OZ-Serie „Wohnen und Leben“
Vom Haus in den Van: Leben auf sieben Quadratmetern
Ein spontaner Entschluss stellt das Leben von Tomke und Jakob Prößdorf aus Leer auf den Kopf: Sie kündigten ihren Mietvertrag und zogen in einen Van, der jetzt ihr neues Zuhause ist.
Leer - Ein schönes, großes Haus mit Garten, Platz für Freunde und Familie: All das haben Tomke und Jakob Prößdorf gegen ein Leben auf etwa sieben Quadratmetern eingetauscht. Nicht etwa, weil ihnen finanziell nichts anderes übrig blieb. Sondern ganz einfach, weil das junge Ehepaar Lust auf das Experiment „Leben auf vier Rädern“ hatte. Die beiden selbstständigen Fotografen fassten den Entschluss, mit dem sie schon länger geliebäugelt hatten, eines Abends zur Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Ein verrückter und risikoreicher Plan, wie Familie und Freunde fanden.
Spontan Mietvertag gekündigt
Schon am nächsten Tag schrieben sie die Kündigung für das 130-Quadratmeter große Haus in Heisfelde, in dem sie seinerzeit zur Miete wohnten. „Dabei hatten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Van in Aussicht“, erinnert sich die 26-Jährige. Die erste Recherche verhieß nichts Gutes: Offenbar hatten viele Menschen mitten in der Pandemie die Idee, einen Bulli zu einem Mini-Haus umzubauen. Der Markt war wie leergefegt. Etwa einen Monat später entschieden sich die beiden dann für ein Neufahrzeug: Der ganze Stolz der beiden Leeraner ist seitdem ein Peugeot Boxer L4H3, den sie vor allem auch deshalb aussuchten, weil ein Bett quer hineinpasst. „Dadurch haben wir viel Platz gespart“, erklärt Tomke Prößdorf.
An Komfort durfte es nicht fehlen
Schnell war klar, dass das mobile Heim auf Rädern einiges braucht: Unter anderem eine Dusche, eine Toilette und fließend Wasser. Die drei Monate bis zum Ende des Mietvertrags reichten für den Umbau nicht aus, es wurden ganze fünf, ehe Tomke und Jakob Prößdorf ihre neue „Wohnung“ im Oktober 2020 beziehen konnten. Der Umbau verlangte ihnen einiges an handwerklichem Geschick ab. Was sich nun hinter der großen Schiebetür und hinter den beiden Heckklappen verbirgt, ist ein gemütliches Stauraumwunder mit moderner Technik samt Doppelbett, Dusche, Toilette, kleiner Küche und vielen Einbauschränken. Platz für den gesamten Hausstand bietet der Bulli nicht. Die Klamotten aus dem ehemaligen Ankleidezimmer reduzierte Tomke Prößdorf auf ein Minimum. „Heute habe ich zwei Boxen: Eine mit Sommer- und eine mit Winterklamotten.“ Möbel, Deko, Geschirr und alles andere hat das Ehepaar verkauft. Ohne Reue. „Wir sind vom Kapitalismus zum Minimalismus gewechselt“, sagt Jakob Prößdorf. „Und wir haben festgestellt, dass wir das alles gar nicht brauchen“, ergänzt Tomke Prößdorf. „Ich war noch nie so frei und glücklich.“
Ein Traum im Bohemian-Stil
Doch warum selbst umbauen und nicht gleich ein fertiges Wohnmobil kaufen? Für Jakob und Tomke Prößdorf stand die Individualität an erster Stelle. „Es ist schließlich unser Zuhause und nicht nur eine Ferienunterkunft“, sagt Tomke Prößdorf. „Da wollten wir gerne unsere eigenen Ideen mit einfließen lassen.“
Makramee, Mandalas, Traumfänger und Trockenblumen: Der Van versprüht den Bohemian-Chic, der von warmen Farben und Erdtönen lebt. Das alles wirkt sehr gemütlich, kuschelig und einladend. Doch fehlt nicht etwas, wenn man nur so wenig Platz zur Verfügung hat? „Ja, definitiv eine Badewanne“, sagt Tomke Prößdorf. Auch vermisse sie es hin und wieder, Platz für Freunde zu haben und diese auch einladen zu können. Vor allem jetzt im Winter ist das auf sieben Quadratmetern schwer möglich.
Mehr zum Thema
Zahlen, Daten, Fakten
Tomke und Jakob Prößdorf haben einen Peugeot Boxer L4H3 als Neufahrzeug gekauft und innerhalb von fünf Monaten zu einem Zuhause auf vier Rädern umgebaut. Das Fahrzeug ist knapp 6,40 Meter lang und drei Meter hoch.
Ausstattung und Technik
Im Inneren befindet sich ein Herd samt Backofen, der mit Strom betrieben wird. Auf dem Dach des Vans gibt es zwei Solarpanell mit 630 Watt. Das Licht lässt sich per App steuern. An Bord ist eine Dieselstandheizung verbaut. Es gibt eine Wasserpumpe, die an einen 150 Liter großen Wassertank und einen Warmwasserboiler angeschlossen ist. Zum Kühlen von Lebensmitteln gibt es einen kombinierten Kühl- und Gefrierschrank.
„feuerquell_on_tour“ auf Instagram
Wer bei Google den Suchbegriff „Vanlife“ eingibt, stößt dort auf eine große Bandbreite von Blogs und Austauschforen rund um das Thema „Leben im Van“. Auch Tomke und Jakob Prößdorf sind dort vertreten. Zu finden sind die beiden auf Instagram unter dem Namen „feuerquell_on_tour“. Interessierte können sich dort Videos und Fotos von ihren bisherigen Reisen ansehen, Infos über den Van nachlesen und die beiden auch auf ihren zukünftigen Abenteuern verfolgen. Die nächste Reise führt nach Nordschweden.
Vorteile überwiegen für das Paar
Doch vielmehr stehen die Vorteile des neuen Lebens für die beiden im Fokus: Einerseits spart es Geld und Zeit. Es müssen keine Miete oder ein Kredit bezahlt werden. Viel zu putzen gibt es nicht und ein Garten braucht auch nicht mehr gepflegt werden. Auf beruflichen Terminen haben die beiden einfach immer alles dabei. Ein Hotelzimmer brauchen sie nicht. Tomke und Jakob Prößdorf gelingt es dank des Vans auch, die Arbeit und das Reisen miteinander zu kombinieren. „Wir nehmen unsere Projekte einfach mit“, sagt Tomke Prößdorf. Das hat auch dazu geführt, dass das Verhältnis von Arbeit und Freizeit wieder im Gleichgewicht sei. Allein im vergangenen Jahr haben die beiden 14 Länder bereist, darunter Dänemark, Schweden, Österreich, Italien, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Kroatien und Slowenien. Immer wieder an einem anderen Ort aufzuwachen, daran muss man sich erstmal gewöhnen, sagt Jakob Prößdorf.
Inzwischen kann er sich das Leben in einer normalen Wohnung oder in einem Haus genau wie seine Frau nicht mehr vorstellen. Etwas mehr Platz darf es dennoch künftig sein: Das Ehepaar schmiedet bereits Pläne für seinen nächsten großen Traum: Ein Tiny-House soll es werden.
Wie Corona den Vanlife-Trend anheizt
Das Wohnen und Reisen auf vier Rädern ist so beliebt wie nie. In Zeiten der Pandemie setzen viele Touristen auf das individuelle Reisen statt auf Pauschalurlaub im Hotel, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Enormen Zuwachs gibt es bei den Wohnmobilen: 78.055 Neuzulassungen 2020 und damit plus 44,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr meldet der Caravaning Industrie Verband (CIVD), der die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes detailliert auswertet. Insgesamt wurden erstmals mehr als 100.000 Freizeitfahrzeuge, also Reisemobile und Caravans in Deutschland binnen eines Kalenderjahres neu zugelassen: 107.203. Das entspricht einem Plus von 32,6 Prozent. Bei den Wohnwagen fiel der Zuwachs geringer aus: 29.148 Neuzulassungen (8,2 Prozent).
Individuelles Reisen mit Wohnmobil oder Caravan sei eben in Corona-Zeiten „eine besonders sichere Urlaubsform“, sagt CIVD-Präsident Hermann Pfaff zu dem anhaltenden Boom, der in der Pandemie offenbar noch verstärkt wird.
Zeitgleich wird das Wohnen im Van oder Wohnmobil immer individueller. Das Leben im Bulli oder Wohnmobil ist ein großes Thema in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag „Vanlife“ finden sich knapp zwölf Millionen Beiträge auf Instagram. Besitzer von selbst umgebauten Vans tauschen sich dort unter anderem über Tipps aus und präsentieren ihre Fahrzeuge samt privater Urlaubsfotos. Ein einsamer Stellplatz auf der Klippe bei Sonnenuntergang, ein Camper am Flussufer, davor flackert ein Lagerfeuer, im Hintergrund Bergpanorama: Mit solchen Bildern präsentiert sich die Vanlife-Szene oft in den sozialen Medien und vermittelt Nähe zur Natur, Freiheit, Abenteuer. Während einige Van-Besitzer ihr Fahrzeug nur für Reisen nutzen, leben andere wie Tomke und Jakob Prößdorf dauerhaft in ihrem Zuhause auf vier Rädern.
Mitmachen!
Sie haben einen alten Gulfhof oder eine traditionelle Stadtvilla modern renoviert? Sie leben in einem Tiny-Haus oder in einem besonderen Wohnprojekt mit mehreren Generationen? Ihr Haus ist architektonisch auffällig oder Sie haben ein Händchen für besondere Einrichtung?
Wir suchen Menschen in Ostfriesland, die uns im Rahmen dieser Serie einen Blick durchs Schlüsselloch gewähren und ihren Wohntraum vorstellen. Interessierte können sich per E-Mail an s.tome@zgo.de oder auch telefonisch unter 0170/3707342 melden.
In der nächsten Folge geht es um den ostfriesischen Stil, den hierzulande viele Menschen gerne in den eigenen vier Wänden haben.