Geschäftsleben
Erneut verabschiedet sich ein Kaufmann aus der Osterstraße
Nach 20 Jahren hat Ramona Lorenz von Ubbos Backhuus ihre Filiale an der Osterstraße in Aurich geschlossen. Der Standort sei schlecht, hieß es. Doch sie will wieder in die Innenstadt zurückkehren.
Aurich - An der Ecke Osterstraße/Rathauspassage ist in diesen Tagen eine Tradition zu Ende gegangen. Seit 1848 gab es in dem Gebäude mit der Nummer 6 eine Bäckerei. Über fünf Generationen ist der Betrieb von der Familie Hippen geführt worden, und zwar bis Ende 1999. Dann übernahm Ubbo Lorenz von Ubbos Backhuus das Ladenlokal, nachdem sich Jutta und Nikolaus Hippen zur Ruhe gesetzt hatten und keines ihrer Kinder den Betrieb übernehmen wollte. Fast 20 Jahre lang konnte man in dem Bäckereifachgeschäft mit angeschlossenem Café Snacks zu sich nehmen und Backwaren verzehren. Eigentümer der Immobilie war bis vor zwei Jahren die Stadt Aurich, die im ersten Stock des Gebäudes auch Beratungszimmer für die Fraktionen bereithielt.
Mit dem Verkauf des Geschäftshauses an einen Privatmann ist die Miete erhöht worden. Nach Angaben der Backhuus-Chefin Ramona Lorenz um zehn Prozent. Das habe in Verbindung mit der Corona-Pandemie und dem dadurch bedingten geringeren Umsatz zu der Entscheidung geführt, die Filiale aufzugeben. „Außerdem ist der Standort schlecht. Wir wollten das Ladenlokal an der Osterstraße bereits vor Jahren aufgeben, haben uns dann aber breitschlagen lassen, doch noch weiterzumachen“, sagte Ramona Lorenz.
19 Filialen in Ostfriesland
Durch die Corona-Pandemie habe sich die Situation verschärft. Es ziehe nach ihrer Beobachtung kaum noch Menschen in die Innenstadt. Viele erledigten ihre Einkäufe im Internet. Sollte sich die Situation ändern, wolle sie gerne wieder in die Innenstadt zurückkehren. Ubbos Backhuus verfügt derzeit über 19 Filialen in ganz Ostfriesland verteilt. Das Unternehmen beschäftigt laut Angaben auf der Homepage 120 Mitarbeiter.
Die Kritik von Einzelhändlern am Standort Osterstraße greift immer stärker um sich. Derzeit stehen dort einige Ladenlokale leer. Der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins (KV), Udo Hippen, kritisiert die Entwicklung: „Als Kind der Osterstraße − meine Familie führte dort Stadtbäckerei − kann ich sagen, dass ich die aktuelle Entwicklung der Einkaufsstraße sehr bedauere. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen und die Osterstraße grundsätzlich abschreiben. Ganz im Gegenteil: Das angekündigte Engagement privater Investoren und die Aussicht, dass sich Kunstschule und Machmit-Museum dort niederlassen, gibt berechtigte Hoffnung auf Besserung.“
„Verfehlte Politik der Stadt“
Grundsätzlich hält er die jetzige Situation der Osterstraße für „das Ergebnis einer völlig verfehlten Stadtentwicklungspolitik in diesem Bereich“. Die Stadt Aurich habe vor rund zehn Jahren in der Hoffnung, mit der aus Leer stammenden Bünting-Gruppe diesen Innenstadtzug zu entwickeln, mehrere Immobilien dort aufgekauft. Als sich dieses Vorhaben aufgrund der fehlenden politischen Mehrheit nicht habe umsetzen lassen, sei die Osterstraße aus dem Blickfeld gefallen Der Chef des KV ist aber sicher, dass es dort Potential für ein deutlich besseres Image gibt.
„Wir haben das Problem auf dem Schirm und gehen es an“, sagte Vicki Janssen. Die City-Managerin ist am 1. November von der Stadt eingestellt, um Aktionen gegen die Verödung der Innenstadt umzusetzen. Sie ist bereits tätig geworden und hat die Fenster eines nicht belegten Ladenlokals mit historischen Fotos der Osterstraße beklebt. Auf denen ist teilweise zu erkennen, dass dieser Teil der Innenstadt bis vor 20, 30 Jahren eine mit inhabergeführten Geschäften und Handwerkerbetrieben gut ausgestattete Einkaufs- und Bürgerstraße war. Vielfach gaben die Geschäftsführer aus Altersgründen einer nach dem anderen auf. Nachfolger ließen sich nicht finden.
Konzentration von Betrieben
Stefan Meyer wünscht sich, dass es in Ostfriesland eine „gesunde Mischung“ an Filialbetrieben und kleinen Geschäften gibt. Für den Obermeister der ostfriesischen Bäckerinnung ist aber auch klar, dass diese Balance sehr schwer herzustellen sein wird. „Der Trend geht hin zur Konzentration von Betrieben“, sagt er. Er selbst führt in Horsten (Gemeinde Friedeburg) ebenfalls einen kleinen Bäckereibetrieb, weiß also, wovon er redet. Dass seine Kinder den Laden mal übernehmen, sei mehr als unwahrscheinlich. „Als ich meine damals 16-jährige Tochter vor vier Jahren mal danach gefragt habe, hat sie nur gesagt: ,Papa, so dumm wie du, nur zu arbeiten, bin ich nicht.‘“
Als kleiner Betrieb sei man eben Allrounder, müsse alles stemmen: Produktion, Verwaltung, Personal. Sein Vorteil: Er könne rasch auf individuelle Wünsche eingehen. Wenn zu ihm, wie es vor Weihnachten passiert ist, eine Kundin komme und eine mit Rum getränkte Torte inklusive Kirschen haben wolle, sei das kein Problem. „Das schiebe ich dazwischen. Die Frau kriegt ihren Wunsch erfüllt“, sagt Stefan Meyer. Das sei in einer Großbäckerei nicht möglich. Da müsse man eben Brot und Kuchen von der Stange nehmen.