Geschichte der Region

Das Missionieren mit dem Leben bezahlt

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 16.01.2022 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bonifatius fällt die Donareiche – die Farblithographie entsand circa 1900 nach einem Gemälde von Heinrich Maria von Hess, 1834/44. Foto: commons.wikimedia.org
Bonifatius fällt die Donareiche – die Farblithographie entsand circa 1900 nach einem Gemälde von Heinrich Maria von Hess, 1834/44. Foto: commons.wikimedia.org
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Der Versuch, die heidnischen Friesen zum Christentum zu bekehren, endete für Bonifatius einst mit dem Tod. Der Missionar gehört zu den Glaubensboten, die in einem neuen Buch vorgestellt werden.

Ostfriesland - In seinem neuen Buch porträtiert Matthias Hilbert „Außergewöhnliche Glaubensboten in Ostfriesland“, so der Titel. Dabei schlägt der Autor einen großen historischen Bogen vom frühen Mittelalter über die Reformationsära bis ins 20. Jahrhundert. Anhand verschiedener Lebensbilder veranschaulicht er, wie sich das Christentum in der Region im Laufe der Zeit teils im Einklang mit den Herrschenden, teils aber auch gegen die jeweiligen Machthaber entwickelt hat.

Von den Gegnern erschlagen

Zum Auftakt beschreibt Hilbert diverse angelsächsische Missionare, die im 7. und 8. Jahrhundert erste Versuche unternahmen, die heidnischen Friesen vom christlichen Glauben zu überzeugen. Bekanntester Vertreter dürfte Bonifatius sein. Sein Name ist bis heute untrennbar mit der Fällung der berüchtigten Donar-Eiche verbunden. Die Zerstörung solcher germanischen Kultstätten sollte die Konvertierten einerseits davon abhalten, ihren alten Göttern zu huldigen und andererseits deren Machtlosigkeit zu demonstrieren. Allerdings waren längst nicht alle beeindruckt, wie auch Bonifatius schmerzlich erfuhr.

Matthias Hilbert, selber Pastorensohn, hat ein neues Buch vorgelegt. Darin geht es um vier außergewöhnliche Glaubensboten in Ostfriesland. Ein Vorgängerbuch aus dem Jahr 2020 drehte sich um „Ostfrieslands leidenschaftliche Pastoren“. Foto: privat
Matthias Hilbert, selber Pastorensohn, hat ein neues Buch vorgelegt. Darin geht es um vier außergewöhnliche Glaubensboten in Ostfriesland. Ein Vorgängerbuch aus dem Jahr 2020 drehte sich um „Ostfrieslands leidenschaftliche Pastoren“. Foto: privat

Als er sich nach erfolgreichem Aufbau von Kirchenorganisationen in Thüringen, Mainfranken und Bayern mit über 80 Jahren entschloss, nun auch noch die Christianisierung der Friesen in Angriff zu nehmen, musste er das mit seinem Leben bezahlen. Um 755 wurden er und seine Begleiter auf dem Weg zu einer Firmung bei Dokkum von Gegnern der christlich-fränkischen Missionierung erschlagen.

Friesen leisteten Widerstand

Deren Widerstand rührte nicht von ungefähr. Aus Sicht der fränkischen Herrscher spielte der Glaube an sich eine Nebenrolle. Sie betrachteten das Christentum eher als probates Mittel, um die militärische Unterwerfung der von ihnen eroberten Gebieten auch politisch zu manifestieren. Freiheitsliebende Friesen wie der sagenumwobene König Radbod mochten sich damit nicht abfinden. Er marschierte mit seinen Truppen sogar bis kurz vor Köln und besiegte dort das Heer des fränkischen Hausmeiers Karl Martell.

Buch und Autor

Das Buch „Außergewöhnliche Glaubensboten in Ostfriesland. Vier Personenporträts: Liudger – Johannes a Lasco – Menno Simons – Karl Immer“ von Matthias Hilbert hat 128 Seiten und kostet 9,90 Euro (ISBN: 978 - 375 432 3410). Die digitale Version ist für 3,49 Euro zu haben.

Das Vorwort stammt von Dr. Martin Heimbucher, bis vor Kurzem Kirchenpräsident der reformierten Kirche.

Matthias Hilbert lebt in Gladbeck, hat aber Wurzeln in Ostfriesland. Am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer machte der Pastorensohn und heutige Lehrer im Ruhestand sein Abitur.

Dies war die einzige Niederlage jenes Feldherrn, der 732 in der Schlacht von Tour und Poitiers immerhin den Vormarsch der Araber stoppen konnte. Obwohl Radbod den Missionar Willibrord persönlich empfangen haben und ihm durchaus respektvoll begegnet sein soll, lehnte er es strikt ab, sich taufen zu lassen.

Welche Rolle spielte Liudger?

Die Christianisierung der Friesen schritt trotzdem unaufhaltsam voran. Eine Schlüsselposition nahm der um 742 in Utrecht geborene und von Karl dem Großen als „Glaubensbote“ beauftragte Liudger ein. Ihm widmet Matthias Hilbert in seinem Buch ein eigenes Kapitel. Der Sohn eines angesehenen friesischen Adelsgeschlechts war der erste Bischof von Münster und Gründer des Klosters Werden, das über entsprechende Lehensverträge auch und gerade in Ostfriesland in den Besitz zahlreicher Ländereien und Höfe gelangte.

Damit wurde die entscheidende Basis für die Verbreitung des Christentums in der Region geschaffen, wenngleich es bis zur endgültigen Verdrängung der heidnischen Sitten und Gebräuche schon noch ein paar Jahrhunderte dauern sollte.

Ein sicherer Hafen für Flüchtlinge

Zu Beginn der Reformation hatte Ostfriesland faktisch den Status einer Grafschaft. Die territoriale Einheit existierte jedoch höchstens auf dem Papier. Der regierenden Fürstenfamilie Cirksena gelang es nie wirklich, die ihnen verbrieften Ansprüche vollständig umzusetzen. Ein mächtiger Gegenpol war die aufstrebende Hafenstadt Emden, die Glaubensflüchtlingen aus ganz Europa Zuflucht gewährte. Zu ihnen gehörte unter anderem der aus Polen stammende Reformator Johannes a Lasco, der 1543 Superintendent von Emden wurde.

Der aus Polen stammende Reformator Johannes a Lasco – hier von einem unbekannten Künstler auf einem Kupferstich verewigt – lebte von 1499 bis 1560 und hat auch in Ostfriesland seine Spuren hinterlassen.
Der aus Polen stammende Reformator Johannes a Lasco – hier von einem unbekannten Künstler auf einem Kupferstich verewigt – lebte von 1499 bis 1560 und hat auch in Ostfriesland seine Spuren hinterlassen.

1544 initiierte er den Coetus der reformierten Prediger Ostfrieslands, der nach wie vor regelmäßig in der Emder Neuen Kirche tagt und deshalb als älteste Pastorenvereinigung innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands gilt. Parallel dazu fand auch die Täuferbewegung jede Menge Anhänger in der Region. Einer der führenden Vertreter hier war der Namensgeber der Mennoniten Menno Simons, der sich 1544 in Emden zu einem religiösen Streitgespräch mit Johannes a Lasco traf.

Manslagter leistete Widerstand gegen die Nazis

Nach der Vorstellung und Einordnung dieser beiden außergewöhnlichen Glaubensboten beschäftigt sich Matthias Hilbert zum Schluss seines Buches dann noch ausführlich mit dem 1888 in Manslagt geborenen Theologen Karl Immanuel Immer. Dieser war einer der Mitbegründer der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung und Unterdrückung durch die Nationalsozialisten wehrte.

Selbst nach Hitlers Machtergreifung bot Immer den Nazis weiterhin im wahrsten Wortsinne todesmutig die Stirn, indem er in seinen Predigten und Schriften die Christen aus ihren Glaubensbekenntnis heraus zum Widerstand aufrief. 1937 wurde er daraufhin inhaftiert und erlitt den ersten von mehreren Schlaganfällen, an deren Folgen er im Sommer 1944 verstarb.

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