Serie: Blick ins alte Emden

„Tant‘ Meyer“ war Emdens Pommes-Pionierin am Neuen Markt

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 04.01.2022 16:34 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Imbisswagen „Beköstigungsinsel 2“ hatte seinen festen Standplatz in einer Baulücke am Neuen Markt. Betreiberin Nantke Meyer stand meistens allein darin. Foto: Privat
Der Imbisswagen „Beköstigungsinsel 2“ hatte seinen festen Standplatz in einer Baulücke am Neuen Markt. Betreiberin Nantke Meyer stand meistens allein darin. Foto: Privat
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In den 1960er und den 1970er Jahren war die „Beköstigungsinsel 2“ von Nantke Meyer eine Institution in Emden. Pommes frites gab es damals noch nicht an jeder Ecke – und nur in der Spitztüte.

Emden - Einen Platz im Emder Geschichtsbuch wird sie wohl nicht bekommen, dennoch gilt sie in der Stadt als legendär: „Tant‘ Meyer“ ist für viele ältere Emderinnen und Emder noch ein Begriff. Unter diesem Namen war auch ihr Schnellimbiss bekannt. Der Verkaufswagen, der die Form eines Wohnwagens hatte, stand in den 1960er- und 1970er-Jahren in einer Baulücke am Neuen Markt, die die Bombenangriffe auf Emden während des Zweiten Weltkrieges hinterlassen hatte. Heute gibt es dort immer noch etwas Leckeres zu essen. Denn an der Stelle befindet sich seit fast 40 Jahren das italienische Restaurant „La Trattoria“.

Betrieben wurde der Imbisswagen mit dem Namen „Beköstigungsinsel 2“ von Nantke Meyer, die in der ganzen Stadt besser als „Tant‘ Meyer“ bekannt war. Sie war sozusagen eine Pionierin für Fast Food in Emden. Zu ihrer Zeit hatten die frittierten Kartoffelstäbchen ihren Siegeszug in Deutschland gerade erst begonnen. Sie trugen noch die ursprünglichen französische Bezeichnung Pommes frites. Die eingedeutschte Kurzform Pommes hatte sich noch nicht durchgesetzt, ebenso wenig wie „Mayo“ für Mayonnaise. Und den Snack gab es nur in der Spitztüte.

Pommes waren perfekt frittiert

Der Imbisswagen von Tant‘ Meyer war damals eine Institution in Emden, zumal die Pommes frites nach Meinung der Kundinnen und Kunden als perfekt und goldgelb frittiert galten. „Das Fett wurde alle drei Tage gewechselt und frittiert wurde bei einer Temperatur zwischen 170 und 180 Grad“, erzählte vor einigen Jahren der Sohn Herbert Meyer dieser Zeitung. Er hatte in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre den Betrieb übernommen. Seine Mutter starb 1988 im Alter von 76 Jahren.

Der Imbiss profitierte auch von Kneipengängern, die aus den umliegenden Lokalen und Diskotheken kamen. Zu dieser Zeit gab es noch eine echte „Emder Szene“, die die Vergnügungsmeile rund um den Neuen Markt jeden Abend bevölkerte. Allerdings hatte die „Beköstigungsinsel 2“ nicht bis tief in die Nacht geöffnet. „Wir haben immer gewartet, bis die letzte Vorstellung im Apollo-Kino gegen 22 Uhr zu Ende war“, so Herbert Meyer.

Frikadellen der krossen Art

Eine weitere Spezialität des Imbisses waren Frikadellen. Weil sie so groß waren, kam Nantke Meyer irgendwann auf die Idee, die Hackfleischbälle in mundgerechte kleine Stücke zu schneiden und sie zu frittieren. Damit erfand sie sozusagen die Zubereitungsart der krossen Frikadelle, die es auch heute noch etwa im „Stadtgrill“ gibt.

„Tant‘ Meyer“ führte zu ihrer Zeit zwar ein strenges Regiment in ihrem kleinen Reich, hatte aber auch immer ein nettes Wort für ihre Kunden übrig. Typisch waren ihre Handbewegungen, wenn sie mit viel Gefühl die goldgelben Pommes frites wendete und mit reinem Salz bestreute. Und wenn Ketchup darauf sollte, fragte sie jedes Mal auf Plattdeutsch den Grad der Schärfe ab: „Scharp of neet so scharp?“ - auf hochdeutsch: Scharf oder nicht so scharf?

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