Diskussion in Leer
Muss die Bavinkstraße umbenannt werden?
Wolfgang Kellner hat zum Leeraner Naturwissenschaftler Bernhard Bavink geforscht. In einem neuen Buch kommt der Ex-Bürgermeister zur Erkenntnis, dass Bavink strammer Nationalsozialist war.
Leer - Muss die Bavinkstraße in Leer demnächst umbenannt werden? Zumindest eine Diskussion darüber wünscht sich der Leeraner Ex-Bürgermeister und Buchautor Wolfgang Kellner. Er kommt zu diesem Entschluss aufgrund einer dreijährigen Recherche zu seinem neuesten Werk. In „Vergiftetes Denken“ zeichnet er den Weg der nationalistischen Radikalisierung eines Leeraner Gelehrten nach: dem Naturphilosophen Bernhard Bavink.
Was und warum
Darum geht es: Wolfgang Kellner hat ein wissenschaftliches Buch über Bernhard Bavink geschrieben. Nach dem ist in Leer eine Straße benannt, Kellner deckt auf, dass der Wissenschaftler Nationalsozialist war.
Vor allem interessant für: Leeraner und Geschichtsinteressierte.
Deshalb berichten wir: Immer wieder gibt es Diskussionen über Umbenennungen von Straßen, weil die Namensgeber überzeugte Nationalsozialisten waren oder andere historische Verbrechen verübten. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Der Physiker wurde 1879 in Leer geboren und wuchs in der Brunnenstraße auf. Nach dem Abitur studierte er Chemie, Mathematik und Biologie und wurde Lehrer für Naturwissenschaften in Bielefeld. Dort wurde er auch Mitglied eines Netzwerks aus Erbwissenschaftlern. „Er lebte dort in einer geistigen Atmosphäre, in der das Dritte Reich zur Existenz gelangen konnte“, erklärt Kellner, der für sein Buch unter anderem in Bielefeld recherchierte. Dabei stellte der Historiker fest: Es gibt einige eindeutige Anzeichen dafür, dass Bavink ein deutlicher Unterstützer der Nazis war. „Er schaffte innerhalb eines Netzwerkes von Wissenschaftlern, eine geistige Atmosphäre, in der das Dritte Reich zur Existenz gelangen konnte“, so Kellner. Unter anderem beschäftigte sich die Gruppe mit der Frage nach der Rassenlehre. Dabei war Bavink laut Kellner kein aktiver Täter, er schaffte eher die intellektuellen Grundlagen, auf denen die Nationalsozialisten ihre menschenverachtenden Taten argumentieren konnten.
Mitglied der DNVP
In seinem Buch wollte Kellner keine einfache Biografie über den gebürtigen Leeraner erstellen. „Ich wollte eher als Co-Pilot die Radikalisierung nachzeichnen“, sagt Kellner. Dadurch entstünden auch immer wieder aktuelle Bezüge, so der Autor.
Kellner deckt in seinen Recherchen immer wieder Bavinks Nähe zum Nationalsozialismus auf. So sei dieser bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg in die Deutsch-Nationale Volkspartei eingetreten. „Das war ein Sammelbecken von Erzkonservativen im Kaiserreich“, sagt Kellner. Die DNVP vertrat das völkische Denken und bestand auf die Abgrenzung gegenüber Fremden. 1927 kontaktierte Bavink bereits die Bewegung um Adolf Hitler, führte einen steten Briefwechsel mit dem „Braunen Haus“ in München, trat aber offiziell nicht in die NSDAP ein. „Das war explizit so abgesprochen. So konnte er weiterhin als Bürger auftreten und die Propaganda so unterstützen“, sagt Kellner. Er fand sogar Aufzeichnungen darüber, wie sich Bavink darüber beklagt, keine bevorzugte Stellung im Staatsapparat nach der Machtübernahme der Nazis bekommen zu haben, weil er nicht vor 1933 eingetreten war. Kellner macht deutlich: „Die Argumentation, dass es so damals eben war, kann nicht gelten. Es gab auch andere Strömungen und Bavinks Handeln geschah aus Überzeugung.“
Im Bezug auf die Erbwissenschaften war Bavink nach Kellners Erkenntnissen noch weiter als die Nazis. Er argumentierte mit der „Biologie der Politik“. Demnach sei der Staat ein Körper, aus dem man fehlerhafte Organismen entfernen müsse. „Behinderungen gehörten folglich für ihn nicht zu einem gesunden Volkskörper“, beschreibt Kellner die Erkenntnisse. Bavink forschte auch zu Sterilisationen von Frauen via Röntgenstrahlen. „Da ging er sogar weiter als die Nazis“, sagt Kellner. Die Recherche habe ihn manches Mal schlaflose Nächte bereitet. „Das macht einen bei aller wissenschaftlichen Distanz schon wütend“, sagt Kellner.
Der Ex-Bürgermeister ist nicht der erste, der sich mit der Rolle Bavinks auseinandersetze. Bereits in den 1990er-Jahren gab es hitzige Debatten in Bielefeld um den Naturphilosophen. Dort war nach dessen Tod seine ehemalige Schule, das Mädchengymnasium Auguste-Viktoria-Schule, in „Bavink-Gymnasium“ umgetauft worden. Nachdem bereits 1991 erste Stimmen laut wurden, die Schule umzubenennen, wurde 1996 beschlossen, den Namen in „Gymnasium am Waldhof“ erneut zu ändern. „Diese Diskussion ist an Leer offenbar komplett vorbeigegangen“, sagt Kellner. Er hofft nun nach dem Bekanntwerden der neuen Erkenntnisse, dass zumindest über den Fortbestand des Straßennamens debattiert wird.
- Das Buch „Vergiftetes Denken“ von Wolfgang Kellner ist im Tredition-Verlag erschienen (ISBN 978-3-347-49461-9) und kostet 20 Euro.