Serie: Das Kapitänshaus

Kraftakt für ein historisches Tapeten-Unikat

| | 06.01.2022 20:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das sind wir, Vanessa und Moritz, auf einem Stapel Bauholz in der Scheune. Wir würden gerne endlich loslegen. Foto: Böning
Das sind wir, Vanessa und Moritz, auf einem Stapel Bauholz in der Scheune. Wir würden gerne endlich loslegen. Foto: Böning
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Neues von Vanessa und Moritz Messerer aus dem Kapitänshaus in Westgroßefehn: Durch Crowdfunding wird Geld für die Restaurierung der handgemalten Landschaftstapete gesammelt. 45.000 Euro fehlen noch.

Westgroßefehn - Moritz Messerer deutet auf die Tür zum Herzstück des Westgroßefehner Kapitänshauses: dem Tapetenzimmer. Der Raum ist hell beleuchtet. Wo vorher der Dielenboden war, geht es jetzt fast eineinhalb Meter tief runter. Den alten Holzboden hatte die Feuchtigkeit über die Jahrhunderte verotten lassen. Er musste raus. Unten schimmert Grundwasser auf den Klinkersteinen des Kriechkellers. Eine Pumpe befördert es in regelmäßigen Abständen hinaus. Die historische Leinentapete mit dem idyllischen Landschaftsmotiv hängt in luftiger Höhe. Sie wirkt wie ein Kind am Rand eines Fünf-Meter-Brettes im Schwimmbad, das Angst hat zu springen.

Die Serie über das Kapitänshaus

Unsere Serie über Moritz und Vanessa, die ein altes Kapitänshaus in Westgroßefehn vor dem Abriss retten

Vanessa und Moritz Messerer sind ein junges Paar aus Westgroßefehn. Sie haben hier ein altes Kapitänshaus gekauft und wollen das denkmalgeschützte Gebäude vor dem Abriss retten. Wir begleiten sie regelmäßig bei ihrem Großprojekt und stellen das historische Kapitänshaus und seine zahlreichen spannenden Geschichten vor. Außerdem erzählen Moritz und Vanessa von ihren Erlebnissen auf dem Weg zum Traumhaus.

Wichtige Infos:

  • Das Crowdfunding ist unter „www.startnext.com/das-kapitaenshaus“ zu finden. Die Zielsumme beträgt 20.000 Euro. Gebraucht werden insgesamt 45.000 Euro.
  • Das Kapitänshaus ist in einer 60-minütigen Nordstory zu sehen, die der NDR am Freitag, 7. Januar, um 20.30 Uhr sendet. Es geht um junge Menschen, die ein Herz für alte Häuser haben.

Kontakt:

Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema? Nicole Böning nimmt sie entgegen und ist erreichbar unter: 04941/6077519 E-Mail: n.boening@zgo.de

„Noch einen Winter unter diesen Bedingungen hätten wir der Tapete gerne erspart“, sagt Moritz Messerer. Die Genehmigung der Baumaßnahmen für den neuen Boden und die Dämmung des Raumes gestalten sich schwieriger als gedacht. „Die Tapete sollte einem solchen Klima nicht ausgesetzt sein“, warnt Diplom-Restauratorin Tanja Pieper-Beenken, die das Konzept für die Rettung des handgemalten Wandbehangs erstellt hat. Auch für sie ist die Leinentapete etwas ganz Besonderes. „40 davon soll es in Bürgerhäusern Ostfrieslands gegeben haben,“ sagt sie: „Erhalten sind jetzt noch vier.“

Das Tapetenzimmer ist das Herzstück des Kapitänshauses. Die historische niederländische Tapete ist laut Diplom-Restauratorin Tanja Pieper-Beenken eines von vier noch existierenden Exemplaren in ganz Ostfriesland. Aktuelle Bilder unter www.instagram.com/daskapitaenshaus. Foto: Messerer
Das Tapetenzimmer ist das Herzstück des Kapitänshauses. Die historische niederländische Tapete ist laut Diplom-Restauratorin Tanja Pieper-Beenken eines von vier noch existierenden Exemplaren in ganz Ostfriesland. Aktuelle Bilder unter www.instagram.com/daskapitaenshaus. Foto: Messerer

Maßgeschneiderte Tapete für das Haus

Vor dem Bau seines Hauses soll Kapitän Tole Janszen Wiese die Leinentapete im Jahr 1804 bei der „Schilder, Druk en Behangelsfabriek“ im niederländischen Hoorn bestellt haben, die zur Firma Vaderlandsche Maatschappij gehörte. Maßangefertigt und nach seinem Geschmack gestaltet. Das bestätigt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), die den Erhalt der Leinentapete mit 75.000 Euro unterstützt. Das Haus selbst wurde laut Giebelstein erst im Jahr 1807 fertiggestellt.

In der Dokumentation zu einer aus der Manufaktur stammenden Tapete ist zu lesen: „Im Westfries Museum in Hoorn sind 115 Entwürfe und Musterblätter dieser Manufaktur erhalten geblieben. Zwischen 1803 und 1812 hat die Fabrik laut den Rechnungsbüchern für verschiedene Objekte in Ostfriesland Wandbespannungen hergestellt.“ Neben den Leinwänden im Haus Klasen in Leer blieb auch in Weener ein Objekt erhalten. Die Leinwände befinden sich jetzt im Trauzimmer des Rathauses. „Außerdem gibt es noch eine ähnliche Tapete in Emden“, so Tanja Pieper-Beenken.

So frisch könnte die Tapete später aussehen. Foto: Messerer
So frisch könnte die Tapete später aussehen. Foto: Messerer

Ein Zimmer für die Öffentlichkeit

Auch Moritz und Vanessa Messerer wollen die Tapete im Kapitänshaus öffentlich zugänglich machen. „Vielleicht für Hochzeiten, Lesungen oder Vorträge“, zählt Vanessa Messerer auf. Wie 1807 würden die Besucher dann durch die historische Haustür auf dem aus Belgien importierten Blaustein in das Landschaftszimmer gehen. Einen solchen Schatz für sich zu behalten käme dem Paar komisch vor.

Bis die ersten Gäste kommen können, ist es ein weiter Weg. Moritz wusste, was das Paar bei der Renovierung eines alten Gebäudes erwartet. Seine Eltern haben ihr denkmalgeschütztes Haus in Ganderkesee ebenfalls in Eigenregie renoviert. Er hat ihnen dabei geholfen. „Wir haben viele Handwerker in der Familie und können die meisten Arbeiten selbst erledigen“, sagt er. Vanessa hat er mit Fotos darauf vorbereitet, was sie erwarten könnte. „Vor dem Start habe ich ihr einen riesigen Stapel Bilder von der Sanierung bei meinen Eltern gezeigt“, sagt er und grinst. „Ihr sind die Gesichtszüge ganz schön entglitten.“

Bis es mit dem Boden weitergehen kann, stellt sich das Paar der größten Herausforderung: Um die Landschaftsmalerei deutlich sichtbar zu machen, Schäden zu beseitigen und die alten Künstlerfarben mit neuem Firnis zu schützen, sind laut Kostenvoranschlag 120.000 Euro notwendig. Abzüglich der 75.000 Euro von der DSD fehlen 45.000 Euro. Um einen Teil der Kosten zu decken, haben Vanessa und Moritz ein Crowdfunding gestartet. Hierbei kann jeder das Projekt unterstützen. Als Dankeschön gibt es Postkarten, eine persönliche Führung, eine namentliche Nennung auf einer Dankestafel oder limitierte Fotodrucke der Tapete. „Es wäre schön, wenn viele mitmachen“, sagt Vanessa Messerer, „allein schaffen wir das nicht.“

Tagebucheintrag

Das Baumaterial wartet auf seinen Einsatz Moin!

Lange haben wir nicht mehr geschrieben. Das liegt daran, dass wir sehr viel Zeit mit den Genehmigungungen unserer Baumaßnahmen verbracht haben. Viele Gespräche wurden geführt – mit dem Landkreis Aurich und anderen Stellen. Der Winter brachte ein feuchtkaltes Klima ins Haus. Deshalb sind wir in einen Wohnwagen im Garten umgezogen. Eine Mietwohnung kam für uns nicht infrage: Nah an der Baustelle zu sein ist uns wichtig, denn das Haus ist unser Lebensmittelpunkt und ein Herzensprojekt.

Mittlerweile liegt viel Material im Gulf und wartet auf seinen Einsatz im Haus. Allerdings ist die Abstimmung hierfür langwierig und anstrengend. Langsam sehen wir aber Licht am Ende des Tunnels. Nicht nur wegen einer großzügigen Spende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, sondern auch wegen des Zuspruchs, den wir von vielen Seiten bekommen. Leider reichen die 75.000 Euro der Stiftung nicht aus, um die Landschaftsmalerei im Tapetenzimmer komplett zu restaurieren. Deshalb haben wir ein Crowdfunding gestartet. Es fehlen noch 45.000 Euro. Hoffentlich machen viele mit. Wir haben ein Konto eingerichtet, falls jemand lieber überweisen möchte. Infos gibt es per Mail an

DasKapitaenshaus@gmx.de oder telefonisch unter 0152/01002234. Wir rufen zurück.

Die Dreharbeiten mit dem NDR sind übrigens inzwischen abgeschlossen und wir sind Freitag um 20.30 Uhr im NDR-Fernsehen zu sehen.

Liebe Grüße von Moritz und Vanessa Messerer

Der Gulfhof von Vanessa und Moritz Messerer in Westgroßefehn. Das Gebäude nennen die beiden auch das Kapitänshaus. Foto: Ortgies
Der Gulfhof von Vanessa und Moritz Messerer in Westgroßefehn. Das Gebäude nennen die beiden auch das Kapitänshaus. Foto: Ortgies

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