Osnabrück
Münster-Tatort „Des Teufels langer Atem“: Schnell vergessen
20 Jahre, 40 Folgen - der Münster-Tatort geht ins Jubiläumsjahr. Doch die Folge „Des Teufels langer Atem“ ist zu einem extrem müden Spaß geraten.
„Sie wirken etwas derangiert, Thiel.“ Rechtsmediziner Professor Boerne (Jan Josef Liefers) hat den Münsteraner Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) gerade mit einem übertrieben freundlichen „Guten Morgen“ aus dem Schlaf geholt und sitzt nun vor einem Häufchen Elend. Dieses Häufchen liegt in einem Hotelbett, hat Blessuren am ganzen Körper, einen schweren Schädel und vor allem - keine Erinnerung mehr an die Nacht zuvor. An den Abend, an dem er Boerne heillos betrunken und weinend angerufen und um Hilfe gebeten hat.
So war der letzte Münster-Tatort „Rhythm and Love“
Willkommen im Tatort „Des Teufels langer Atem“, mit dem dessen erfolgreichster Ableger, die Klamauk-Könige aus Münster, gleich doppelt anstoßen: Die neue Folge ist bereits der 40. Auftritt des westfälischen Quotenwunders - das damit in sein 20. Jahr geht, in dem es gleich drei neue Episoden geben soll.
Gestartet am 20. Oktober 2002 mit der Folge „Der dunkle Fleck“, die damals knapp neun Millionen Zuschauer sahen, locken Prahl und Liefers seit fast zehn Jahren 12, 13 oder gar 14 Millionen vor den Fernseher und werden nur noch von den wenigen attraktiven Fußballspielen übertroffen, die es öffentlich-rechtlich noch zu sehen gibt. Längst hat sich der Kult verselbstständigt. Der Inhalt mag noch so absurd, überdreht und an den Haaren herbeigezogen sein - die Leute lieben und feiern das Format. Ein unschätzbarer Vorteil für schwächere Folgen wie „Des Teufels langer Atem“.
Interview: Prahl und Liefers über Corona-Langeweile
Thiel ist in einen Ort außerhalb seines polizeilichen Zuständigkeitsgebiets gereist, wo sein „Vaddern“ wegen des Verdachts auf einen Hirntumor behandelt wird. Als die behandelnde Ärztin den Verdacht bestätigt und damit quasi das Todesurteil für den alten Kiffer ausspricht, lässt sich der Kommissar bis zum Stehkragen volllaufen und ruft am Ende in seiner Verzweiflung Boerne an.
Als wäre das nicht genug, wird in einem nahegelegenen Wald auch noch die Leiche von Thiels früherem Chef aus Hamburger Zeiten gefunden, den er vor 20 Jahren des Mordes an seiner Frau überführt hat. Ganz in der Nähe steht Vadderns Taxi im Wald und auch sonst sprechen diverse Indizien dafür, dass Thiel den Mann mit seiner Dienstwaffe erschossen hat. Aber der kann sich ja an nichts mehr erinnern.
Finden Sie abstrus? Ist es auch. Wobei Boernes Sprüche es diesmal nicht besser machen. Sein Spott ergießt sich diesmal weniger über der kleinwüchsigen Mitarbeiterin Silke „Alberich“ Haller - nun hat er eine eher großgewachsene und nicht ganz idealgewichtige Kollegin ins Visier genommen und verfestigt das Niveau dieses Krimis knapp über der Grasnarbe. Als sich die beiden Frauen gegen den Professor verbünden, darf man sich in Stummfilmzeiten mit „Pat und Patachon“ zurückversetzt fühlen.
Und als bei Thiel die Erinnerungen an den Abend stroboskop-artig in bunten Bildern langsam zurückkehren, wird das Ganze zu einer Art Psycho-Klamauk. Verantwortlich dafür sind zwei, die sich um den Münster-Tatort durchaus schon verdient gemacht haben. Für Drehbuchautor Thorsten Wettcke ist es nach „Zwischen den Ohren“ (2011), „Schwanensee“ (2015), „Gott ist auch nur ein Mensch“ (2017) und „Lakritz“ (2019) bereits seine fünfte Arbeit für die Westfalen. Und Regisseurin Francis Meletzky hat nach einem von Wettckes Büchern 2011 mit „Zwischen den Ohren“ einen der besten Münster-Tatorte überhaupt inszeniert.
Auch damals spielte der Alkohol keine unerhebliche Rolle. Auch damals duzten sich Boerne und Thiel am Ende des Films. Das scheint ihr zu gefallen, hat andere Autoren und Regisseure aber nicht davon abgehalten, die beiden zum Sie zurückkehren zu lassen.
Da helfen weder Alkohol noch illegale Substanzen - „Des Teufels langer Atem“ ist eher zum filmischen Flachpass geraten. Runde Geburtstage mögen ja schön sein - der Münster-Tatort wirkt zu Beginn des Jubiläumsjahres vor allem eins: in die Jahre gekommen. Oder wie Boerne es formulieren würde: Etwas derangiert.
Tatort: Des Teufels langer Atem. Das Erste, Sonntag, 16. Januar 2022, 20.15 Uhr.
Wertung: 3 von 6 Sternen