Wegen Pandemie

Immer mehr Menschen in Emden suchen Schuldnerberatung auf

| | 29.12.2021 10:11 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Immer mehr Menschen suchen in Emden die Schuldnerberatung auf. Dabei liegt die Überschuldung in der Stadt laut aktueller Zahlen auf einem Tiefstand. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa
Immer mehr Menschen suchen in Emden die Schuldnerberatung auf. Dabei liegt die Überschuldung in der Stadt laut aktueller Zahlen auf einem Tiefstand. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa
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Die Awo in Emden hat eine Schuldnerberatung eröffnet, weil die Nachfrage in der Stadt immer größer geworden ist. Das Paradoxe: Die Anzahl der Überschuldeten ist trotz Corona auf Rekordtief.

Emden - Die Zahl der überschuldeten Menschen in Emden, die Beratung wünschen, nimmt immer mehr zu. Die Corona-Pandemie hat den Trend noch beschleunigt. Das beobachten Schuldnerberater Holger Janssen und Sozialarbeiterin Kerstin Mencke von der Emder Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Der Bedarf wird immer größer“, sagt Mencke. Viele würden kurzfristig Beratung wünschen, die große Nachfrage habe die Wartezeiten aber zum Teil auf bis zu vier Monate verlängert. Deswegen gibt es seit dem Sommer das neue Awo-Beratungsangebot, das sich speziell an Menschen mit Geldsorgen wendet.

Was und warum

Darum geht es: Viele Menschen sind in Emden überschuldet und brauchen Hilfe.

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, die sich für die Finanzlage ihrer Mitmenschen interessieren oder selbst Hilfe brauchen

Deshalb berichten wir: Wir wollten die neue Beratungsstelle der Awo vorstellen und konnten bei dem Pressegespräch auch mit einem jungen Mann sprechen, der in einer kniffligen Lage war.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Zuvor hatte es das Angebot nur bei der vom Land geförderten Stelle bei der Diakonie und der privaten Schuldnerberatung ADN gegeben, die allerdings kostenpflichtig ist. Das Land hat bislang nur die Kosten für einen Schuldnerberater pro 50.000 Einwohner gefördert. „Der Schlüssel hat sich jetzt geändert“, so Mencke. Es könne auch einfach nicht sein, dass jede Stadt denselben Förder-Schlüssel habe. Gerade Menschen, die finanziell schlechter gestellt sind, würden häufig den Weg in die nächstgrößte Stadt suchen - in Ostfriesland also nach Emden als Mittelzentrum ziehen. „Eine Beratungsstelle reicht ja offensichtlich nicht aus“, merkt sie an. Bei der Awo habe es auch in Corona-Zeiten durchgehend ein Hilfsangebot und Beratungskurse gegeben, sagt sie. Von denjenigen, die beim Jobcoaching mitmachen, seien vor der Pandemie rund 40 Prozent überschuldet gewesen, „jetzt sind es 90 Prozent“, sagt Kerstin Mencke.

Überschuldungs-Paradox: Historischer Tiefstand trotz Corona

Obwohl die Schuldnerberater in Emden alle Hände voll zu tun haben, lassen es die Zahlen nicht vermuten. Denn: Laut dem Schuldneratlas gelten „nur“ 13,07 Prozent der Emder als überschuldet. Das ist der geringste Anteil seit 2016. Und: Auch die Anzahl der Privatinsolvenzen ist in diesem Jahr gesunken. Es sind laut dem Statistischen Landesamt Niedersachsen nur 103, im vergangenen Jahr waren es 111. Bundesweit liegt ein Überschuldungs-Paradox mit einem historischen Schulden-Tiefstand trotz Corona vor, wie es in einem Bericht von Creditreform heißt, das den Schuldneratlas herausbringt. Die Folgen der Pandemie seien bei der Überschuldung nicht akut spürbar, sondern würden zeitverzögert und mit Langzeitwirkung auftreten, erklärt ein Experte.

Als überschuldet gilt man, wenn man vorhandene Schulden langfristig nicht mehr abbezahlen kann, sich die Beträge also nur noch weiter häufen. „Hätte ich keine Hilfe, wäre ich jetzt sehr überschuldet“, sagt Marcus Janßen im Gespräch mit dieser Zeitung. Der 18-jährige Emder musste schnell eine Wohnung finden und eine Arbeit, weil er bei seinem Vater nicht mehr wohnen konnte. „Ich habe keine Ahnung von Papierkram“, sagt er. Wie läuft das mit dem Kindergeld? Dem Wohngeld? Der Jobsuche? In Pandemie-Zeiten war anfangs kaum Beratung möglich, die sonstigen Anlaufstellen waren geschlossen. Marcus Janßen berichtet, dass er Monate auf eine Rückmeldung vom Jugendamt gewartet habe.

Jugendliche wegen Corona-Bußgeldern verschuldet

Und: Alle Formulare müssen digital ausgefüllt werden, dafür braucht es aber meist einen Computer, das Handy reicht nicht, erklärt Kerstin Mencke. „Ist die Technik nicht da und füllt man die Formulare nicht aus, wird das Geld gestrichen.“ Hinzukommend sei es im Bürokratie-Dschungel Deutschland häufig schwierig, die richtigen Dokumente für das jeweilige Anliegen zu finden und diese richtig auszufüllen. Die Sozialarbeiterin beobachtet häufig, dass der Frust und die Angst irgendwann so groß werden, dass Briefe einfach nicht mehr geöffnet werden. „Ich habe Fälle, da haben sich über Jahre fünf Kartons mit Post angesammelt“, sagt sie. Irgendwann kommen die Gläubiger und Gerichtsvollzieher. Schlimmstenfalls droht eine Beugehaft, sagt Holger Janssen.

Die Gründe für eine Überschuldung seien sehr unterschiedlich, so der Schuldnerberater. Zu der „Komplexität von Anträgen“ an Ämter komme beispielsweise der gesellschaftliche Druck und der Konsumzwang. Viele Unternehmen werben damit, dass man Ware erst nach 100 Tagen zahlt. Die Werbung suggeriert, dass man ein Produkt jetzt sofort und das auch noch günstig bekommen kann. In Corona-Zeiten hätten außerdem viele Menschen angefangen, ihr Zuhause zu renovieren. Dabei seien viele auf Kurzarbeit und hätten später sogar ihren Job verloren. Einigen wollten sich und ihren Kindern nach dem Lockdown etwas gönnen: etwa mit einem Urlaub, der dann auch mehr kosten durfte. Und: „Immens viele Haustiere“ seien angeschafft worden, beobachtet Kerstin Mencke. Die kosten Geld, man trägt Verantwortung und ist weniger flexibel, was die Arbeit angeht. Bei Jugendlichen fällt ihr auf: Waren viele vor der Pandemie wegen Handy-Verträgen verschuldet, seien jetzt Corona-Bußgelder bei einem „hohen Anteil“ der Betroffenen der Hauptgrund. Habe man sich mal mit einem Kumpel zu viel getroffen und wurde dabei erwischt, seien schnell Bußgelder in Höhe von 150 Euro und mehr fällig geworden. „Es kommen dann mehrere Dinge zusammen“, sagt sie.

„Vieles ist den Leuten einfach nicht bekannt“

Je früher Betroffene sich mit ihren Geldsorgen an Beratungsstellen wenden, desto besser, betont Mencke. Wenn sich noch nicht so viele Schulden angesammelt hätten, könne man meist schnell helfen. Aber auch bei hohen Beträgen - sie nennt einen Fall, bei dem sich über 20 Jahre rund 45.000 Euro Schulden angesammelt haben - könne viel getan werden. „Vieles ist den Leuten einfach nicht bekannt“, sagt die Sozialarbeiterin. Etwa, dass man sich rückwirkend für drei Jahre von den Rundfunkgebühren befreien könne. Gemeinsam würden die sich angesammelten Briefe geöffnet, mit Vermietern und Gläubigern gesprochen. Es werde geschaut, welche Gelder man beantragen könne. Wenn absolut kein Geld mehr da und die Privatinsolvenz der einzige Weg sei, werde auch diese Phase betreut.

Marcus Janssen hat eine Wohnung gefunden und ist nach einem Rückschlag auf dem Arbeitsmarkt jetzt wieder in der Bewerbungsphase. 25 Bewerbungen habe er verschickt. „Ich habe Ziele im Kopf und jetzt weiß ich, wie ich diese erreichen kann“, betont er.

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