Nabu-Negativ-Preis verliehen
Emden als deutschlandweites „Symbol für veraltete Siedlungspolitik“
Am Montag hat der Naturschutzbund seinen jährlichen Negativ-Preis an ein Projekt in Emden vergeben. Es geht um das geplante Baugebiet Conrebbersweg-West. Die Stadt hält mit Argumenten dagegen.
Emden - Über diese Auszeichnung freut sich die Stadt Emden nicht: Am Montag hat Rainer Kinzel, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung und Umwelt, dennoch den „Dinosaurier des Jahres“ entgegengenommen. Dieser Negativ-Natur-Preis vom Naturschutzbund Nabu wird jährlich an Personen oder Projekte vergeben, deren Umgang mit Umwelt- und Klimaschutz nach Einschätzung des Nabu nicht mehr zeitgemäß ist. Emden wird für das seit Jahren geplante Mega-Baugebiet Conrebbersweg-West „ausgezeichnet“. Dort sollen knapp 55 Hektar Grünfläche versiegelt werden. Das entspricht in etwa 77 Fußballfeldern.
Was und warum
Darum geht es: Die Stadt Emden bekommt viel Aufmerksamkeit wegen eines geplanten Baugebiets.
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, die zu dem geplanten Baugebiet eine Meinung haben, Naturinteressierte
Deshalb berichten wir: Der Naturschutzbund hatte uns über die Preisverleihung informiert. Wir waren morgens bei der Verwaltung mit dabei und haben am Pressegespräch teilgenommen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Projekte wie diese gebe es zwar auch in anderen Bundesländern, sagte Stefan Petzold, Nabu-Referent für Siedlungsentwicklung, in einem Video-Pressegespräch nach der Preisverleihung. Emden sei von der Nabu-Jury stellvertretend für die Naturzerstörung durch Bodenversiegelung in ganz Deutschland ausgewählt worden. Denn: In Emden komme noch hinzu, dass die angedachte Fläche - jetzt artenreiches Feucht- und Nassgrünland - für die Umwelt besonders wertvoll sei. „Es ist eines der aus Naturschutzsicht wertvollsten Gebiete in Emden“, sagte Jan Schürings, Leiter der NABU-Regionalgeschäftsstelle Ostfriesland. Das sei durch einen Landschaftsrahmenplan auch behördlich festgestellt worden. 14 gefährdete Pflanzenarten, rund 20 Prozent der deutschlandweit auftretenden Vogelarten, Fledermäuse, Amphibien und Libellen hätten dort ihren Lebensraum. „Es ist ein Frevel, diese Fläche für die Bebauung freizugeben“, sagte Dr. Holger Buschmann, Landesvorsitzender Nabu-Niedersachsen.
Flächenverbrauch pro Person immer größer
Man habe sich nach „intensiven Diskussionen“ von in der letzten Runde sechs Projekten aus den genannten Gründen für Emden entschieden, so Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger. Man müsse dem „Flächenfraß Einhalt gebieten“. Wenn im gleichen Tempo wie bisher weitere Flächen für Bauprojekte versiegelt werden, komme man deutschlandweit bis 2050 dabei auf ein Gebiet von der Größe des Saarlands. Dass immer mehr gebaut werde, habe nichts mit einem Bevölkerungswachstum, sondern einem Wohlstandswachstum zu tun, betonte er. Der Flächenverbrauch pro Person werde immer größer.
Auch in der Stadt Emden, die mittlerweile unter der 50.000-Einwohner-Grenze ist, sei kein „gravierender Zuwachs zu erwarten“, meint Stefan Petzold. Statt mehr Flächen zu versiegeln, könne man also besser bereits vorhandene Gebäude besser nutzen. Er spricht von Supermarktdächern, die man bebauen könnte, oder Gebäuden, die eventuell noch aufgestockt werden könnten. Auch Gewerbegebäude, die nicht mehr genutzt werden, könnten für Wohnungen verwendet werden.
Stadtverwaltung kontert
Obwohl Rainer Kinzel den Preis für die Stadt angenommen hat, stellte er vor Ort direkt klar: „Ich akzeptiere Ihre Meinung, wir haben aber eine andere Auffassung.“ Auf fünf Seiten beschreibt die Verwaltung, dass die Stadt mit dem geplanten Siedlungsgebiet eine „nachhaltige Stadtentwicklungsstrategie“ verfolge. Emden sei mit 34.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen der „Jobmotor der Region“. Rund 16.000 der Arbeitskräfte würden einpendeln - aus zum Teil 20 bis 40 Kilometern entfernten Ortschaften. Es sei also nachhaltig, in der Stadt der Arbeitsplätze auch Wohnplätze zu schaffen, damit die Einpendler weniger werden.
Das Baugebiet selbst soll nach den neuesten Umweltstandards gebaut werden - mit Photovoltaik-Flächen auf jedem Dach, einem Verbot von fossilen Brennstoffen und energieoptimierten Wärmelösungen für jeden Raum, heißt es auf der eigens für das Baugebiet eingerichteten Website. „Das ist auch sehr lobenswert, es gleicht den Flächenverlust aber nicht aus“, sagt Jan Schürings. „Beim falschen Standort hilft das beste Produkt nichts“, meint auch Krüger. Buschmann erklärt, dass durch das Abtragen des Torfs auf der Fläche Co2-Gase freigesetzt würden. Dadurch werde mehr umweltgefährdende Stoffe in die Luft abgelassen als später eingespart werden könnten.
Erste Bauplätze sollen erschlossen werden
Durch den Preis hoffe man, einen Ansporn für Emden und anderen Städte zu geben, ihre Planungen noch einmal zu überdenken, so Schürings. Es könne ein Anlass sein, sich mehr auf die Dinge zu konzentrieren, die die Stadt schon gut mache - etwa mit einem Baulückenkataster oder dem Förderprogramm „Jung kauft Alt“, das eingestellt wurde. Überall in Ostfriesland würden neue Baugebiete ausgewiesen. Es könne nicht sein, dass man in einem Wettstreit um Einwohner mehr und mehr Fläche verbrauche. Man müsse sich regional und auch landesweit besser absprechen.
In Emden dürfte der Preis nicht mehr viel bewirken. Der Bebauungsplan ist schon beschlossen, eine Baustraße eingerichtet, die ersten 100 Bauplätze sollen ab März/April erschlossen werden. Ab Januar sollen die ersten Grundstücke verkauft werden. Die Resonanz war bislang groß. In den vergangenen Jahren hatten sich nach Angaben der Verwaltung rund 1200 Interessenten auf einer Liste eingetragen. Wie viele nun tatsächlich (noch) bauen wollen, muss noch geklärt werden.
Seit 1993 wird der Nabu-Preis verliehen. Im vergangenen Jahr ging er an das Autobahnprojekt „A26 Ost“ in Hamburg. Zuvor war der Preis nur an Personen vergeben worden – etwa an Philipp zu Guttenberg, ehemals Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW), Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV) und Ilse Aigner (CSU), vormals Bundeslandwirtschaftsministerin.