Osnabrück
Letzter Polizeiruf Rostock für Charly Hübner: Tod oder Hochzeit?
Bukow macht „fuck off“. Heute Abend zeigt die ARD den letzten Polizeiruf 110 aus Rostock mit Charly Hübner. Noch einmal höchst sehenswert.
Fernsehsender lieben es, wenn andere Medien ausführlich und vorab über die von ihnen ausgestrahlten Sendungen berichten. Deshalb wurden früher DVDs an Kritiker versandt, seit einigen Jahren unterhalten die Sender nun sogenannte digitale Vorführräume, in denen sich akkreditierte Journalisten ihre Filme ansehen können.
Hier gibt's ein ausführliches Interview mit Charly Hübner
Was ja Sinn macht. Denn zu den Grundsätzen eines jeden ernstzunehmenden Kritikers sollte es gehören, sich Filme, über die er schreibt, auch in voller Länge anzusehen. Nicht selten liefert erst die Auflösung, das Finale ein letztes und entscheidendes Argument dafür, ob es ein guter oder ein schlechter Film ist. Das ist auch der Anspruch, den man als Leser an Kritiker stellen darf. Und genau das wird von einigen Sendeanstalten der ARD mittlerweile zu gewissen Anlässen boykottiert.
Pressevideo ohne das Finale
Den Anfang machte vor knapp einem Jahr der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), als Maria Simon ihren Dienst als Ermittlerin Olga Lenski im Polizeiruf 110 quittierte. Journalisten, die sich die finale Folge „Monstermutter“ vorab im Vorführraum der ARD ansehen wollten, rieben sich damals verwundert die Augen: Sie bekamen den Krimi nur ohne die letzte Viertelstunde zu sehen. Hintergrund war offenbar die Tatsache, dass ein Kritiker bei einer vorherigen Folge „gespoilert“, also dem Publikum den Ausgang der Story verraten hatte.
So war der letzte Polizeiruf mit Maria Simon
An der Reaktion des rbb hat man offenbar beim NDR Gefallen gefunden: Auch „Keiner von uns“ der letzte Auftritt von Charly Hübner im von Kritikern wie Publikum gleichermaßen geschätzten Polizeiruf 110 aus Rostock wurde ohne die letzte Viertelstunde in den Vorführraum gestellt. Von Angst vorm Spoilern will man beim NDR im Gegensatz zu einer Pressemitteilung vom November heute nicht mehr sprechen - stattdessen heißt es nun, die Spannung solle „ausnahmslos“ allen erhalten bleiben.
Fest steht: Mit Charly Hübner verabschiedet sich am Sonntag ein echtes Dickschiff aus dem Universum der ARD-Sonntagskrimis. 2010 wurden er und die LKA-Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) vom Autor und Regisseur Eoin Moore eingeführt - und schon die Art und Weise, wie Hübner damals seinen Rollennamen definierte, war wohl die prägnanteste Vorstellung eines Ermittlers, seit Schimanski ein rohes Ei geschlürft hatte: „Bukow wie Fuck off“ diktierte er die Sprechweise seines Namens.
Und machte mit seiner unnachahmlichen Interpretation der Figur einen Riesenschritt auf dem Weg zu einem der beliebtesten und gefragtesten Schauspieler Deutschlands.
Schnell etablierte sich der Rostocker Polizeiruf mit packenden Folgen als einer der stärksten Sonntagabendkrimis im Programm der ARD. Immer wieder konnte man im Zusammenhang mit Bukow und König lesen, der Polizeiruf sei eben doch der bessere Tatort. Über die Jahre hinweg prägend war das angespannte Verhältnis zwischen Bukow und König, bevor sie sich Anfang letzten Jahres in der Folge „Sabine“ näherkamen und gar eine Liebesbeziehung begannen. Dieser dramaturgische Fehlgriff war der Anfang vom Ende, genauso gut hätte man die Münchner Silberrücken Batic und Leitmayr in ein homoerotisches Verhältnis überführen können.
Plötzlich ein Paar: Der Polizeiruf 110 „Sabine“
Vermutlich wusste Charly Hübner damals, im März 2021, bereits, dass er den Polizeiruf verlassen wird. Denn als der NDR seinen Abschied im Mai öffentlich machte, hieß es, er habe den Sender frühzeitig über seinen Entschluss informiert. Immerhin - der Rostocker Polizeiruf bleibt quasi in der Familie, denn als Hübners Nachfolgerin wurde seine Ehefrau, der Hamburger Theaterstar Lina Beckmann ausgewählt.
Nun aber erst mal „Keiner von uns“, die Anlehnung an die erste Folge „Einer von uns“, mit der Bukow am 18. April 2010 die Krimibühne im Ersten betrat. Natürlich hat es sich Eoin Moore nicht nehmen lassen, Hübners Ausstand und seinen insgesamt neunten Rostocker Polizeiruf zu inszenieren, für den er gemeinsam mit Anika Wangard auch das Drehbuch schrieb. Und er liefert ein weiteres Meisterwerk für den Sonntagabend ab, in dem er viele Stränge aus über zehn Jahren noch einmal zusammenführt und zudem mit Bela B von den Ärzten einen großartigen Gaststar präsentiert.
Bukow steckt mal wieder in der Falle, diesmal tiefer als je zuvor. Zunächst wird mit Tito der Inhaber eines Musikklubs und Nachfolger von Bukows Vater als Boss der Rostocker Unterwelt ermordet. Unter Verdacht gerät der exzentrische Rockstar Jo Mennecke (Bela B), mit dem Tito wegen der Gage aneinandergeraten war. Schlimmer aber noch für den Kommissar: Mit Zoran Subocek (Aleksandar Jovanovic) ist jener Gangsterboss aus dem Knast entlassen worden, den Bukow vor rund zehn Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht hatte.
Nun will Subocek zum Alleinherrscher über Rostocks Unterwelt aufsteigen und setzt dabei ausgerechnet auf Bukows Unterstützung. Denn im Knast hat er erfahren, wie der Kommissar und Katrin König vor Jahren Beweise gefälscht hatten, um einen Mann hinter Gitter zu bringen. Besseren Erpressungsstoff hätte man ihm kaum zuspielen können.
Bukow, der unter Kriminellen noch immer den Spruch „Ich bin doch einer von Euch“ fallen lässt, steht vor einem Dilemma: Riskiert er, gemeinsam mit König in den Knast zu gehen oder lässt er sich von Subocek vor den kriminellen Karren spannen, um sich und vor allem seine Freundin zu schützen? Und dann macht die ihm auch noch einen Heiratsantrag.
Die Zeichen stehen also auf ein furioses Finale. Schafft Bukow den Befreiungsschlag oder wird er zum Handlanger eines Gangsterbosses? Legt er ein Geständnis ab oder gibt er sich die Kugel, wie er Subocek angedroht hat. Wird er getötet oder enden zehneinhalb Jahre Polizeiruf 110 in Rostock für gar auf dem Standesamt? Alles ist möglich.
Polizeiruf 110: Keiner von uns. Das Erste, Sonntag, 9. Januar, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen