Wohnen

Zu teuer: Greetsieler geben Baugrundstücke zurück

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 14.01.2022 10:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vielerorts in Ostfriesland fehlt es an Bauplätzen. In Urlauberorten wie Greetsiel ist die Lage jedoch besonders angespannt. Fotos: Wagenaar
Vielerorts in Ostfriesland fehlt es an Bauplätzen. In Urlauberorten wie Greetsiel ist die Lage jedoch besonders angespannt. Fotos: Wagenaar
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Viele Greetsieler haben jahrelang auf ein Grundstück im Baugebiet Grachten II gehofft und sich über das vergünstigte Angebot für Einheimische gefreut. Nun treten sie zurück – weil es zu teuer wird.

Greetsiel - Eigentlich wollte sich Jannick Gosselaar zusammen mit seiner Freundin Lea Woltmann in Greetsiel niederlassen und die Zeichen standen gut. Als 26-Jähriger, dessen Familie aus dem Fischerdorf stammt, erhielt er nämlich den Zuschlag für ein vergünstigtes Einheimischen-Grundstück im Neubaugebiet Grachten II. Immerhin sollen mehr junge Familien in Greetsiel leben. Nun müssen die beiden aber schweren Herzens auf das Stück Land verzichten. Was war geschehen?

Was und warum

Darum geht es: Zwar haben vor allem junge Greetsieler Anspruch auf einen vergünstigten Bauplatz im Baugebiet Grachten II. Das bringt ihnen derzeit aber nicht unbedingt etwas.

Vor allem interessant für: Menschen, die in der Gemeinde Krummhörn – oder auch andernorts – bauen möchten

Deshalb berichten wir: Wir hatten den Hinweis bekommen, dass mehrere Leute vom Kauf zurückgetreten sein sollen und sind der Sache auf die Spur gegangen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Wie Gosselaar unserer Zeitung auf Nachfrage berichtet, hatten die beiden nach der Bewerbung für das Grundstück „ewig“ auf eine Rückmeldung gewartet. Dann ging alles plötzlich ganz schnell und es zeigte sich, dass das Pärchen ein hohes Risiko hätte eingehen müssen. Zum einen seien die Rohstoffpreise und damit auch die Baukosten seit der Bewerbung stark gestiegen. Es habe sich kein Bauunternehmen gefunden, dass den beiden einen Fixpreis zusagen wollte, sagt der Hufschmied. Grob über den Daumen gepeilt habe es jedoch von mehreren Seiten geheißen, dass man für ein normales Einfamilienhaus schon besser 550.000 Euro einplanen sollte. Das sei sehr viel Geld für junge Paare mit wenig Eigenkapital, so Gosselaar. Alleine im vergangenen Jahr seien die Preise für ein Haus um etwa 50.000 bis 100.000 Euro gestiegen.

Bauunternehmen sind ausgelastet

Zum anderen sei bei den Einheimischen-Grundstücken vertraglich festgelegt, dass die Bauarbeiten innerhalb von drei Jahren beginnen müssen. Nach vier Jahren müssen die Häuser bezugsfertig sein. „Das ist ein strammer Zeitplan, wenn man bedenkt, dass die Unternehmer wegen des Baubooms ausgelastet sind“, so Gosselaar. Werde diese Frist nicht eingehalten, so steigt der Grundstückspreis jedoch von 99 Euro pro Quadratmeter auf 230 Euro und entspricht damit den anderen Bauflächen von Grachten II, die jeder kaufen kann – wenn man denn genug Geld hat.

Der „Einheimischenteil“ von Grachten II ist inzwischen voll erschlossen.
Der „Einheimischenteil“ von Grachten II ist inzwischen voll erschlossen.

Der 26-Jährige bleibt jetzt erst einmal in Jennelt wohnen und schaut sich nach Alternativen um. Es sehe aber nicht gut aus. „Die Baupreise sind überall gleich, so schnell finden wir keinen Ersatz.“ Auch an gebrauchte Häuser, die halbwegs bezahlbar sind, komme man immer schwieriger ran, sagt er.

Kein Einzelfall

Bei Jannick Gosselaar und Lea Woltmann handelt es sich um keinen Einfall, wie auch Greetsiels Ortsvorsteher Gerd Wellbrock und sein Vorgänger Alfred Jacobsen auf Nachfrage bestätigen. „Viele haben wohl kalte Füße bekommen“, vermutet Wellbrock. „Das ist umso frustrierender, wenn man schon jahrelang auf einen Bauplatz gewartet hat.“ Auch bei der Gemeinde Krummhörn ist das Thema bekannt, wie dessen Sprecher Fritz Harders bestätigt. Warum die Grundstücke zurückgegeben werden, wisse man aber nicht.

Harders ergänzt, dass die nun zurückgegebenen Grundstücke an die Niedersächsische Landgesellschaft zurückfallen und nicht auf den freien Markt gehen. Stattdessen werde es eine zweite Bewerbungsrunde geben. Wann und unter welchen Bedingungen, das müsse allerdings erst der Gemeinderat entscheiden.

Niedersächsische Landgesellschaft kündigt Stellungnahme an

Wie viele Grundstücke wurden eigentlich insgesamt zurückgegeben und wie viele sind nun verfügbar? Was passiert, wenn Einheimische schon gebaut haben und dann – anders als geplant – doch sofort wieder wegziehen? Bei diesen und weiteren Fragen verweist die Gemeinde an die Landgesellschaft in Aurich, wo es jetzt auf Nachfrage heißt, dass man unsere Anfrage erst in der nächsten Woche beantworten könne.

Um an ein vergünstigtes Grundstück im Neubaugebiet Grachten II zu kommen, müssen die Bewerber ein Auswahlverfahren durchlaufen. Mithilfe eines Punktekatalogs wird dabei geprüft, ob man bereits in der Gemeinde lebt beziehungsweise ob und, falls ja, wie lange man dort in der Vergangenheit gewohnt hat. Zudem wird bereits vorhandener Grundbesitz abgefragt und die Gemeinde will wissen, ob man verheiratet ist, Kinder oder Angehörige mit Pflegegrad oder Behinderung hat. Auch ehrenamtliches Engagement und der Ort des Arbeitsplatzes spielen eine Rolle.

Bei den vergünstigten Grundstücken war es, so hieß es im vergangenen Jahr seitens der Verwaltung, „ausdrücklicher Wille der Politik, bevorzugt jungen Menschen aus der Region dort ein Grundstück zu einem subventionierten Quadratmeterpreis anzubieten“. Insgesamt habe es auf 41 Grundstücke 80 Bewerbungen gegeben. 28 Grundstücke wurden im vergangenen Jahr Interessenten angeboten. Das Durchschnittsalter der Bewerber sei 30 Jahre gewesen, es wurden aber auch ältere Interessenten bedacht. Das von der Politik entworfene Vergabeverfahren habe sich, so hieß es im vergangenen Jahr von verschiedenen Seiten, in der Praxis als nicht so tauglich wie gedacht herausgestellt. Greetsiel gehört genau wie Pewsum zu den einzigen Orten in der Krummhörn, in denen noch größere Neubaugebiete ausgewiesen werden können.

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