Dortmund
Osnabrücker Soziologe: Auf ihn sollten alte weiße Männer hören
Robert Habeck nannte ihn den „schlauesten Soziologen des Landes“. Der Osnabrücker Professor Aladin El-Mafaalani mag wenigen ein Begriff sein. Aber er ist ein Shooting-Star in der Wissenschaft. Und er erklärt, wie in einer immer komplizierteren Welt alle miteinander leben können.
Nach neunzig Minuten Interview raucht Aladin El-Mafaalani noch eine Zigarette bevor es zum nächsten Termin geht. Zur wöchentlichen Sprechstunde für seine Studierenden. Und plötzlich schimmert durch sein hochprofessionelles Auftreten doch ein wenig Stolz. Der Professor, mit 43 Jahren einer der angesagtesten Soziologen des Landes, weist auf die Halle hinter sich und sagt leise: „Hier mache ich übrigens regelmäßig Veranstaltungen. Auch mit Habeck. Da war dann alles voll.“
Bei Präsidenten und der Kanzlerin
El-Mafaalani hat eine steile Karriere hingelegt, scheint immer noch auf dem Weg nach oben: Berufsschullehrer, Abteilungsleiter im Ministerium, jetzt Professor an der Uni Osnabrück. Grünen-Chef Robert Habeck soll ihn als den „schlauesten Soziologen des Landes“ bezeichnet haben. El-Mafaalani wird häufiger als jeder andere Professor seiner Uni in Zeitungen und Zeitschriften zitiert, sitzt in Talk-Shows, hat nach eigenen Angaben die Bundespräsidenten Gauck und Steinmeier beraten sowie mehrere Ministerpräsidenten und Parteien und hielt den Eröffnungsvortrag beim Integrationsgipfel der Kanzlerin. Auf neun Büchern steht sein Name. Manche wurden ins Italienische und Russische übersetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ehrte ihn kürzlich für „herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie“. Öffentliche Wirksamkeit - das könnte ein Abo auf Polit-Talkshows bedeuten. Dann würden vielleicht auch noch mehr Menschen seinen Namen kennen. Aber El-Mafaalani sagt, das sei ihm nicht so wichtig. „Fernsehgeschichten lehne ich häufig ab.“ Wissenschaftliche Auseinandersetzungen reizten ihn eher.
Akademikereltern
Bekannt wurde der Professor mit dem Buch „Das Integrationsparadoxon. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Das stand 2018 mehrere Wochen auf den Bestsellerlisten. Das Thema hat mit El-Mafaalanis Geschichte zu tun. Seine Eltern kamen aus Syrien nach Deutschland, beide Akademiker: der Vater Arzt, die Mutter hat Psychologie studiert. Er sei sehr privilegiert aufgewachsen, sagt El-Mafaalani. 1978 wurde er im Ruhrgebiet geboren. Nach sechs Jahren als Lehrer arbeitete er an unterschiedlichen Hochschulen, leitete eine Abteilung im NRW-Familienministerium. Jetzt beschäftigt er sich mit Migration und Bildung an der Uni Osnabrück.
An diesem Dienstag sitzt er in seiner Wahlheimat Dortmund in einem Kulturzentrum direkt hinter dem Hauptbahnhof. Der Leiter des Hauses hat sich gerade mit coronagerechter Ghetto-Faust vom Professor verabschiedet und ruft jetzt noch hinterher: „Getränke gibt’s da hinten, du kennst dich ja aus.“ Auf einem Chesterfield-Sofa dreht der Professor nun eine Espresso-Tasse hin und her, während er erzählt wie er zur Soziologie gekommen ist.
Seinen Forscherblick, so beschreibt es El-Mafaalani immer wieder, habe er als Teenager entwickelt. Damals habe er seine Freizeit in drei unterschiedlichen Gruppen verbracht: mit Punkern, Hip-Hoppern und Cliquen arabisch-stämmiger Jugendlicher. In jeder Gruppe galt ein anderes Selbstverständnis. So konnte El-Mafaalani vergleichen. Ging es um Gleichstellung, seien die Punks am offensten gewesen; im Hip-Hop waren Frauen eher Anhängsel. „Ich war nicht liberaler oder cooler als die anderen“, sagt El-Mafaalani heute. „ich konnte nur besser vergleichen.“
Im Buch „Mythos Bildung“ geht El-Mafaalani mit dem Hochdruckreiniger durchs Angebot sorgsam gepflegter Stereotype wie dem, Bildungserfolg hänge mindestens ebenso sehr von Migrationshintergründen ab wie vom Einkommen der Eltern. Als Sohn syrischer Akademiker hat El-Mafaalani gelernt, dass das so nicht stimmen kann. Viel wichtiger, so seine Erkenntnis, sei es, wie viel Eltern verdienen und wie gebildet sie sind.
Punk und Hip-Hop treten in dieser Erzählung über die Jahre in den Hintergrund. Was blieb, war das Thema Rassismus. „Es gibt keine zwei Tage ohne dass mir so etwas begegnet“, sagt El-Mafaalani. In einem seiner Bücher schreibt er: „Hautfarbe, Augenform und Haarstruktur sowie der Name, also der Migrationsvordergrund, schränken die Möglichkeiten des Aufgehens in der Masse ein und prägen einen Menschen grundlegend, die Erfahrungen, die er macht, und die Herausforderungen, die er bewältigen musste. Wer Aladin El-Mafaalani heißt, weiß, wovon er redet.“ Was heißt das konkret? Das erzählt der Professor nur, wenn er gezielt danach gefragt wird: „Der Standardbegriff, den ich früher gehört habe, war „Ölauge“.“ Andere fragten: „Was wollen Sie denn noch, wir haben Sie doch aus Syrien aufgenommen.“ Es könne aber auch sein, dass Leute richtig aggressiv würden. Dann gehe es um Unterwanderungsfantasien von einem Muslim, der die Gesellschaft beherrschen wolle. „Bis zur Umvolkung ist es dann auch nicht mehr weit“, sagt El-Mafaalani.
Während diese Anfeindungen referiert, wirkt der Professor alles andere als verärgert, er erzählt es mit ruhiger, distanzierter Dozentenstimme und setzt noch einen drauf: „Ich finde es ok, wenn man sagt, was man meint. Man sollte das soweit wie möglich entmoralisieren.“ Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und Bedrohungen: Macht das denn kein bisschen wütend? El-Mafaalani spricht eher von Scham, als von Ungerechtigkeit. Im Interview mit Tilo Jung erzählte er kürzlich, er habe anders heißen wollen und sich für seine Herkunft geschämt. Aber: „Auch wenn man es unangenehm fand - man musste das ertragen.“
Mit zunehmendem Alter wurde es offenbar nicht besser, eher schlimmer: „Mit 19, 20 Jahren musste ich mir bei der Bundeswehr lauter Schimpfwörter als Spitznamen anhören“, sagt El-Mafaalani. „Am Anfang fand ich das sehr irritierend. Mir war schon klar, dass das rassistisch ist. Aber das war kein Kontext, in dem man das hätte thematisieren können. Das ist ungefähr so, als hätte sich eine Frau 1970 darüber aufgeregt, dass sie Fräulein genannt wird. Bei anderen, die davon betroffen waren, habe ich auch nie bemerkt, dass es mal jemand thematisiert hätte. Das war alltäglich. Deswegen steht für mich auch fest, dass wir heute weniger Rassismus haben als früher.“
Veränderung führt zu Verunsicherung
In seinem Buch zum Integrationsparadox wählt El-Mafaalani die Metapher des Tisches, an dem über Jahrzehnte immer mehr Menschen Platz genommen haben: Am Anfang saßen dort vor allem weiße Hetero-Männer. Nach und nach ergriffen auch andere einen Stuhl: Frauen, Menschen aus anderen Ländern, mit anderen sexuellen Orientierungen. Heute, so El-Mafaalanis Beobachtung, sei die Gesellschaft viel offener. Alle am Tisch dürfen etwas sagen - und sei es nur, dass sie sich durch das gestört fühlen, was ein anderer am Tisch sagt. Viele würden das als Fortschritt bezeichnen. Allerdings führen diese Veränderungen auch zu Verunsicherung, so beschreibt es der Professor. Alte Regelwerke werden aufgebrochen, die Menschen bisher ihren Platz in der Gesellschaft zuwiesen - als Malocher, Mütter, Entscheider. Immer mehr Konflikte und ein zunehmend schriller Ton erwecken den Eindruck, alles werde komplizierter.
Was heißt Meinungsfreiheit?
Aber: Streit versteht El-Mafaalani in Anlehnung an den Soziologen Georg Simmel als hilfreich, sinnvoll, fortschrittsprägend. Bei Simmel heißt es, durch Streit entstehe aus Differenzen Einheit. Bei El-Mafaalani geht es weniger um den Inhalt, als um die Möglichkeit, sich überhaupt zu streiten. Fast schon wichtiger als am großen Tisch der Gesellschaft über Sexismus, Rassismus und Homophobie zu streiten, ist es, wie gestritten wird. „Viele Menschen sagen, es gäbe keine Meinungsfreiheit mehr, meinen aber eigentlich, dass sie kaum noch etwas sagen können, ohne dass ihnen jemand widerspricht“, schreibt El-Mafaalani in seinem Buch.
Damit die fiktive Tischgesellschaft nicht in Faustkämpfen endet, definiert El-Mafaalani zwei Regeln: Man sollte vorsichtig und rücksichtsvoll auf den anderen reagieren und nicht alles skandalisieren. „Reife drückt sich dadurch aus, dass man nicht jede Gelegenheit zum Streiten nutzt. Im Zeitalter der Digitalisierung ist das schwer. Aber wir müssen es lernen.“ Was heißt das für den weißen Mann, der sich nun von allen Seiten attackiert fühlt? El-Mafaalani sieht es so: „Die alte Zeit kommt nicht zurück, es sei denn es wird massiv Gewalt angewendet. Entweder man passt sich an oder man wächst raus.“
Widerstand gegen diese neuen Spielregeln formiert sich beispielsweise in der AfD. Gute zehn Prozent hält die Partei bundesweit in der Wählerzustimmung. El-Mafaalani sieht das gelassen: „Das Verhältnis 90:10 ist doch eigentlich ganz cool. Das muss man in Kauf nehmen.“
Und wie sieht es mit der Karriere des Soziologen aus? Wäre der nächste logische Schritt nicht der in die Politik? El-Mafaalani winkt ab: „Der einzige Ort, an dem ich das Gefühl habe, überdurchschnittlich gut zu sein, ist als Wissenschaftler am Arbeitsort Uni.“ Osnabrück hat er übrigens bewusst gewählt: „Ich wollte unbedingt nach Osnabrück“, sagt El-Mafaalani und klingt ehrlich begeistert. „Hier gibt es das beste Umfeld für Migrationsforschung. Es ist das einzige deutsche Migrationsforschungsinstitut, das die Leute an der Uni Toronto kennen, wo das Thema sehr prominent behandelt wird. Das ist auch in New York so. Man kann Osnabrück nicht aussprechen, aber das IMIS kennt man.“ Das heiße nicht, dass er für immer dortbleiben müsse. „Aber wenn ich bis zur Rente dort bleiben müsste, wäre das nicht schlimm. Das war bislang noch nie so.“
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Ist das realistisch? Jemand, sich mit Erklärungen für einige der größten Probleme in dieser Gesellschaft beschäftigt - will der nicht auch selbst mitgestalten? Vielleicht als Minister für eine offene Gesellschaft, für den besseren Diskurs? „Ich glaube nicht, dass ich dafür der Richtige wäre“, sagt El-Mafaalani. „Ich würde das nicht für alle Ewigkeit ausschließen. Wenn es irgendeine Mission gäbe, wenn etwas durch mich möglich würde, dann vielleicht. Aber nicht, weil Ministersein an sich toll ist. Ich bekomme von Machtspielchen keine Adrenalinschübe. Außerdem brauche ich ein Mindestmaß an Schlaf.“