Religion

Auf Ostfrieslands Kirchen rollt eine Ruhestandswelle zu

Martin Teschke und Stefanie Witte
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Von Martin Teschke und Stefanie Witte
| 03.01.2022 18:27 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Künftig wird nicht mehr jede Pfarrstelle sofort wieder besetzt werden können. Das dürfte sich auch auf die Gottesdienste auswirken. Foto: Stratenschulte/dpa
Künftig wird nicht mehr jede Pfarrstelle sofort wieder besetzt werden können. Das dürfte sich auch auf die Gottesdienste auswirken. Foto: Stratenschulte/dpa
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Wie bei Hausärzten im ländlichen Raum fällt nun auch bei Pastoren der demografische Wandel immer stärker ins Gewicht. Die Kirchen finden gerade einen eigenen Weg, mit dem Problem umzugehen.

Ostfriesland/Hannover - Die viel zitierte demografische Entwicklung ist auch bei den Kirchen in Ostfriesland angekommen. Konkret: Es wird künftig noch schwieriger werden, freie Pfarrstellen wieder zu besetzen, weil in den nächsten Jahren viele Pastoren in den Ruhestand gehen werden, ohne dass genügend Nachwuchs in den Startlöchern stünde. Das stellt die christlichen Gemeinden vor ganz neue Herausforderungen.

„Es setzen jetzt Wellen von Pensionierungen ein“, sagte Detlef Klahr unserer Redaktion am Montag. Klahr ist in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Regionalbischof für den Sprengel Ostfriesland-Ems mit Sitz in Emden. Seine Prognose: „Es wird schwer, jede Pfarrstelle sofort wieder zu besetzen.“ Es werde zunehmend Vakanzen geben. Die Aufgaben der Pfarrer müssten neu aufgeteilt werden. Die gewünschte Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit etwa könne doch auch ein Team mit mehreren Geistlichen einlösen. Eine Herausforderung, die es durchaus in sich hat: Immerhin umfasst der Aufgabenbereich des Regionalbischofs sechs Kirchenkreise mit 156 Gemeinden und rund 310.000 Christen.

Alle Bereiche vom Mangel betroffen

Vor den gleichen Problemen steht die Präsidentin der Evanglisch-reformierten Kirche, Susanne Bei der Wieden, in Leer. „Wir gehen auf einen großen Pfarrerinnen- und Pfarrermangel zu, weil viele in den Ruhestand gehen und wenig Nachwuchs nachkommt“, sagte Bei der Wieden kurz vor Weihnachten im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dieser Nachwuchsmangel betrifft auch den Bereich der Gemeindeassistenzen, also Jugendreferentinnen und Jugendreferenten, Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen.“

Die Nöte der Basis sind in der Kirchenführung in Hannover angekommen. „Wir haben Sorgen, Nachwuchs zu kriegen“, bestätigte am Montag Michael Grimmsmann, verantwortlich für die Nachwuchsförderung in der Landeskirche Hannover, der Deutschen Presse-Agentur. „Die Kirche ist gesellschaftlich unter Druck geraten, das ist bei jungen Leuten angekommen.“ Der Pfarrberuf sei nicht mehr so angesehen wie noch in den 70er und 80er Jahren.

Pastoren händeringend gesucht

Wie die Hausärzte in ländlichen Regionen werden auch Pastoren händeringend gesucht. Die niedersächsische Landeskirche beschäftigt nach eigenen Angaben derzeit 1647 Pastoren und Pastorinnen – nicht alle in Vollzeit. Für 2030 geht man von 1213 Geistlichen aus, 2040 nur noch von 1000. Jährlich schieden zuletzt 70 in den Ruhestand aus, etwa 40 rückten nach. „Die Lücke wird größer“, betonte Grimmsmann. Wegen der verringerten Kirchensteuereinnahmen aufgrund des demografischen Wandels, Austritten und der in Rente gehenden Babyboomer-Generation fielen Stellen weg. Einige bleiben einfach frei.

In Ostfriesland gilt der demografische Wandel auch als Chance zur Veränderung. „In meiner Evangelisch-reformierten Kirche beschäftigen wir uns mit konkreten Themen“, sagte Bei der Wieden. „Wir fragen nicht nur: Was heißt Glaube und wie verwalten wir Ressourcen?“ Man überlege auch, wie man sich als Christ glaubwürdig verhalte. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftlich vieles im Argen liege, habe Kirche viel zu sagen: etwa bei der Frage nach dem Umgang mit der Schöpfung, mit bioethischen Fragen, beim Umgang mit Sterbehilfe. Die Kirchenpräsidentin sagte: „Wir müssen interpretieren: Was hat die Bibel zu diesen Fragen heute zu sagen?“

Werbung für Region und Beruf

Regionalbischof Klahr nimmt deshalb die Attraktivität der Region und des Pastorenberufs stärker in den Blick. „Wir leben hier doch in einer Urlaubsregion“, sagte er unserer Zeitung. „Und manch ein junger Mensch liebt eben auch das Ländliche.“ Natürlich werde die Kirche heute ganz anders infrage gestellt als früher, aber der Beruf als Pfarrer berge eben auch eine große Gestaltungsfreiheit. Seiner Meinung nach setzt der Pastorenmangel in Ostfriesland etwas später ein als andernorts. „Es gibt hier eine grundständige Frömmigkeit“, sagte Klahr. „Die Menschen hier wissen, was Zusammenhalt bedeutet.“ Anders als in anderen Regionen seien Kirche und Gesellschaft in Ostfriesland stark vernetzt. Das sei für Berufsanfänger unter den Pastoren attraktiv.

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