregorowius
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Gottschalk gibt sein DSDS-Debüt – Bohlen bricht sein Schweigen. Rückblick auf den Abend, an dem das RTL-Casting starb.

Auch wenn Oli Geissen ihn nur mit dem Covid-Grußfuß empfängt: Im übertragenen Sinn geht Thomas Gottschalk trotzdem als großer Umarmer in sein DSDS-Debüt. Angefangen bei Bohlen. Alles ist vergessen und vergeben: die hässliche Quotenkonkurrenz ihrer Samstagabend-Shows und auch Bohlens Versuch, ihn bei „Wetten, dass.. ?“ buchstäblich zu erwürgen. Gottschalk wischt das alles vom Tisch. „Auch Titanen können stürzen“, sagt er nun weise und zitiert dann mehr oder weniger wörtlich das Presse-Statement, mit dem er DSDS kurz vorher übernommen hatte. Weil der Torwart-Titan Kahn keine Zeit habe, springe nun eben er ein, als letzter der drei Titanen.

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„Show-Titan“? Wer ist der „Show-Titan“?

Das Ganze scheint eine offizielle Sprachregelung zu sein. Auch Geissen bezeichnet Gottschalk mehrfach als „Show-Titan“. Wobei nie ganz klar ist: Will er damit dem geschassten „Pop-Titan“ einen reinwürgen? Oder sollen die DSDS-Fans über eine vertraute Analogie an das kulturhistorisch bedeutende Phänomen Gottschalk herangeführt werden? Wie auch immer: Der Ersatzmann wünscht Dieter Bohlen alles Gute; und sicherheitshalber ergänzt er: „Das meine ich auch so.“ Man glaubt es. Auch wenn ihm später, im Kandidatengespräch, doch noch ein Witz auf Bohlens Kosten rausrutscht: „Dass ich hier sitze, bedeutet nicht, dass im wirklichen Leben auch das Gute gewinnt.“ Haha. Volltreffer.

Auch den DSDS-Kandidaten tritt Gottschalk als Unterstützer entgegen. Erstens, sagt er, hat er die schlechten Sänger der Casting-Runde sowieso verpasst. Zweitens ist das Land zerstritten genug. Am Jury-Pult will Gottschalk deshalb ein Mutmacher sein. So richtig klappt es nicht. Er gibt zwar wirklich jedem etwas Nettes mit auf den Weg. Weil ihm die Show absolut fremd bleibt, sind seine Worte trotzdem vor allem desillusionierend. Ohne Bohlen muss den Kandidaten alles völlig sinnlos vorkommen. Es ist, als ob Opa den TikTok-Auftritt der Enkel lobt: Gottschalk weiß nicht, was läuft, und betont es in jedem Satz. Mal onkelt er die Kandidaten mit der Frage nach ihrem Alter an, mal scherzt er über die ulkige Mode von heute. Dann erinnert er daran, dass er selbst auch mal mit einem Rap in den Charts war - und zwar 1980.

Wisst ihr noch, vor 40 Jahren?

Überhaupt, die 80er: Sie sind Gottschalks große Zeit, und auch sein großes DSDS-Thema. Als ein Kandidat den Richard-Marx-Oldie „Right Here Waiting“ singt, freut Gottschalk sich: „Ich kenn Richard Marx, ich kenn den sogar ganz gut. Das war in den 80ern ein Hit.“ Außer ihm kennt ihn vermutlich keiner mehr, und sogar das spricht Gottschalk aus: Eine Kandidatin, die privat Hits der Ära covert, nimmt er beiseite: „Wir beiden sind die einzigen, die Blondie und Kim Wilde noch kennen.“ Kaum hat er sie erwähnt, kommen Erinnerungen hoch - an eine Zeit, als man im Tanzschuppen noch das eigene Wort verstand. Gottschalk spöttisch: „Heute schickst du irgendeine Message, wenn du was willst.“

Thomas Gottschalk ist unbestritten eine Fernsehlegende. Bei DSDS agiert er allerdings wie ein Midas der Vergangenheit, dessen Berührung alles in graue Geschichte verwandelt. Selbst Oli Geissen fühlt sich in seiner Nähe alt, philosophiert über die Gepflogenheiten der „Teenie-Szene“ und zweifelt an seiner Attraktivität für „junge Menschen“. Womöglich zu Recht. Unter den jungen Menschen auf Twitter sammelt am Samstagabend jedenfalls die Forderung viele Likes, Karl Lauterbach für DSDS zu gewinnen.

Erster Post seit Wochen: Bohlen lebt!

Während der 70-jährige Gottschalk über Textmessages seufzt, kontert Bohlen, auf dem Papier nur drei Jahre jünger, via Instagram. Sein Account hat 1,5 Millionen Follower, denen er kurz vor der Show das erste Lebenszeichen nach dem RTL-Aus sendet. Der Post demonstriert nicht nur Nähe zum Zeitgeist, sondern vor allem Bohlens riesige Eitelkeit. Im Video schwadroniert der RTL-Rentner von „supervielen Angeboten“, die ihn gerade erreichen: „Ich plane Großes und ihr werdet von mir hören.“ Wenn man bedenkt, dass er die Show offiziell gerade wegen einer Erkrankung verpasst, strotzt dieser Mann vor Energie.

Denkmal für Dieter

In seiner Insta-Story fotografiert er dann noch einen „Welt.de“-Beitrag ab, dessen Titel fordert: „Errichtet ein Denkmal für Dieter Bohlen“. Wer immer das Denkmal bezahlt, RTL wird es nicht sein. Mehrfach zeigt der Sender am Samstag den Casting-Aufruf für die kommende Staffel. Der Clip argumentiert ausschließlich mit den DSDS-Erfolgen, von Gold- und Platin-Platten bis hin zum Bravo-Otto. Lauter Rekorde, die - was immer man von ihm denkt - natürlich auf Bohlens Konto gehen. Er hat das alles erst möglich gemacht, als Komponist, Produzent und als Chef-Polarisierer. RTL verbindet es jetzt aber nicht mehr mit ihm, sondern mit dem der Zukunft zugewandten Claim: „Freu dich auf das neue DSDS.“ Als würde alles einfach so weitergehen.

Wer soll das glauben? Wenn DSDS nicht schon mit Bohlens Abgang gestorben wäre, hätte Gottschalks Gastspiel ihm jetzt den Rest gegeben. Das hilflose Instagram-Auftrumpfen des einen und die Verlorenheit, mit der der andere in der Show-Kulisse schwoft - sie senden doch beide dasselbe Signal: DSDS ist vorbei. Was immer hier passiert, ist vollkommen sinnlos. Seit Jahren wurde das Format nur noch von Bohlens Narzissmus zusammengehalten. Und dem hat der Sender gerade einen - zugegeben: befriedigenden - Dämpfer verpasst.

Sendetermin: Am Samstag, 3. April, zeigt RTL das Finale der DSDS-Staffel - noch einmal mit Thomas Gottschalk in der Jury.

Was bisher geschah: Ein Rückblick

DSDS war immer grausam. Aber diesmal ist die Faszination nur noch mit der von Zeitlupenbildern einer kontrollierten Sprengung zu vergleichen. Vor unseren Augen geht ein Koloss der TV-Industrie in die Knie. Jedes Detail ist spektakulär und entsetzlich zugleich.

Zum Geschrei von Shada - einem Kandidaten, der den Freakshow-Charakter von DSDS zum Endpunkt führt - zerstört RTL schon am Anfang der 18. Staffel die eigenen Bilder: Nach Wendlers Verschwörungsworten zum „KZ Deutschland“ verpixelt und zerschneidet der Sender die Show.

Am Ende geht dann Dieter Bohlen und mit ihm implodiert noch ein Monument: Der Mann, der 20 Jahre lang die Schwächsten der Schwachen niederdonnert hat, verzichtet auf eine letzte große Geste und meldet er sich krank wie ein beleidigter Angestellter. Selbst auf Instagram schweigt der, hahaha, Titan. Sein letzter Post ist zwei Wochen alt und zeigt einen clownesken Tanz, bei dem Bohlen sich von Carina als dummer August mit Topfdeckeln vermöbeln lässt.

Das vorletzte Bild ist noch besser - ein Erinnerungsfoto mit J.Lo. Entstanden ist es in der letzten Mallorca-Ausgabe von „Wetten, dass.. ?!“. Vor langer Zeit war das ja mal Bohlens Ehrgeiz: Thomas Gottschalks Schlachtschiff der Unterhaltung torpedieren. Als DSDS dem ZDF noch Zuschauer rauben konnte, hatte Bohlen seinen Rivalen Gottschalk sogar einmal symbolisch erwürgt.

Gottschalk hat gewonnen

Und jetzt holt RTL genau diesen Gottschalk als Ersatzmann, einen Rentner, der sich die Freizeit mit Auftritten bei Joko Winterscheidt und bizarren Final-Shows von „Germany’s Next Topmodel“ vertreibt. Hut ab! So punktgenau hätte man Bohlen nur demütigen können, wenn man DSDS an seine Verflossenen übergeben hätte, an Verona Feldbusch vielleicht oder an Thomas Anders.

Besser konnte man Bohlen nicht demütigen

Dass es RTL um die Blamage ging, ist jedenfalls zu spüren. In der musikalischen Expertise rangiert der Gast-Juror Gottschalk jedenfalls noch hinter Michael Wendler. Immerhin: Vor 20 Jahren hatte auch er mal einen Top-10-Hit. Mit „What Happened to Rock’n Roll“ erreichten „Thomas Gottschalk und Die Besorgten Väter“ Platz 4 der Single-Charts. Die Nummer war - nur mal als Warnung an die DSDS-Finalisten - eine Abrechnung mit der damaligen Gegenwartsmusik. („Wenn meine Kinder Musik machen, gibt’s für mich nichts mehr zu lachen.“)

Wofür steht Gottschalk musikalisch?

Einverstanden mit dem Sound der Zeit war Gottschalk zum letzten Mal 1980. Damals gründete er mit den Kollegen Frank Laufenberg und Manfred Sexauer die Kombo „G.L.S.-United“. Einziger Song des Rap-Trios war ein Cover des Sugarhill-Klassikers „Rapper’s Delight“, in dem jeder der drei singenden Moderatoren dem Pop seiner eigenen Jugend huldigte. Wie hat Thomas Gottschalk sich damals musikalisch selbst verortet? Wir zitieren:

 „Ich steh' auf Boomtown Rats, XTC, Devo, Patti Smith,

Feel Good, AC/DC, Kiss, Blondie und auch Slits!

Ich bin der New-Wave-Man, Nick-Nack-Man, kein Guru, kein Punker, kein Freak.

Leg mich nicht auf irgendwas fest, ich hab die Scheuklappen dick.

Bin kein Spinner, Mann, lass den Flimmerkram, wann tust du dir das endlich rein?

Mensch Manni, Mensch Frank, in der Rock'n'Roll-Zeit da war ich noch viel zu klein.

Der gute Discomann, so dann und wann, da bin ich immer dabei.

Schau die Girls mir an auf der Rollerbahn, das gibt mir 'nen bombigen Drive

Ich sag bamschubidua, suck it to me, Babe, I need you by my side

Und dann schubidubiduwap, abapbapschuwap ist Musik der neuen Zeit

Kein Honky Tonk, kein Geigensound, ein Knaller muss es sein!

Und bei gutem Rock, bei Rock'n'Roll, da passt auch Maffay rein!

Yeah!“

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